Auf dem Weg der Besserung – Ein Ökobilanz-Experiment

Unser Autor fährt gern Auto, liebt Rindersteaks und seine Tochter. Jetzt ist es für ihn aber an der Zeit, das alles zu hinterfragen. Ja: alles!

Eigentlich bin ich kein schlechter Mensch. Ich trenne meinen Abfall, nutze Ökostrom, der durch Energiesparlampen fließt, kaufe Bioprodukte, drehe die Dusche vorm Einseifen ab und hebe ab und zu sogar Müll auf, den andere liegen lassen. Ein guter Mensch bin ich deswegen aber leider nicht. Mein ökologischer Fußabdruck nämlich, den ich im Internet ermittelt habe, malt ein Bild von mir, auf dem ich Schadstoffe ausatme wie eine Chemiefabrik. Würden alle Menschen so leben wie ich, steht da, bräuchten wir 3,7 Erden. Dreikommasieben.

Ökobilanz - mal alles richtig machen 

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, mit so einer Erkenntnis umzugehen. Die einfachste wäre, meine Schuldgefühle zu ignorieren und mit dem Finger auf andere zu zeigen. Das wäre ganz leicht. Diesmal aber will ich meine Lebensweise kritischer anschauen und probieren, im Sinne der Ökobilanz mal alles richtig zu machen. Wenigstens für ein paar Wochen.

Die größte Umweltbelastung, das besagen Klimastudien, ist jeder weitere Mensch. Eine Untersuchung wird sehr konkret: Demnach habe meine fünfjährige Tochter bislang in etwa so viel Kohlenstoffdioxid produziert wie 100 Mittelklassewagen im Straßenverkehr. Klingt viel, ist viel. Dennoch möchte ich mein Kind weder missen noch recyceln, und so umfasst meine Sofortmaßnahme den vorübergehenden Verzicht auf meinen Diesel.

"Grün fahren macht richtig Laune"

Ich leihe mir ein Elektroauto und genieße die grüne Welle: Wenn Mäßigung sich so anfühlt, dann bitte! Der Opel Ampera-e fährt sich wie ein Autoscooter, hat aber Schub wie eine Rakete und lässt an der Ampel jeden Sportwagen stehen. Grün fahren macht richtig Laune. Bis dem Steckdosenauto der Saft ausgeht und ich auf der Suche nach einer Ladestation durch die Gegend gurke. Die ersten drei Säulen sind entweder besetzt oder defekt. Geladen bin nur ich. Jedenfalls bis ich die vierte Säule finde.

Fortschritt sieht anders aus – Umweltbewusstsein übrigens auch, wie ich Tage später in einer TV-Reportage erfahre. Der Abbau von Lithium für die Akkus, heißt es, zerstöre ganze Regionen Südamerikas. Ab jetzt werde ich mich wohl abstrampeln.

Gewöhnung an neue Umstände 

Veränderungen tun weh. Man kennt es von Beziehungen, Kündigungen, von ausgefallenen Haaren oder der letzten Folge einer Lieblingsserie. Jeden Tag mit dem Rad zu fahren schmerzt erst in den Beinen, dann am Hintern. Mein Körper gewöhnt sich jedoch schneller an die neuen Umstände als mein Geist. Es ist eine Sache, mal mit dem Rad fahren zu wollen. Eine andere, immer fahren zu müssen, bei Gegenwind, Regen, bergauf. Spaß macht mir das nicht, aber etwas stolz bin ich schon.

Einkaufen ist ebenfalls anstrengend geworden. Und kompliziert. Bisher hatte ich mich lediglich gefragt, worauf ich Lust habe. Gab es Lebensmittel nicht in Bioqualität, tat es eben die Alternative. Jetzt lese ich Verpackungen aufmerksamer als Beipackzettel von Arzneimitteln. Da Risiken und Nebenwirkungen aber nicht ausgeschrieben sind, soll mir die App "CodeCheck" helfen, gesunde und ökologische Kaufentscheidungen zu treffen.

Plastik kommt nicht mehr in die Tüte

Beim Scannen der Produkte komme ich mir vor wie ein Praktikant bei der großen Inventur. Immerhin erfahre ich durch die Recherche, dass Plastik viele Decknamen hat: Acrylat Copolymer, Polyamid, Polyethylen, Polypropylen, Siloxan. Das Zeug steckt in Flüssigseifen, Shampoos, Sonnencremes … Kommt mir nicht mehr in die Tüte. Auch weil ich keine mehr benutze. Das fällt mir übrigens leicht: immer eine Tasche am Mann haben. Jetzt würde ich gern noch auf Verpackungen verzichten.

Meine Premiere in einem Unverpackt-Laden: Der Bio-Shop ist recht klein, die Auswahl überschaubar, das Abfüllen von Lebensmitteln eher unkomfortabel. Die Behälter mit Getreide und Müsli sehen aus wie Futtersilos für Vögel. Ich ziehe Hebel, hantiere mit Schäufelchen, jongliere Tupperdosen, die ich mitgebracht habe. Meine Tochter hätte ihren Spaß. Ich eher nicht. Irgendwie passe ich hier nicht rein, bin ich ein Fremdkörper. Ein Tausendfüßler mit Buffalos in einem Stepkurs.

