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Paranormale Phänomene Unterwegs mit Spukforschern

Paranormale Phänomene: Spukforscher-Paar
© Achim Multhaupt / Brigitte
Spuk ist ihr Hobby, Geisterstunde ihre Happy Hour – und die Liebe zum Übersinnlichen führte sie zusammen: Unterwegs mit den schrecklich netten "Geisterjägern" Daniela und Frank Werner.

Schwarze Katze von links. Einzig die Fellfarbe von Dünner, dem schmalen Stubentiger, der gerade zur Begrüßung durchs Wohnzimmer streift, könnte ein erstes Indiz für die unheimliche Leidenschaft seiner Besitzer sein. "Der hat auch noch einen Bruder, den Dicken", sagt Frank Werner, 56, während seine Frau Daniela, 45, den zierlichen Kater am Rücken krault. "Nicht erschrecken, der andere liegt unterm Tisch."

Auf der Suche nach dem Telefon zur anderen Seite

Ums Erschrecken soll es später gehen. Jetzt lernen wir uns erst mal kennen: warm werden beim Kaffeekränzchen. Für die gemeinsame Suche nach Geistern braucht es Vertrauen. Und Gelassenheit. Die ist Voraussetzung für ein Hobby, das Daniela und Frank an ziemlich dunkle, ziemlich verlassene Orte treibt – und für das sie sehr viel Geduld aufbringen: Die beiden sind Spukforscher, selbst ernannt, "keine Geisterjäger", betont Frank. "Geister kann man nämlich nicht jagen."

Aber aufspüren kann man sie schon: Hierfür hat Frank 2004 PRG-HH gegründet, die Paranormal Research Group-Hamburg, derzeit acht Mitglieder, meist nachts unterwegs. Dann besuchen sie verfallene Häuser, Schlösser, Burgruinen, Schlachtfelder aus dem Mittelalter, auch Museen und alte Kriegsschiffe. Aber warum? "Wir suchen eigentlich das Telefon zur Gegenseite", sagt Daniela, diese Leidenschaft verbinde sie. Na denn, denke ich und nehme mir einen Marzipankeks.

Das Ehepaar geht davon aus, dass es zu unserer realen eine energetische Nebenwelt gibt. Und dass die sich durch Spukphänomene oder Geister bemerkbar macht, was man mit allerlei Gerätschaften messen kann. Dass die meisten paranormalen Untersuchungen nicht bei Tage stattfinden, liege nicht am Gruselfaktor. "Wir sind ja nicht spukgeil", sagt Daniela. Bei Nacht schlössen sich nur mehr Umwelteinflüsse oder Störgeräusche natürlicher Herkunft aus. Das Auge ist ein trügerisches Organ, und im Dunkeln werden die Sinne geschärft.

Übrigens meldet sich "die andere Seite" nicht, um uns das Fürchten zu lehren. "Man ist ja völlig versaut von Horrorfilmen", sagt sie. Die mögen die beiden längst nicht mehr schauen, zu vorhersehbar und klischeehaft. "Das Licht geht aus, eine Tür quietscht, unheimliche Musik setzt ein… Und Geister sind immer böse." Sind sie aber gar nicht, glaubt Daniela. "Die wollen bloß mit uns kommunizieren, wie wenn ich Frankie hier am Ärmel zupfe und sage: ‚Hör mal zu!‘" Geister zupfen subtil, nicht mit Rasseln oder Geheul.

Im "normalen" Leben ist Frank Veranstaltungstechniker, er könnte – weißer, akkurat getrimmter Bart, ursympathischer Hamburger Dialekt – auch als Seebär durchgehen. Daniela wird im Job täglich mit der Grenze zwischen Leben und Tod konfrontiert: Die Unfallkrankenschwester kümmert sich um Menschen mit schwersten Schädel-Hirn-Verletzungen. Man könnte auch sagen: Den wahren Horror erlebt sie in ihrem Berufsleben. Vielleicht ist diese kleine, sanfte Frau auch deshalb so furchtlos auf ihrer Suche nach Geistern. Fürsorglich und empathisch wirken sie beide, auch im Umgang miteinander.

"Es wäre schon schwierig, wenn Frank sich nicht für das Paranor­male interessieren würde", sagt sie. Wird nicht viele geben, die sich die Nächte um die Ohren schlagen und tagelang Tonbandaufzeichnungen auswerten, um eine verzerrte Stimme aus dem Jenseits auszumachen. Oder die sich gern in zugige Spukschlösser einmieten, an Orten übernachten, wo ein Mord geschah…

