Paartherapeutin: "Monogamie kann eine Beziehung zerstören"

Was ist eigentlich Betrug? Macht Treue eine Beziehung wirklich besser? Und was tue ich am besten, wenn ich fremdgegangen bin? Wir haben einfach mal eine gefragt, die es wissen muss: Paartherapeutin Lisa Fischbach.

von Tina Epking

BARBARA Redaktion: Sie haben ein Buch mit dem Titel "Treue ist auch keine Lösung" geschrieben. Braucht Liebe keine Treue?

Lisa Fischbach: Das hängt davon ab, was man unter dem Wort Treue versteht. Viele denken, es heißt, dass man nicht fremdgeht. Das Wort kommt aber aus dem Mittelhochdeutschen vom Wort „triuwe“, was so viel wie „stark“ und „fest“ bedeutet. Daraus ist das Wort Vertrauen einmal entstanden. Ich bin ja durchaus der Meinung, dass Treue etwas sehr Kostbares und Schönes ist. Doch ich glaube, dass jeder dieses Wort für sich anders definiert.

Und in einer Beziehung sollte man sich über die Definition einig sein?

Unbedingt. Liebe, besser gesagt eine Partnerschaft, braucht ein Treuemodell, auf das sich beide verlassen können. Denn grundsätzlich können die Vorstellungen ganz unterschiedlich sein. Darüber muss man konkret sprechen, das ist eine Sache innerhalb der Beziehung. Dabei geht es vor allem um Ehrlichkeit und Einvernehmlichkeit. Ich kenne Paare, die schlafen nach Absprache mit anderen – und sind sehr glücklich damit. Liebe braucht vor allem Verlässlichkeit.

Man kann also mit anderen schlafen und sich trotzdem sehr lieben?

Klar. Monogamie ist ja nicht mit Liebe gleichzusetzen. Es gibt auch Paare, die sind sich ihr Leben lang im herkömmlichen Sinne treu, aber lieben sich trotzdem nicht. Körperliche Exklusivität ist aber für viele eine Voraussetzung für eine Beziehung.

Glauben Sie als Paartherapeutin an Monogamie?

Für manche Paare passt das bestimmt. Ich glaube aber nicht an ein Monogamiemodell für alle. Dafür gehen einfach zu viele Menschen fremd. Zahlen dazu schwanken. In einer ElitePartner-Studie kam heraus, dass jeder vierte liierte Mann und jede fünfte Frau in Deutschland schon mal fremdgegangen ist. Ein Kollege, der Paartherapeut Arnold Retzer spricht in seinem Fachbuch „Systemische Paartherapie“ sogar davon, dass 90 Prozent der Männer im Laufe ihres Lebens schon einmal fremdgegangen sind. Bei den Frauen sind es 75 Prozent. Das ist also nicht nur ein Randphänomen. Der größte Teil der Seitensprünge bleibt aber geheim.

Wieso ist das so?

Oft entsteht Unzufriedenheit, weil zu wenig in die Beziehungsgestaltung investiert wird, man entfernt sich als Paar. Insgesamt sind heutige Partnerschaften einer enormen Anspruchshaltung ausgesetzt. Der Partner soll alle Bedürfnisse erfüllen, die man hat – die intellektuellen, sexuellen und emotionalen. Das kann Beziehungen überfordern. Andere sind flexibel und öffnen sich. Man kann ja zum Beispiel auch mit dem befreundeten Musiklehrer in die Oper gehen, wenn der Mann lieber Fußball guckt.

Gibt es eigentlich notorische Fremdgeher?

Es gibt Männer und Frauen, die hier bei mir sitzen und über zu wenig Sex in der Beziehung klagen. Menschen mit einer ausgeprägten Libido, die in einer monogamen Beziehung leben, haben es natürlich schwerer, treu zu bleiben und nicht fremdzugehen. Wer große Lust in sich hat und Monogamie verspricht, muss verzichten. Das ist sich selbst und dem Partner gegenüber scheinheilig und schädlich. In solchen Fällen kann Treue im Sinne der Monogamie eine Beziehung tatsächlich gefährden. Weil einer seine Bedürfnisse verleugnet und nicht glücklich mit dem ist, was er hat.

Was tue ich eigentlich am besten, wenn ich fremdgegangen bin? Ist es eine gute Lösung, den Seitensprung zu verleugnen?

Viele Paare bleiben nach einem Seitensprung zusammen, weil sie nichts davon erzählen. Untreue, die spontan passiert und direkt bereut wird, muss nicht unbedingt in die Beziehung getragen werden. Manchmal stabilisiert so ein Moment sogar die Partnerschaft, weil einer sich ausgetobt hat und das anschließend mit sich selbst ausmacht, aber vor allem merkt, dass er den Partner nicht verlieren will. Viele halten es aber einfach nicht aus, was sie getan haben und berichten deshalb ihre Untreue, vorrangig um ihr schlechtes Gewissen zu erleichtern – das ist eine Form des Egoismus und nicht gerade hilfreich für den Partner. Jeder, dem so etwas passiert ist, sollte zuallererst reflektieren, warum er das getan hat, was zu kurz kommt – und erst dann mit seinem Partner darüber sprechen. Das Wichtigste ist, Verantwortung für Getanes zu übernehmen und sich daraus im besten Falle abzuleiten, wie er das vermeintlich Fehlende in der Beziehung erzeugen und gestalten kann.

Und wie sollte sich der Betrogene verhalten?

Seine Position ist zunächst unantastbar, er fühlt sich moralisch überlegen, schließlich wurde ihm großes Unrecht angetan. Bei einer möglichen Klärung, auch im Rahmen einer Paartherapie, hilft es nicht, sich in Vorwürfen zu verlieren und Schuld zu verteilen. Auch wenn es für die Betroffenen – den Fremdgeher und den Betrogenen – äußerst schwer und unbequem ist, so ist der wichtigste Prozess, Verantwortung für sein Verhalten und die Entstehung der Paarkrise zu übernehmen. Ein Betrug hat meist eine längere Vorgeschichte. Wenn man feststellt, dass man den anderen noch liebt und man das Problem lösen möchte, muss das Fremdgehen nicht das Ende einer Beziehung sein. Es kostet Kraft, den Vertrauensbruch aufzuarbeiten und eine Beziehung zu retten, aber man kann es schaffen. Am Schluss ist sie oft stärker als vorher, weil man sehr viel Neues über die Gefühle und das Innenleben des Partner erfahren hat.

 Lisa Fischbach ist Diplom-Psychologin und Paartherapeutin in Hamburg. Sie hat verschiedene Ratgeber zum Thema Partnerschaft geschrieben, darunter auch "Treue ist auch keine Lösung: Ein Plädoyer für mehr Freiheit in der Liebe", das im Piper Verlag erschienen ist und 11 Euro kostet.