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Olaf Elias Jeder Trödel ist ein Schatz

Olaf Elias: Schrankwand
Der Begriff Schrankwand bekommt hier eine ganz neue Bedeutung.
© Franziska Rieder / Barbara
In der brandenburgischen Pampa handelt Olaf Elias mit alten Baumaterialien, Antiquitäten und Funden vom Flohmarkt. Lauter oller Krempel? Ach was! Schätze aus der Vergangenheit. Und jeder mit einer Geschichte

Die Ente schielt. Und zwar massiv, sie macht einen verwirrten Eindruck. Wer auch immer dem ausgestopften Vogel die Glasaugen aufgeklebt hat – ein Profi war das nicht. Das garantierte Unikat findet sich in einer riesigen verwinkelten Halle inmitten einer unglaublichen Fülle Zeugs und Krams. Egal in welche Richtung der Blick fällt: Das 3-D-Wimmelbild macht es unmöglich, alles auf einmal zu erfassen. Entweder sieht man das große Ganze oder verliert sich in Details.

Neben der auffällig verspulten Ente stehen ein angestaubter Dachs, ein paar mehr oder minder zerzauste Raubvögel und ein Karton mit Modeschmuck. Hinten in den Regalen stapeln sich Motorrad-Tachos, Radkappen, Helme, Geschirr, Gläser, offene Kisten mit aufgerollten Schul-Landkarten, Wäschekörbe voll Umhängekameras in Glattlederetuis. „So eine hatte mein Vater“, platzt es aus einer älteren Dame heraus, selig greift sie nach einem der Apparate. Ihr Begleiter steht währenddessen andächtig vor ein paar leicht verblichenen Reklametafeln. Beim Anblick des Slogans „Peter Stuyvesant – der Duft der großen weiten Welt“ ist er wohl aus dem Hier und Jetzt abgedampft.

Zurück in die Vergangenheit

Diesen Zeitblasen-Effekt erleben viele, die den Handel für Historische Bauelemente im brandenburgischen Marwitz besuchen. Ob hier das Wort trödeln erfunden wurde? Manche sagen, es kommt von trudeln, wie auch immer: Im ehemaligen Schweinekombinat sammeln sich auf 23 000 Quadratmetern Tausende Relikte der Vergangenheit – und schaffen eine einmalige Welt dafür. Oder eher mehrere: Der Besuch hier ist wie zappen, nur zu Fuß. Ein bisschen bei „ZDF-History“ rumlaufen, rüber ins DDR-Staatsfernsehen, kleine Arte-Doku einschieben und immer wieder bei „Welt der Wunder“ hängen bleiben.

Schon gleich beim Eingang auf das Gelände kann man sich zwischen Säulen, Kapitellen, Schmuckfriesen, Giebeln, Amphoren und Statuen mit oder ohne Kopf – „Vorsicht: Der von der Sphinx liegt nur lose auf!“ – verlieren. Besonders, wenn sich jetzt im Sommer ungebremst das Grün- und Blühzeug drum herum rankt. Palmen in Terrakottatöpfen runden das Bild ab, ein kleiner Brunnen plätschert im Hintergrund zusammen mit klassischer Musik vor sich hin – ein Setting, das sich jede mediterrane Finca als Auszeit-Vorbild nehmen kann.

„Ich war vor sechs Monaten zuletzt hier“, sagt der inzwischen wieder in der Außenwelt aufgetauchte Begleiter zu der älteren Dame. „Scheint, als hätten sich die Bestände noch mal verdoppelt.“ Das allerdings kann Olaf Elias nicht bestätigen: „Es sieht nur immer wieder anders aus, weil Stücke verkauft werden und andere dazukommen.“ Der Mann muss es wissen, er ist der Herr des Hofes und überhaupt der Lage.

Olaf Elias: Trödel Olaf Elias
Was Philosoph und Firmenchef Olaf Elias mitnimmt, ist Geschichte.
© Franziska Rieder / Barbara

Seit 31 Jahren handelt er mit Dingen der Vergangenheit, angefangen hat es mit alten Baumaterialien, irgendwann kamen große und kleine Antiquitäten samt Trödel dazu. Beifang nennt das der Fachmann und kann total nachvollziehen, was die Leute neben dem Charme vergangener Tage daran schätzen: „Die alten Dinge sind reparabel. Das Material ist hochwertig und lebt länger.“ Wenn man es denn lässt. Eine Weile standen die Überlebenschancen für vieles gar nicht gut. Die Anfänge des Betriebs lagen nämlich im wahrsten Sinne auf der Straße. Eine typische Wende-Geschichte: Als die Mauer fiel, galt in den neuen Bundesländern das kollektive Daseins-Motto „Alles muss raus“.

