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Paula Lambert und Barbara "Es wird zu oft falsch Sex gehabt"

Paula Lambert und Barbara: Paula Lambert und Barbara Schöneberger
© Paula Winkler
Was behauptet Deutschlands Top-Sexpertin Paula Lambert da? Und wie kommt sie plötzlich aufs Orangenauspressen? Barbara bestellt erst mal: eine Extraportion Sahne.
von Stephan Bartels

Barbara: Paula, du bist heute aus zwei Gründen hier.

Paula: Nämlich?

Zum einen, weil du wahnsinnig nett und nicht minder lustig bist. Und zum anderen, weil unser Thema Sex ist – und du als Deutschlands bekannteste Expertin auf diesem Gebiet giltst.

Ist schon eine interessante Sache mit der Außenwahrnehmung. Beruflich mache ich ja gar nicht mehr so viel mit Sex.

Sondern?

Ich habe einen Podcast, der sich mit Beziehungen und Partnerschaft beschäftigt. Ich nenne ihn den "Podcast des Scheiterns".

Ich sehe den Punkt. Beziehungen haben nicht so richtig viel mit Sex zu tun.

Zumindest nicht mehr an dem Punkt, an dem die Leute zu mir kommen.

Aber ich stelle mir auch vor, dass es bei dir ist wie bei einem Hautarzt. Der kann in seiner Freizeit auf einer Party stehen, aber irgendwann kommt immer einer und fragt, ob der Fleck auf dem Oberschenkel bösartig ist.

Und du meinst …

… dass du wahrscheinlich ständig gefragt wirst, warum es bei den Leuten im Bett nicht läuft.

Na ja, selbst schuld, dazu fordere ich ja auf Social Media auch auf. Aber meistens geht es doch darum, warum Beziehungen nicht funktionieren oder warum jemand Probleme hat, überhaupt jemanden kennenzulernen. Sex gehört zu dem, was zwischen zwei Menschen passiert, aber er ist doch nur ein Bruchteil von dem, was uns allein und als Paar ausmacht.

Das sagen sich wahrscheinlich alle über 50.

Und haben recht damit.

Aber Moment mal: Wenn Sex eigentlich nur ein Bruchteil unserer selbst ist, warum wird seine Abwesenheit als so dramatisch empfunden?

Wenn du eine Torte essen möchtest und der beste Teil fehlt, dann ist es ein verdorbenes Erlebnis.

Eine Torte ist doch an allen Stellen gleich.

Eben nicht. Es gibt Ecken mit mehr Sahne und weniger Frucht. Und wo der Boden vielleicht nicht so dick ist. Das wäre übrigens mein Ding.

Ich will auf jeden Fall die Sahne. Notfalls ohne Boden.

Lassen wir das mal lieber mit der Torte. Sexualität hat immer mit Status und Selbstwahrnehmung zu tun. Ein vitales Sexleben heißt ja auch: Ich bin jung, ich bin frisch, ich werde begehrt. Und wenn Sex fehlt, dreht das die emotionale Gemengelage um – ich werde abgewiesen, ich werde nicht geliebt, ich bin kein bisschen begehrenswert.

Und das macht eine Menge mit den Menschen. Verstehe.

Das meine ich mit dem Tortending: Sex ist ein kleiner Teil von uns mit einer enormen Wirkung.

Und was interessiert dich am Sex?

Was mich nicht mehr interessiert: Wer was wo reinsteckt. Das ist schon lange nicht mehr spannend für mich. Dafür sehr die weibliche Orgasmusfähigkeit. Das ist ein Thema, das mich echt erschüttert.

Hättest du da aktuelle Zahlen?

Ja. 62 Prozent aller Frauen schaffen es dauerhaft nicht, während der Penetration zu kommen.

Ich dachte, es wären eher noch mehr.

Ich finde auch viel schlimmer, dass 80 Prozent dieser Frauen keinen Mucks dazu sagen. Vier von fünf Frauen nehmen das stillschweigend hin, anstatt ihrem Partner zu sagen: Du, so geht das nicht, das funktioniert nicht für mich.

Irre. Das kann ich gar nicht glauben. In unserer aufgeklärten Gesellschaft, in der du an jeder Ecke mit Sex konfrontiert wirst? Wo du das Gefühl hast, dass dir jedes erdenkliche Thema bis zum Erbrechen um die Ohren gehauen wird?

Aber denk mal drüber nach: Auch die eigene Sexualität? Die ist immer noch schambehaftet, und sehr viele Frauen würden eher verrotten, als sich und dem Partner einzugestehen, dass der Sex etwas ist, worüber es Gesprächsbedarf gibt. Und dann ist da noch eine andere Sache.

Ich bin gespannt.

