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Seelische Hausapotheke 5 Ideen gegen dicke Luft und schlechte Stimmung im Familienalltag

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© mrs / Getty Images
Familie ist der Ort, an dem wir uns geborgen fühlen, uns fallen lassen können, an dem wir einfach glücklich sind, vor Liebe fast vergehen. Und gestresst, genervt, verzweifelt, sauer, traurig und wütend auf alles und jeden. Beides ist normal. Was bei Letzterem hilft, ist Familienfürsorge. Wie das geht, verrät Familientherapeut Malte Leyhausen in seinem Buch "Familie ist nichts für Feiglinge".
Linda Berger

Für 93 Prozent der Deutschen ist die Familie einer der wichtigsten Anker für ihr seelisches Wohlbefinden. Wenns rund läuft zumindest. Aber mal ehrlich, wo läuft es schon immer rund? In der Regel ist ein buntes Potpourri an Gefühlen, die uns durch den Alltag tragen. Es ist schließlich auch nicht so easy zwischen Wäschebergen, Schulstress, Arztterminen, Wocheneinkauf und Job die Laune am Anschlag des Wohlfühlbarometers zu halten und jeden Tag strahlend sein Dasein als Eltern zu feiern. "Es ist unmöglich, seine Familie restlos vor Krankheiten zu schützen, Abgrenzungen zu verhindern, jeden zufriedenzustellen, Konflikte unterm Teppich zu halten und jeden Tag als Event zu inszenieren.“ sagt auch Familientherapeut Malte Leyhausen. Was man aber tun kann, ist sich kleine Inseln zu schaffen, die uns dabei helfen, mit einander in Kontakt zu kommen und auch nach einem richtig ätzenden Tag noch mit einem guten Gefühl und der Gewissheit ins Bett zu gehen, dass morgen ein neuer Tag und damit eine neue Chance auf gute Laune kommt.

Notfall-Kit für Familien

Grübelsack

Kennt jede:r: Manchmal steckt man mit seinen Gedanken richtig schön fest. Die kreisen und kreisen und wollen einfach keine Ruhe geben. Manchmal helfen möglicherweise eine Wärmflasche und ein Hörspiel. Manchmal reicht das aber nicht, um das Gedankenkarussell zu stoppen. Malte Leyhausen hat für solche Momente den Grübelsack in petto. "Zur Vorbereitung vor dem ersten Einsatz werden tagsüber typische Grübelgedanken auf jeweils einen Zettel geschrieben. Die Zettel füllt man in ein Säckchen oder einen Umschlag. Sobald abends das Grübeln im Bett losgeht, steht man auf und geht mit seinem Grübelsack an einen besonders unangenehmen Ort wie die Rumpelkammer oder die Kellertreppe. Hier müssen eine halbe Stunde lang die Gedanken auf den Zetteln durchgegrübelt werden. Nach den 30 Minuten fragt man sich, ob es wirklich genug ist oder eine weitere halbe Stunde nötig wäre. Erst nach reiflicher Überlegung, ob ausreichend gegrübelt wurde, darf man ins kuschelige Bett zurückkehren. Nur Mut! Die Linderung tritt meist erst ein, wenn der Grübelsack einige Abende im Einsatz war."

Dankbarkeitstagebuch

Ja, wir wissen es: Immer wenns doof läuft, kommt irgendwer mit diesem Dankbarkeitskram um die Ecke. Aber es ist nun mal so: Es hilft. Jeden Abend vor dem Einschlafen notiert jedes Familienmitglied drei Dinge in ein Heft oder in eine App (z. B. „Dankbarkeit Tagebuch“), für die sie an diesem Tag dankbar sind. Geht schnell und ist wirklich effektiv, wenn gerade alles richtig ätzend erscheint. Belegt übrigens auch eine Studie, dass ein Dankbarkeitstagebuch die Zufriedenheit mit dem Leben und der Familie deutlich erhöht (Seligman 2005).

Jammern

Jammern hat einen richtig schlechten Ruf. Dabei brauchen wir das manchmal einfach. Aber bitte nicht in Endlosschleife. Jammern ist nämlich für alle anderen auf Dauer echt schwer zu ertragen und macht richtig miese Laune. Daher empfiehlt Leyhausen drei Hausmittel gegen das Jammern, damit sich bloß niemand ansteckt.