Ein Herz für "Altes"

„Alte Fenster, Türen, Öfen, Fliesen, Ziegel, Zäune – all das landete plötzlich auf der Straße“, erinnert sich Olaf Elias, selbst Jahrgang 1967. „Das, was man Jahre gehegt und gepflegt hatte, war nicht mehr attraktiv, die Menschen wollten endlich alles neu haben.“ Damals hätten viele holländische Händler das Geschäft ihres Lebens gemacht, erinnert er sich: „Die karrten das Zeug lastwagenweise weg, weil sie wussten, wie begehrt es woanders war. Jahrhundertealtes Baugut, und damit unser kulturelles Erbe, drohte für immer zu verschwinden.“

Olaf Elias: Antiquitäten
Entschuldigung, wo befinden sich noch gleich die Nierentische mit Mosaik von 1956?
© Franziska Rieder / Barbara

Weil er das nicht mitansehen konnte, besorgte sich der Westberliner einen Lkw und sammelte gegen an. Bald wurde der elterliche Keller als Lager zu klein, eine Scheune angemietet, sich noch mal vergrößert, und seit 1997 residiert der geschichtsträchtige Handel in dieser ehemaligen LPG. Man merkt Herrn Elias an, dass er seine Geschichte schon Hunderte Male erzählt hat – es aber immer noch gern tut. Wenn er von seiner Arbeit berichtet, strahlt er gleichzeitig Leidenschaft und Ruhe aus. Typisches Zeichen von einem, der weiß, was er tut.

Wahrscheinlich hilft es, dass der Mann studierter Historiker und Philosoph ist. Das Kaufmännische kam irgendwie dazu, sein Geschäftsmodell war in Deutschland damals ja komplett neu. „Anfang der Neunziger konnten wir die Elemente teils kostenlos übernehmen, wenn wir sie nur abtransportierten. Heute müssen wir sie kaufen und die Bergung oft selbst durchführen“, erklärt er den Wandel der Zeit. Viele bekannte Bauten hat er so noch mal ganz anders kennengelernt: „Wenn etwas abgerissen wird, bekomme ich meist von Architekten, Bauherren oder vom Denkmalamt Bescheid.“

Teile aus dem Drogenpalast, Pflastersteine von Sanssouci

Der Mann ist ein lebendes Archiv, hat Geschichten vom Umbau des Reichstags auf Lager und wie sie Bleche mit Kritzeleien von russischen Soldaten aus dem Jahr 1945 ausgebaut haben. Erinnert sich, dass beim Umzug der italienischen Botschaft in irgendeiner vergessenen Kammer Teile aus dem Dogenpalast aufgetaucht und später nach New York verkauft worden sind. Weiß, wer kürzlich mit den Pflastersteinen von Schloss Sanssouci eine Terrasse angelegt hat, wie eine Kirchenempore aus dem 18. Jahrhundert aus Sachsen-Anhalt bei einem Start-up in Berlin-Mitte oder eine antike italienische Kassettendecke aus einem Berliner Stadthaus in einer Villa in den amerikanischen Hamptons gelandet ist.

Gern erzählt er von der Sanierung des legendären Hauses Cumberland am Ku’damm vor über zehn Jahren. Erdacht 1911/1912 vom Architekten des Hotel Adlon. Zwei Monate lang bauten sechs Mann Elemente aus 200 Zimmern aus, Waschbecken, Fenster, Parkett, Türen. Jedes Teil wurde sorgfältig in die Bestände einsortiert, alles hat in Marwitz einen katalogisierten Platz und manche Bauelemente sogar ein eigenes Haus für sich. Die etwa 3000 Türen lagern in einer 200 Meter langen Halle, praktisch sortiert nach Maßen. Da kommt das Jugendstilportal in direkten Kontakt mit einer Jahrhundertwende-Knastzellen-Verrammelung oder einem eisernen Kellereinlass aus den 30ern. Ein paar der farbig lackierten Exemplare von Haus Cumberland sind auch noch da. „Wenn einer sagt ‚Hier sind 100 Türen‘, kann ich nicht sagen ‚Ich will aber nur drei‘. Der Deal ist: alles oder nichts. Manchmal bleiben Stücke jahre- oder jahrzehntelang hier, das muss man einkalkulieren“, sagt Olaf Elias, „dann findet sich plötzlich ein Käufer – und zwei Wochen später fragt ein anderer nach genau dem gleichen Stück. Als wenn es plötzlich in der Luft liegt. Das ist manchmal verrückt.“

Olaf Elias: gestapelte Stühle
Das Angebot kann etwas erschlagend sein. Vorsicht beim Durchschlängeln!
© Franziska Rieder / Barbara

Garantiert kein Ladenhüter ist Holz, besonders gern genommen: Dielen oder Parkett. Das nostalgische Material hat neben seinem haptischen Charme noch einen weiteren Vorteil. „300 Jahre altes Holz arbeitet nicht mehr, da verzieht sich nichts“, weiß Olaf Elias. Und erinnert sich daran, wie begeistert er das altehrwürdige Parkett der Schweizer Botschaft ausgebaut hat, das ursprünglich sogar denkmalgeschützt war. Möglicherweise ein Knarz-Problem auf diplomatischer Ebene, das leise wegmusste. Wie auch immer: Jeder Ausbau wird an seinem ursprünglichen Fundort dokumentiert und seine Historie beim Verkauf weitergegeben. Und selbst wenn es die Geschichte zum Fundstück aus der Geschichte nicht gibt: Irgendwas erzählen einem die Teile immer. Was wohl die schielende Ente schon alles hinter sich hat?

Barbara

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