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Offene Beziehung So kann sie gelingen

Offene Beziehung regeln: Anna
© Yvonne Schmedemann
Anna ist verheiratet. Aber Anna will sich auch immer wieder neu verlieben. Deshalb hat sie nicht nur One-Night-Stands, sondern längere Affären. Und einen Mann, der es exakt so hält.

"Dort habe ich mich auch schon ein paar Mal mit Männern getroffen", sagt Anna und deutet in Richtung der Zimmer eines 13-stöckigen Hotels. Und schiebt gleich hinterher: "Dafür, dass ich hier lebe, kenne ich ganz schön viele Hotels von innen." Verschmitztes Lächeln. Dieses Lächeln, diesen Blick taufte einer ihrer Liebhaber anerkennend "Sexblick".

Manchmal fällt das Verknallt-sein klein aus, " Wie ein Stück Schokolade".

Sex – das ist der Grund, warum Anna immer mal wieder in Hamburg ein Zimmer bucht. Manche ihrer Lover sind jung und wohnen in einer WG. Sie hatte auch mal einen, der noch in der Ausbildung steckte und bei seinen Eltern lebte. Und Annas trautes Heim, das sie mit ihrem Ehemann Max teilt, ist tabu für "die anderen".

Das wurde so festgelegt, als sich das Paar vor acht Jahren einigte, eine offene Beziehung zu führen. Kurze Zeit später haben Anna und Max, die außerhalb der Öffentlichkeit anders heißen, geheiratet und ihre Regeln einfach beibehalten: Nicht mit Freunden schlafen. Sich gegenseitig alles erzählen, aber nicht die echten Namen verraten. Jeder darf auch mal vollkommen unbegründet sein Veto einlegen. Dafür ist dann aber nicht nur Sex erlaubt, sondern sogar verlieben.

Anna geht es nämlich gar nicht so sehr um Sex.

"Es gibt doch viel mehr außer dem Ablauf Knutschen-fummeln-ausziehen-blasen-lecken- ficken-kommen-Ende", sagt sie und drückt damit nur deutlich aus, woran es ihr eigentlich liegt: Sie flirtet für ihr Leben gern. Manchmal fällt das Verknallt-sein ganz klein aus, "wie ein Stück Schokolade". Dann ist da ein gutes Bauchgefühl, dass man den anderen mag, aber das Kribbeln noch nicht. Vor ein paar Wochen bekam Anna eine Sprachnachricht von einem Mann, mit dem es schon etwas brodelte. "Die fünf Minuten dieser sehr klaren, schönen Stimme katapultierten mich plötzlich in diesen Zustand", sagt sie, und schon blitzen ihre Augen wieder.

Es beginnt mit einem Kuss

Diese Frau mit den feurig-roten Haaren liebt aber vor allem den großen Knall, wenn es zwischen zwei Menschen funkt und knistert. Und das beginnt für sie sehr oft mit einem Kuss: Max küsste sie nachts heimlich, als sie nach einem Spieleabend bei Freunden übernachteten. Es war der perfekte erste Kuss. Da waren beide 18 Jahre alt.

Danach fühlte sie sich noch jahrelang, als wäre sie ganz leicht beschwipst. Dauergrinsen im Gesicht, viel reden, zu laut reden, Stuss plappern, sich verhaspeln, Schiss haben, dass der andere denkt, sie hätte einen an der Waffel – und trotzdem fühlt sich alles einfach richtig klasse an. "Dieser Zustand kann nicht für immer anhalten. Sonst würde man ja wirklich durchdrehen", weiß Anna. "Wir haben aber Phasen, in denen wir wieder so richtig verknallt ineinander sind, meist, wenn sich etwas verändert, wenn einer von uns sich beruflich weiterentwickelt. Oder eben als wir unsere Beziehung geöffnet haben." Die meiste Zeit sind Anna und Max ein ganz normales Paar: trotz beschleunigtem Alltag Zeit für sich finden, viel miteinander reden, sich auf die Nerven gehen, sich ver­ste­hen, sich fallen lassen können, einan­der vertrauen. Diese Ebene ist die Basis, auf der Anna viele andere Männer küsst und sich in sie verknallt. Diesbezüglich hatte sie schon in der Schule einen Ruf weg.

Ganz zu Beginn lebten Anna und Max in Monogamie miteinander.

Und trennten sich. Für Anna das Schlimmste, was sie in den insgesamt 16 Jahren mit ihm erlebt hat. Darum fingen sie auch kurz darauf schon eine Affäre miteinander an. Annas Augen funkeln, wenn sie von Max redet. "Ich bin froh, diesen Heimathafen zu haben" – und sie ist froh, dass sie diesen Hafen seither sicher verlassen und jederzeit wieder dort anlegen kann. Mit ihm gibt es kein Vielleicht, kein Wenn und erst recht kein Aber. Kopf aus, Herz an. "Es ist nicht so, dass mir bei Max was fehlt. Ich will einfach fremde Haut spüren, für einen anderen Menschen ein weißes Blatt sein und sehen, wie der andere das Puzzle von mir zusammenbekommt." Anna ist überzeugt, dass ihre Bedürfnisse sich eigentlich nicht von jenen anderer unterscheiden, "ich bin nur ehrlich". Und ehrlich: Welcher Langzeitliierte hat nicht schon mal die rasanten Umdrehungen des Verliebtseins vermisst? Oder sich insgeheim nach einem anderen Menschen verzehrt? Es gibt vielleicht gute Gründe, diesem sehnsüchtigen Ziehen nicht nachzugehen. Aber es gibt eben auch diese Gefühle. Und Anna und Max verschaffen ihnen Raum.

keine Checklisten, keine vorgegaukelte Makellosigkeit, kein Wir-in-zehn-Jahren-Denken.