  1. Der Jammer-Wecker: Sobald das Haus betreten wird, darf jeder 20 Minuten jammern. Zur Kontrolle wird ein Timer auf 20 Minuten eingestellt.
  2. Der Jammer-Sessel: Wenn 20 Minuten einfach nicht reichen, schlägt Leyhausen den Sessel vor, auf dem nach Belieben gejammert werden darf, allerdings nur, wenn man sich dabei auf einen dafür festgelegten Jammer-Stuhl oder -Sessel setzt. Möglicherweise wird auch das irgendwann langweilig.
  3. Das Jammer-Fasten:  Es wird ein Tag festgelegt, an dem nicht gejammert werden darf. Verstöße werden mit einem Euro für das Jammer-Sparschwein geahndet. Und von dem zusammengejammerten Geld kann man sich als Familie dann was schönes gönnen.

Die VW-Regel

Wünschen statt vorwerfen, ist hier die Devise. Denn wenn wir mal genau hinsehen, verbergen sich hinter den Vorwürfen, die wir unseren Kindern oder Partner:innen vorhalten, meist unsere persönlichen Bedürfnisse. Nicht selten brodelt das Fass dann über, weil auf die Anschuldigungen mit Gegenangriffen geantwortet wird. Wenn wir unsere Bedürfnisse aber in Wünsche verpacken und gleichzeitig erklären, warum wir das gerade brauchen, ernten wir sicher mehr Verständnis und kommen schneller ans Ziel.  

Erinnerungskiste

Der erste Strampler, das erste selbstgemalte Kunstwerk, die ersten ausgefallenen Milchzähne, der erste selbst geschriebene Brief: All diese Dinge bergen Erinnerungen. Jedes besondere Ereignis in der Familie verdient ein Symbol oder kleines Erinnerungsstück, das in einer schönen Box für jedes Kind, aber auch jedes Elternteil aufbewahrt werden kann. Und nicht nur die schönen Momente gehören dort hinein, auch für die traurigen dürfen darin Platz haben. Symbolisch etwas in eine Kiste zu legen, hilft einerseits damit abzuschließen, andererseits macht es auch sehr viel Spaß, sich nochmal gemeinsam an die tollen Momente zu erinnern. 

Malte-Leyhausen
© PR

Der Autor Malte Leyhausen, Jahrgang 1968, studierte Erziehungswissenschaft, Germanistik und Politik (Staatsexamen) in Heidelberg. Seit 2008 unterstützt er Familien als Systemischer Therapeut und Berater (SG). Zudem sammelte er langjährige Erfahrungen als Trainer für persönliche Kompetenzen, unter anderem im Rahmen der Ausbildung von Glückslehrer:innen. In der Inklusionsarbeit förderte er fünf Jahre lang Schüler:innen im Autismusspektrum. Seit 2018 coacht er im öffentlichen Auftrag arbeitslose Jugendliche. Malte Leyhausen publizierte bereits pädagogische Sachbücher zu den Themen Prokrastination, Paarbeziehung und Unterrichtsmethoden für das Schulfach Glück. Der Autor lebt in Seeheim-Jugenheim an der hessischen Bergstraße und ist Patchwork-Vater von zwei Kindern.

Seelische Hausapotheke: 5 Ideen gegen dicke Luft und schlechte Stimmung im Familienalltag
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Mit seinem Buch "Familie ist nichts für Feiglinge" bietet Malte Leyhausen eine Alternative zu unrealistischen Patentrezepten für das Familienglück. Leserinnen und Leser erhalten mit diesem Buch vielmehr Hilfe zur Selbsthilfe, indem sie zu einem Blick hinter den Spiegel der eigenen Erwartungen eingeladen werden. Wie entstehen ihre Ansprüche an sich selbst und an ihre Angehörigen? Mit welchen Stellschrauben können sie ihre Selbstwirksamkeit steigern?

Erschienen ist das Buch im Edigo Verlag für 16,50 €.

Barbara

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