Sie nennen es Überzeugung, andere nennen es Spleen

Frank hat eine geschulte Wahrnehmung und bemerkt natürlich sofort meinen skeptischen Blick, er lächelt verständnisvoll. Als Spukforscher ist man ungläubig hochgezogene Augenbrauen gewohnt. "Ob du uns das jetzt glaubst oder nicht, ist letztlich egal", sagt er. "Wir folgen einfach unserer Überzeugung." Viele würden sagen: ihrem Spleen. Laut einer Statista-Umfrage von 2013 allerdings glauben rund 20 Prozent der Deutschen an die Existenz von übernatürlichen Wesen – übrigens nur Erwachsene unter den Befragten, keine Vierjährigen –, und fast drei Viertel gaben zudem an, mindestens einmal im Leben Zeuge eines paranormalen Phänomens geworden zu sein – als Licht, das durch den Raum huscht, Schritte, eine plötzliche Kältewelle oder eine Geistererscheinung. Aber natürlich reagiert nicht jeder so offen auf paranormale Signale wie Frank und Daniela, sondern eindeutig mit Angst. Ist das etwa die tote Tante Helga, die da klopft? Oder ein vor Jahrhunderten bei lebendigem Leib Eingemauerter?

Spukopfern ehrenamtlich zu helfen ist Teil der Mission der PRG-HH. Die Gruppe führt lange Gespräche mit Menschen, die meinen, dass bei ihnen jemand oder etwas sein Unwesen treibt. Oft steckt eine natürliche Erklärung dahinter – wie erleichternd! –, manchmal aber auch nicht, dann haben die Betroffenen zumindest das Gefühl, nicht für verrückt gehalten zu werden. Frank und Daniela sind oft die Ersten, die eben nicht sagen: "Ach, das bilden Sie sich nur ein!"

Grau ist alle Theorie, es dämmert, und so langsam wollen wir dem Spuk auch selbst auf den Grund gehen. Bevor es losgeht, präsentiert Frank mir im Arbeitszimmer die wirklich beachtliche Gerätesammlung des Teams: optische und akustische Aufnahmegeräte, Temperaturmesser, Luftfeuchtigkeitsmesser, Wärmebildkamera, Nachtsichtkamera und Geisterdetektoren wie Gauss Master und K2… Es piept und blinkt, die Instrumente könnten aus dem legendären Kinofilm "Ghostbusters" von 1984 stammen – kein Jahr jünger. Braucht es echt so viel Equipment? "Wir wissen ja nicht, auf welcher Frequenz oder in welcher Form sich Energien melden", erklärt Frank. Er ist ein Meister am Lötkolben und baut Kameras so um, dass sie nachttauglich sind, oder das Radio zu einer Ghost Box, die den Frequenzbereich nach geheimen Botschaften scannt.

"Dann lasst uns mal los", sagt er und greift nach zwei umfunktionierten Gewehrkoffern mit der Ausrüstung. Der Dicke, ebenfalls schwarz wie die Nacht, lugt um die Ecke, miaut kurz zum Abschied. Draußen wird es dunkler. Für Daniela weckte der Tod ihres ersten Katers vor knapp 15 Jahren das Interesse am Paranormalen, erzählt sie im Auto: "Er lag auf meinem Schoß und sollte eingeschläfert werden. Plötzlich war es, als hätte sich mit einem Fingerschnippen die ganze Atmosphäre verändert. Das war seltsam. Ich hatte keine Angst, aber ich fühlte genau, wie mein Kater seinen Körper verließ." Nach dieser für sie eher tröstlichen Begebenheit habe sie wissen wollen, wie das Gefühl zu erklären sei – und lernte in einem Forum Frank kennen, der sich seit den 90er-Jahren für das Thema interessiert, seit er und ein Kumpel im Schweden-Urlaub Erscheinungen hatten: "Das ganze Programm, Schritte, Klopfen, kalter Lufthauch und sogar eine weiße Figur, die durch die Luft flog."

Mission Top Secret

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze für paranormale Phänomene. Zum Beispiel: Sie würden wirklich von Wesen verursacht, meist von Seelen Verstorbener. Manchmal ist auch von abgespaltenen Seelenanteilen die Rede, die absichtslos oder "verwirrt" agieren, also nicht, um uns zu ängstigen. Andere Theorien gehen davon aus, dass Gegenstände, Gebäude oder Orte seelische Energien aufnehmen, die von dafür sensiblen Menschen wahrgenommen werden. Ein weiterer Ansatz besagt, dass bedrohlich wirkende Gebäude wie alte Burgen die Psyche von Menschen manipulieren können. Und natürlich gibt es die Vermutung, dass viele Menschen auf Angst oder Stress einfach mit einer äußerst regen Fantasie reagieren. Gucken wir mal.