Wie sehen Frauen eigentlich ihre eigene Sexualität, was ist sie für sie? Auch in unserer Generation und der nachfolgenden gibt es viele Frauen, für die Sex Mittel zum Zweck ist. Also: etwas, mit dem sie einen Mann bekommen und ihn halten. Die stöhnen beim Vögeln, damit sich der Mann stark fühlt, da geht es um eine gute Bewertung. Super im Bett, die Frau, fünf Sterne auf Yelp, hurra!

Das klingt so, als würdest du mit uns Frauen hadern.

Ich hadere mit den Bildern, die wir voneinander haben. Mit den Erwartungen, die wir aneinander haben. Und ja: auch damit, was Frauen von Männern wollen.

Okay, deiner Meinung nach: Wie sehen wir Frauen die Männer?

Zum einen müssen sie sensibel sein und sich liebevoll um die Kinder kümmern, gleichzeitig aber auch die toughen Vollversorger geben, Karriere machen und richtige Kerle sein, und das bedeutet eben auch: Von Männern wird erwartet, dass sie im Bett dominieren. Das schließt aber aus, dass Sexualität eine Gleichberechtigung erfährt.

Das musst du erklären.

Männer dürfen nie keine Lust haben. Sie dürfen nicht dominiert werden wollen. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Wir dürfen nicht dominieren.

Aber stimmt das? Dürfen wir das nicht?

Meiner Erfahrung nach werden devote Männer in der freien Wildbahn ziemlich verachtet. Ich persönlich werde auch lieber dominiert, aber es gibt doch auch Frauen und Männer, die anders veranlagt sind. Aber solange wir in den starren Bildern verharren, ist es doch klar, dass im Bett eine gewisse Sprachlosigkeit herrscht. Ich weiß ja nicht, wie dir das so geht.

Ich finde, man muss sich von allem mal einen Überblick verschafft haben.

Wundert mich nicht.

Aber auch ich habe gewisse Anforderungen. Also, mit einem Mann zusammen zu sein, der beim Sex nicht kommt … wäre unvorstellbar für mich.

Siehst du. Männer müssen kommen, während es bei Frauen als Bonus gilt. Noch viel zu viele Frauen haben Sex, damit der Typ seinen Spaß hat.

Aber du meinst, jede Frau könnte einen Orgasmus haben?

Klar. Muss man halt nur ein bisschen mehr rumschrauben. Orgasmusfähigkeit kann man üben.

Aber das hat man doch. Ich meine, wer mit 16, 17, 18 in die Sexualität einsteigt, hat doch schon ein paar Jahre lang an sich selbst herumgeschraubt.

Ja, Frauen, die innerlich frei sind, haben das getan. Aber du ahnst nicht, wie viele Selbstbefriedigung doof finden. Die deshalb keine Ahnung haben, wie sie gebaut sind. Was eigentlich im Körper passiert, wenn sie sich hier oder da berühren. Und die können natürlich auch ihren Männern nicht sagen: Fass mich so oder so an, das mag ich.

Wie schade!

Allerdings. Schließlich hat das weibliche Geschlechtsorgan ungefähr 8000 Nervenenden. Und der Penis …

Zwei?

Na ja, vielleicht vier. Wir sind viel besser ausgestattet als Männer. Und um die Orgasmusgeschichte mal abzuschließen …

Ja! Bitte, bitte die Orgasmusgeschichte jetzt unbedingt abschließen!

… haha. Jedenfalls: Es wird zu oft falsch Sex gehabt. Die Vagina hat keine Reiberezeptoren, stumpfes Rein-Raus bringt da nicht viel. Da ist Kontakt, Kontakt, Kontakt angesagt, das hat eher was von Orangenauspressen.

Ich glaub, Männer haben auch viel dazugelernt und setzen es viel differenzierter um als früher.

Bei dir vielleicht. Weil du etwas anderes ausstrahlst. Weil du dich kennst, weil du deine Stellen kennst. Und dir wahrscheinlich instinktiv Männer suchst, die das bedienen können.

Wie ist es bei dir? Hast du einen bestimmten Typen?

Tja. Seltsamerweise sind meine Männer fast allesamt immer genau 1,93 Meter groß.

Okay. Dann kenne ich den einen oder anderen. Aber weißt du, ich wusste immer die Vielfalt zu schätzen.

Wie meinst du das?

Na ja, jeder eignet sich ja für etwas anderes. Ich habe mich immer bedient und bedienen lassen. Da waren die schrägsten Typen dabei, aber die hatten eben spezielle Fähigkeiten. Ich war ziemlich breit aufgestellt bei diesem Thema, stelle ich gerade fest.

Jetzt, wo du’s sagst: Ich hatte gegen mein Muster mal einen Freund, der so um die 1,65 Meter groß war. Ging nur zwei Monate, aber da habe ich festgestellt: Kleine Männer sind wie kleine Hunde, die wollen ständig irgendetwas beweisen. Das hat sich, sagen wir mal, sexuell für mich als sehr günstig herausgestellt.