An ihren Affären mag Anna oft das Gleiche wie bei ihrem Ehemann.

Der sei vom Typ her "ein bisschen wie der Sänger Clueso". Anna mag künstlerische Typen, klug, eher jungenhaft, aber mit Zugang zur eigenen Gefühlswelt. Die bei sich sind und sich voll auf sie einlassen können, ohne unerfüllte Sehn­süchte auf sie zu projizieren – und ohne Erwartungen.

Weil sie Max schon hat, muss sie die anderen, die sie datet, gar nicht darauf prüfen, ob sie beziehungstauglich sind. Kopf aus, Herz an. Das versucht sie auch denen zu geben, die sie neu kennenlernt. Also: keine Checklisten, keine vorgegaukelte Makellosigkeit, kein Wir-in-zehn-Jahren-Denken. Und dabei den anderen auch nicht die riesige Verfügbarkeit anderer potenzieller Partner spüren lassen. "Sondern einfach einmal ganz in echt wirklich nah sein."

Vor fünf Jahren hat diese Einstellung Finn bezaubert. Sie haben sich ineinander verknallt, dann haben sie eine Weile miteinander gevögelt, jetzt sind sie Freunde. Finn mochte nämlich, was Anna ihn spüren ließ, wollte aber doch eine Beziehung. Es ist eben ein Mensch auf der anderen Seite, der dann durchaus mehr empfinden kann als Lust und Kribbeln.

Das "Oh, Mann!"-Gefühl

Anna selbst war noch nie unglücklich verliebt. Sie kennt nur das "Oh, Mann!"-Gefühl, wenn sie nach einem schönen Date die Geschichte in ihrem Kopf vorschnell weitergeschrieben hatte – der andere sie aber nicht wiedersehen will. Schlimm ist das nicht. Das Gefühl der Entzückung hallt noch eine Weile in ihr nach, und ihre innere Stimme flüstert ihr auffordernd zu: "Noch mal!" Deshalb sind ihr Affären so viel lieber als One-Night-Stands. Wie ansteckend ihr Selbstbewusstsein und ihre Leichtigkeit sind! Bei ihr möchte man jegliches Schamgefühl loslassen. Vielleicht sogar mal selbst gesteckte Konventionen über Bord werfen.

Für ihre 34 Jahre wirkt sie noch sehr jugendlich und verspielt. Das könnte an den kleinen Feuerwerken im Kopf liegen, die immer wieder angeknipst werden, wenn sie an einen Schwarm denkt oder ihn wiedersieht. Und auch an dem sicher abgesteckten Spielfeld, das ihr ermöglicht, den Moment zu genießen, ohne ihrem Gegenüber emotional ausgeliefert zu sein. Aber: "Je größer die Verliebtheit, desto größer der Kater danach. Das ist wie bei jedem anderen Rausch auch." Anna kann das für sich einordnen: "Dein Gegenüber spiegelt dir ja deine schönsten Seiten wider. Du fühlst dich gut und willst mehr davon. Dann werden die Bindungshormone aktiv, und das ist der Moment, den man einfach aussitzen muss." Dafür würde sie Max nie verlassen und er sie auch nicht.

"Daily Life". Das Gegenteil von Tinder – analog, nicht digital.

Und überhaupt: Sie verknalle sich nicht in jeden Mann, mit dem sie was hat. "Das ist so ein Zauber, den man nicht erzwingen kann. Je mehr man es will, desto mehr spürt man, dass es nicht geht." Man müsse bereit dafür sein, dürfe sich nicht verschließen. Und dann komme es, wenn man es am wenigsten erwarte. "Das ist wie bei diesen magischen Nächten, wenn man den Kopf noch voll hat vom ganzen Tag. Mit Deadlines, E-Mails, Meetings. Und dann sitzt man mit dem Laptop in der Tasche völlig abgehetzt neben der besten Freundin in einer Bar, nur auf einen Feierabend-Drink – und tanzt später durch die Nacht, bis die Sonne wieder aufgeht. "Das hätte man nicht planen können." So lernt Anna ihre Männer am liebsten kennen: Blicke treffen sich. Sie sprechen keine Bände, aber sie geben einen Ausblick auf ein aufregendes Kapitel. Man lacht miteinander. Alles fügt sich, als hätte man auf­einander gewartet. Anna nennt das "Daily Life". Das Gegenteil von Tinder – analog, nicht digital.

Der Grund, warum sie Tinder und andere Portale immer weniger mag, ist auch ihre wachsende Bekanntheit. Anna, die mal Streetworkerin war, redet nicht nur explizit über Sex, sie schreibt inzwischen auch darüber, viele Kolumnen und zwei Bücher. Und weil Sex sells, ist Anna Zimt in ihrem Segment eine kleine Berühmtheit. "Ich will aber keine Männer, die Anna Zimt wollen. Ich will, dass sie mir unvoreingenommen begegnen."

Anna wirft einen Blick auf die Uhr. "Oh, ich muss jetzt los!", sagt sie und strahlt. Und weil nach so einer Unterhaltung klar ist, dass beim Gegenüber das Kopfkino angeht, es sich aber überhaupt nicht gehört, danach zu fragen, was denn so anstehe heute Abend, gibt Anna Zimt das von sich aus preis: "Meine beste Freundin ist zu Besuch."

Podcast "Max und Anna Zimt – Geschichten einer offenen Beziehung", hier kommt Max auch mal zu Wort. Ab 15.4., exklusiv bei Podimo.

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BARBARA 05/2020

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