Durch persönliche Kontakte hat Frank Zugang in das Kellergewölbe eines alten Hamburger Kontorhauses in der Innenstadt. Unsere Mission ist top secret – auch wenn die Werners noch fast für jedes alte Rittergut oder Militärmuseum mit Beharrlichkeit und Charme den Einlass gewährt bekommen haben, manchmal sogar bis zu einer Woche dort wohnen durften. Im heutigen Fall möchte die Verwaltung nicht, dass das Gebäude mit Geistern oder auch nur Geisterjägern in Verbindung gebracht wird. Wir treffen die zweite Daniela aus der Gruppe, genannt Gössy, Nachname Hormann, 34 Jahre. Sie wird gleich, wenn es vollständig dunkel ist, bei der Untersuchung mit der Ghost Box die wesentliche Tätigkeit übernehmen. Erst mal aber soll ich auf der oberen Etage mit ein bisschen "Blindekuh" ein Gefühl für die Dunkelheit bekommen. Ausgestattet mit der Nachtsichtkamera, die gleich alles in grobkörnige Grün-Schwarz-Bilder taucht, soll ich durch einen Saal gehen. Licht aus. Schlagartig ändert sich die Stimmung. Unheimlich, auch wenn Frank in der Nähe bleibt und genaue Anweisungen gibt, wo es langgeht. Die Orientierung ist im Nu verloren, während mein Hirn versucht, sich an den Raum bei Helligkeit zu erinnern. Wie groß ist er? Wie hoch? Müsste hier nicht irgendwo ein Tisch… Aua! Ach da. Und wie auf Knopfdruck setzt auch Angst ein. Nur wovor eigentlich?

Bei dem, was gerade alles in der Welt abgeht, ist ja sowieso die Frage, wovor man sich im Jenseits noch fürchten sollte.

Unweigerlich wirft mein Kopfkino Horrorszenarien an, aus "Blair Witch Project", "Das Schweigen der Lämmer", "Paranormal Activity". Würde ich diese Paranoia auch entwickeln, hätte ich diese Filme nie gesehen? Frank knipst das Licht wieder an. "Hast du ’ne Pelle gekriegt?", fragt er. Und Daniela gibt zu: "Natürlich haben wir auch mal Angst. Wir sind ja auch nur Menschen." Sie fürchtet aber eher Diesseitiges: zum Beispiel Jugendliche, die nachts in die verrammelten Häuser einsteigen, wenn gerade eine ihrer Untersuchungen zugange ist. „Und Spinnen!“, sagt Gössy und schüttelt sich. Frank murmelt: "Bei dem, was gerade alles in der Welt abgeht, ist ja sowieso die Frage, wovor man sich im Jenseits noch fürchten sollte."

Der Keller erfüllt dann alle Erwartungen, die man an einen Spukort haben kann: schummrig, verwinkelt, morbide. Die drei bauen auf. Gössy packt die Ghost Box, Kopfhörer und Augenbinde aus, während Frank und Daniela Magnetfeldmesser aufstellen und den Raum zusätzlich verdunkeln. Sie wirken alle drei konzentriert und gewissenhaft, gehen mit detektivischem Eifer vor. Oder ist es noch kindliche Neugier? Paranormale Untersuchungen sind jedenfalls nichts für Ungeduldige – manche Auswertungen ziehen sich über Wochen hin.

Dann setzt Gössy Augenmaske und Kopfhörer auf. Das Rauschen der Ghost Box ist so laut, dass wir drei es weiterhin hören können. Das Gerät scannt den Frequenzbereich, als würde man bei einem alten Radio zügig von Station zu Station drehen. Einen tatsächlichen Radiosender trifft man dabei angeblich nicht. Vielmehr sollen Geister dieses Dazwischen als eine Art "Trägerfrequenz" nutzen, um sich dem geneigten menschlichen Ohr hörbar zu machen. Gössy haut also gleich alle Wörter raus, die sie wahrnimmt, Frank und Daniela (und ich auch) hoffen, dass sie einen Sinn ergeben. Frank erklärt noch, dass sie immer höflich und mit Anstand vorgehen, wenn sie mit Überirdischem kommunizieren. "Hallo, ist hier noch jemand im Raum?“, „Magst du uns sagen, wer du bist?", "Was sollen wir wissen?" Obwohl wir weit verteilt und im Stockdusteren sitzen, fühlt sich das Ganze jetzt überhaupt nicht so unheimlich an wie mein "Blindekuh"-Spiel eben im Saal – dafür ist es irgendwie zu kurios.

Pfeiler. Illustrierte. Joachim. Thorsten.

Während der etwa 20-minütigen Session sagt Gössy die Worte "Pfeiler", „"llustrierte", "Joachim" und "Thorsten". Was sie eigentlich nicht wissen kann: Vor Gössys Ankunft wurden Daniela und Frank hier an der Säule fotografiert, von Achim, der mit vollem Namen Joachim heißt, und seiner Foto-Assistentin Thordis. Sehr skurril. Ist das jetzt eine Botschaft? Ein Beweis? Für die drei auf jeden Fall. Beschreiben Geister manchmal bloß, was wir schon wissen? Können sie sich auch – wie menschlich! – keine Namen merken? Ein paar Worte und Satzfetzen kommen von Gössy noch hinzu, aber scheinbar ohne Zusammenhang oder Bezug. Daniela hat protokolliert, in den nächsten Tagen wird das Trio das Erlebte auswerten. Es ist halt eine Wissenschaft für sich.

BARBARA 50/2020

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