Aber machen wir uns nichts vor: Auf die Größe kommt es eh nicht an. Es braucht die richtige Kombination von Intelligenz und Gefühl für richtig tollen Sex, was auch immer das eigentlich ist.

Das kann ich dir sagen. Richtig toller Sex ist das Gefühl, in diesem einen Moment mit niemand anderem auf der Welt zusammen sein zu wollen.

Und wenn man dabei miteinander redet.

Und lacht. Sex ist für viele eine ernste Sache, es muss mehr gelacht werden dabei.

Gelacht habe ich eigentlich selten dabei. Sex war für mich immer etwas Natürliches und Unbefangenes.

Klar. Wohl und Wehe hängt immer von der inneren Haltung ab. Und wenn du im Leben immer an denselben Punkten scheiterst, ist da eine Aufgabe offen, die du noch nicht verstanden hast.

Wie ist es bei dir? Hast du lange gebraucht, um da hinzukommen, wo du jetzt bist?

Ja. Ich hatte eine völlig überforderte Erzeugerin, die besser nie Mutter geworden wäre. Und ich habe lange nicht verstanden, dass all das Unglück, das sich in meinem Leben, in meinen Beziehungen angehäuft hatte, allein auf meinem inneren Glauben basierte, dass ich nicht liebenswert sei und eine gute Beziehung gar nicht verdient hätte. Darauf habe ich alles gebaut.

Aber Moment mal: Wenn man nicht daran glaubt, eine gute Beziehung verdient zu haben – wie führt man dann eine?

Mit einem ständigen Unwohlsein. Mit dem sehr wahren Gefühl: Hier stimmt was nicht. Interessanterweise habe ich auf diese Art sogar eine zehnjährige Ehe geführt, mit einem Menschen, der nicht zu mir gepasst hat – und umgekehrt. Aber durch diese Ehe habe ich am Ende verstanden, dass mein kompletter Ansatz in eigener Sache verkehrt war.

Aber das ist ja die tollste Botschaft: Auch mit den größten Startschwierigkeiten kann ich irgendwann zu dem Menschen werden, der ich sein will.

Und man kann aus meinem Beispiel lernen, keine Angst vor Krisen zu haben. Denn Krisen sind die Stufen, vor denen du etwas lernst. Die du hochsteigen kannst.

Und du hast es geschafft.

Auf die harte Tour. Als ich meinen jetzigen Mann kennengelernt habe, sagte der: Wir machen das, aber mit paartherapeutischer Begleitung.

Ihr habt die Beziehung mit einer Paartherapie angefangen?

Ja. Wir waren beide wie zwei Ersaufende, die sich aneinandergeklammert haben. Ohne diesen Start wären wir untergegangen.

Toller Ansatz, sich in einer Beziehung nahezukommen. Normalerweise entfernt man sich mit der Zeit ja immer mehr. Bist du eigentlich eine Anhängerin der Monogamie?

Nee. Das kommt doch mal vor, dass man sich tatsächlich mal für jemand anderen interessiert. Du doch bestimmt auch.

Sagen wir mal so: Ich bin da noch nicht. Aber ich finde es toll, sich in einer Beziehung nicht mit allen Geheimnissen zu kennen. Ich glaube jedenfalls nicht, dass die Qualität einer Beziehung am Ende des Lebens ausschließlich an dem Satz abgelesen werden kann: Wir waren uns immer treu. Ich bin gespannt, welchen Satz ich am Ende meines Lebens sagen werde.

Treue nicht als Dogma zu verstehen, das ist eine gesunde Einstellung, weil realistisch. Aber mir ist es seit elf Jahren nicht passiert, dass ich Lust auf jemand anderen als meinen Mann hatte, was meinem Naturell nicht unbedingt entspricht. Aber es stimmt schon: Die Frage "Wo warst du?" ist komplett irrelevant. Die richtige Frage in einer Beziehung ist immer: "Wie geht’s dir?"

PAULA LAMBERT, geboren 1974 in München, heißt eigentlich Susanne Frömel, und apropos eigentlich: Eigentlich hat sie nach dem Abi Musik in Los Angeles studiert, sich dann doch in Berlin zur Journalistin ausbilden lassen. Seit 2005 ist sie als Paula Lambert Kolumnistin in Sachen Sex und Liebe, erst schriftlich, dann im Fernsehen ("Im Bett mit Paula", "Paula kommt!") und inzwischen auch per Podcast. Paula ist zum zweiten Mal verheiratet, hat zwei Söhne und wohnt in Berlin.

STEPHAN BARTELS hat diesem Gespräch zugehört, es aufgeschrieben und dann intensiv über Treue und übers Orangenauspressen nachgedacht. 


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