"Spätestens beim Klopapier hört der Spaß aber auf"

Nicht falsch verstehen: Das Konzept ist großartig und die Menschen hier sind es auch. Wie geduldig sie erklären, wie nachsichtig sie sind, wenn jemand vergessen hat, seine Dose vorm Befüllen abzuwiegen. Aber mit welcher Heiligkeit routinierte Kunden vorführen, wozu sie längst bereit sind, das geht mir schon auf die Bioeier. Wie sie Produkte kaufen, über die ich nicht mal nachdenken möchte. Slipeinlagen zum Beispiel, die aus 100 Prozent Baumwolle bestehen, bis zu 15 Jahre haltbar sind, die nicht rascheln und nicht knistern.

"Ein Produkt", steht auf der Packung, "in das mehr als 25 Jahre Erfahrung eingeflossen sind" … Spätestens beim Klopapier hört der Spaß aber auf, da bin ich empfindlich. Das Ökoblatt hat nur zwei Lagen, die ganze Rolle dafür die Größe eines Heuballens, der auf keine Halterung passt. Ich belasse es bei Nudeln, Müsli, Reis, Studentenfutter, Gummibärchen, einem Stück Seife und einer Bambuszahnbürste, mittelweich, mit Nylonborsten. Ob Letztere wirklich vollkommen abbaubar sind oder ich den Kopf vom Stil sägen sollte, um ihn im Restmüll zu entsorgen?

Das nachhaltige Leben kostet Zeit

An der Kasse gibt es kein Laufband, kein Piepen, denn hier wird, das ist ja das Prinzip, alles von Hand abgewogen wie früher im Tante-Emma-Laden. Vor mir wuchtet ein Mann seinen Einkauf auf den Tresen. Ganz langsam redet er, als müsse er erst jedes seiner Worte einzeln abwiegen lassen. Mir wird klar: Das nachhaltige Leben kostet Zeit. Suchen, vergleichen, fragen, fragen, fragen, nach Herkunft und Produktionsbedingungen, Bestandteilen und Verwesungsverhalten.

Alles dauert länger, ist komplizierter, aufwendiger, teurer. Das nervt, selbstverständlich nervt das. Es wäre so viel einfacher, weiterhin Plastiktüten aufzureißen und in einem riesigen Supermarkt einzukaufen, der alles im Sortiment hat. Auf der anderen Seite: Hat uns die Ungeduld, Faulheit und Mehr-mehr-mehr-Mentalität irgendwas gebracht? Also, Entschleunigung ja wohl nicht.

Niemand kann immer alles richtig machen 

Im Grunde sind wir wie Kinder, die ganz unbedingt Dinge wollen, die für ihr Leben unverzichtbar scheinen, aber für den Planeten oft schlecht sind. Ich möchte meinen Orangensaft, eiskalt, aus dem Tetra Pak. Ich mag es, wenn der Plastikverschluss beim ersten Aufdrehen hell klickt. Ich weiß, dass diese Form der Verpackung zwar praktisch, aber eben auch sehr schlecht zu recyceln ist. Wirklich, ich sollte kein Tetra Pak wollen.

Weggucken wird immer schwieriger, hinschauen ist unangenehm. Woran ich persönlich schon zu beißen habe: argentinisches Rindersteak, medium rare. Aber verdammt noch mal, es schmeckt so gut. Tut. Mir. Leid. Wenn mich mein schlechtes Gewissen sattelt und hart reitet, dann zeige ich schnell wieder auf andere, die sind wie ich. Menschen, die mit ihrem SUV zum Bioladen fahren. Oder Vielflieger-Vegetarier. Aber mal ehrlich: Es ist unmöglich, immer alles richtig zu machen. Niemand kann das, niemand. Nicht mal barfüßige Aussiedler, die als Selbstversorger jedem Kürbis einen Namen geben und in einer asexuellen Baumhaus-WG wohnen.

Reichen die Bemühungen aus?

Der Weg nach Hause geht bergauf. Die Taschen hängen am Lenker, stoßen beim Strampeln gegen meine Oberschenkel. Ob das reicht? Nicht der Einkauf, sondern meine Bemühungen, wobei ich mich fast schäme, von Mühen zu sprechen. Und ich frage mich: Wenn solch kleine Veränderungen den Kollaps nicht verhindern, ist mein guter Wille dann nicht viel mehr für mein Gewissen als für die Umwelt?

Zu Hause freut sich schon jemand aufs Kochen: Spaghetti Bolognese, seit Neuestem ohne Bolognese. "Papi", hat meine Tochter vor Kurzem gesagt, "ich möchte kein Fleisch mehr essen, weil dafür Tiere sterben." Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriffen hatte: Von mir hat sie das nicht. Das macht Hoffnung.

Bei Björn Krause  hat sich dauerhaft was bewegt. Also: Er selbst tut das. Inzwischen hat er nämlich seinen Diesel verkauft


Wer hier schreibt:

Björn Krause
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