O du Schreckliche: Meine Lieben können nicht schenken!

An Weihnachten gibt es Geschenke. Auch bei unserer Autorin. Leider, denn ihre Familie ist zwar wundervoll – nur im Schenken eben nicht. Eine Abrechnung mit Wunschzettel. 

von Katrin Simson

Langsam bekomme ich ein logistisches Problem. Denn die Zahl der Einladungen zum Schrottwichteln sinkt. Die Folge: Meine Kammer platzt. Und der Kragen folgt alsbald. Denn, so sehr ich meine Lieben auch liebe: Sie können einfach nicht schenken. Mich jedenfalls nicht beschenken. Das ist Jammern auf hohem Niveau. Bei den Geschenken meiner Familie aber sinkt das Niveau unter Tage. Laut einer Studie der Hochschule für Ökonomie und Management in Essen gaben die Deutschen im vergangenen Jahr im Schnitt 472 Euro für Weihnachtsgeschenke aus (hier bitte das geschockte "Der Schrei"-Emoji einfügen).

Meine Familie gehörte dabei sicherlich nicht zu den Befragten. Mir egal, denn der materielle Wert oder die Wertigkeit der Präsente interessiert mich nicht. Es geht mir um viel mehr. Um das, was drinsteckt im Geschenk: die Wertschätzung. Denn für mich ist ein Geschenk die formgewordene Aufmerksamkeit. Da hat jemand zugehört, sich mit mir, meinen Macken und Plänen beschäftigt. Wer einfach nur um des Schenkens willen schenkt, soll es lassen. Dabei kommt schlichtweg nur unbrauchbarer Kram heraus. Mein Bruder zum Beispiel sitzt immer mit leeren Händen am Gabentisch, vor der Bescherung, versteht sich. Hinterher ist er reicher. Total okay für mich. Von mir bekommt er nämlich auch nur etwas, wenn ich wirklich etwas für ihn finde. Finde ich nichts, bekommt er genau das.

Rot ist meine Hassfarbe 

Im letzten Jahr dann überreichte er mir stolz ein kleines Päckchen – was so eine neue Freundin alles bewirkt, dachte ich, und war irgendwie gerührt. Dieses Gefühl hielt in etwa so lange an wie der Geschmack eines Kaugummis. Drin war nämlich ein Mini-Beauty-Reiseset in einem Mini-Beauty-Lacktäschchen. In Knallrot. Das Problem: Mit Kosmetik habe ich so viel am Hut wie der Schönheitschirurg mit Natürlichkeit. Lack ist mein glanzvoller Untergang. Und Rot meine Hassfarbe. Aber wenigstens hat er an dich gedacht, höre ich meine Mama flüstern, deren Herz schon erweicht, wenn mein kleiner Bruder überhaupt merkt, dass Weihnachten ist. Nee, Mama, hat er eben nicht. Er hat ans Schenken gedacht, nicht an mich – und fühlt sich nun: gut. Ich aber hocke da und muss überlegen, wo und wann ich dieses Prachtexemplar der Unbrauchbarkeit in meiner Welt wieder loswerde. Sag ich ihm natürlich nicht, sondern lächle ihm Dankbarkeit entgegen.

Also wandert das Teilchen in die Kammer, in der auch schon Outdoor-Drahtfiguren mit riesigen Murmelelementen (ich habe keinen Garten!), fünf Glasschalen von erstaunlicher Größe (was soll da rein – in fünf verschiedene!) und unzählige Schlafanzüge mit Schottenkaros in Grün und Rot (Mensch, Mama!) auf ein neues Leben warten. Stimmt nicht ganz. Manche der "Kammeraden" bekommen Kurzeinsätze, sobald der spendable Schenker zu Besuch ist. Irgendwann hatte ich dann nämlich auch verstanden, dass Tante Elisabeth mir jedes Jahr ’ne neue Glasschale schenkt, solange ich erzähle, die alte wäre schon wieder kaputt gegangen …

Kitschige Salzstreuer – Glück in meinen Händen

Was ich mir also wirklich wünsche: Hört zu. Denn jeder erwähnt irgendwann irgendwas, was er oder sie gern hat oder macht. Was an Weihnachten vielleicht schon wieder in Vergessenheit geraten ist. Umso größer die Freude. Vor einigen Jahren fuhren meine beste Freundin und ich quer durch Italien. In einem Hotel in Verona standen kleine Salzstreuer in schlichter Vogelform auf den Tischen. Ich war schockverliebt. Jeden Morgen aufs Neue. Ein Jahr später, an Weihnachten, schenkte sie mir diese kleinen, kitschigen Salzstreuer, die mir schon lange aus dem Gedächtnis gefallen waren. Und ich hatte Glück in meinen Händen.

Was aus diesem Mini-Lacktäschchen geworden ist? Ich wollte es meiner Mutter schenken. Sie wollte es nicht haben, ist jetzt wieder in der Kammer.

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