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Peter Plate und Ulf Leo Sommer "Wenn wir mal nicht gestritten haben, haben die Nachbarn etwas vermisst."

Peter Plate und Ulf Leo Sommer: Peter, Ulf und Barbara tragen weiße Anzüge mit Farbflecken
© Robert Grischek / Barbara
Spannend: Peter Plate und Ulf Leo Sommer sind beruflich ein Duo und mit ihrer Musik seit Jahrzehnten in den Charts. Lange waren sie auch privat ein Paar – bekannt für lautstarke Konfliktbewältigung.

Barbara: Peter, Ulf, jetzt mal ehrlich: Seid ihr Fans von Donnerwettern oder gehört ihr zu denen, die sich davor gruseln?

Peter: Ist doch großartig. Diese momentane Entladung einer enormen Spannung, die hat was.

Finde ich auch. Aber ich habe dann immer etwas Angstlust.

Ulf: Angstlust?

Ja. Ich meine, es ist toll, wenn sich etwas so eruptiv entlädt, aber man ist dem doch auch sehr ausgeliefert.

Ulf: Klingt so, als würdest du nicht nur über das Wetter reden. Peter und ich sind ja auch in anderer Hinsicht große Donnerwetter-Fans. Entladung bringt immer auch Reinigung mit sich, und ich kann schwer mit stickiger Luft leben.

Ich nehme an, bei euch beiden hat es oft gekracht. Schließlich wart ihr 20 Jahre lang ein Paar.

Peter: Ich gehöre zu den Leuten, die nicht schlafen können, bevor ein Streit nicht beendet ist. Was bedeutet, dass ich 20 Jahre lang quasi nicht geschlafen habe.

Ulf: Es war meist so laut bei uns, dass die Nachbarn etwas vermisst haben, wenn wir mal nicht gestritten haben.

Meine Güte. Habt ihr mir nicht auch mal erzählt, dass ihr euch im Taxi so gezankt habt, dass der Fahrer euch rausgeworfen hat?

Ulf: Ja, das stimmt. Und ich war sogar sehr oft drauf und dran, mich aus fahrenden Taxis zu werfen. So war das bei uns.

Das ist aber auch toll. Also: aus Autos aussteigen, laut "Dann mach doch deinen Scheiß allein" rufen, die Tür zuschlagen und weggehen. Und dann mit den Konsequenzen leben.

Peter: Wie sahen die bei dir aus?

Ich bin auf diese Weise schon in schwer erreichbaren Skiorten aus Beziehungen ausgestiegen. Und dann mit dem Taxi von Vorarlberg nach München gefahren. Danach musste ich einen Kredit aufnehmen. Aber braucht ihr das eigentlich? Müssen eure Partner eruptionsfähig sein?

Peter: Lee, mein jetziger Mann, ist anders. Der schläft bei Streits einfach ein.

Ulf: Das finde ich ganz schlimm.

Peter: Ging mir anfangs auch so. Aber ich bin jetzt auch schon elf Jahre mit ihm zusammen, ich habe mich dran gewöhnt. Das hat auch Vorteile, weil man am nächsten Morgen ganz anders und viel entspannter auf die Sache schaut. Ich musste das erst lernen. Aber für Ulf und mich ist es zu spät, da funktioniert das nicht.

Ulf: Weil Ausrasten auch etwas war und ist, das uns zusammengehalten hat. Gerade gestern haben wir eine ärgerliche Nachricht bekommen, in Gegenwart von zwei Frauen. Normal wäre gewesen, dass wir beide uns laut und furchterregend entladen. Peter hat auch genau das gemacht. Ich habe aber für mich beschlossen: Ich bleibe einfach mal ruhig.

Interessant. Was ist dann passiert?

Ulf: Peter war total sauer auf mich.

Peter: Es fühlte sich wie Verrat an.

Kann ich verstehen. Ich will mich manchmal auch streiten, ich brauche es, mich sozusagen auszukotzen. Und dann verzieht sich mein Gesicht unschön, und ich habe meine Spucke nicht mehr unter Kontrolle.

Peter: Wie Ulf!

Ulf: Ich bekomme Schaum vorm Mund. Ganz buchstäblich.

Aber ist doch irre, was für eine Wut man manchmal in sich entdeckt. Wie neulich, als mich ein älterer Autofahrer übel beschimpft hat. Und ich dachte nur, wie geil, der gibt mir gerade die Erlaubnis dazu, ihn anzuschreien.

Ulf: Was du getan hast.

Und wie. Und das tat so gut! Manchmal möchte ich auch Dinge werfen, obwohl ich weiß, dass sie danach kaputt sind.

Ulf: Oh Gott.

Peter: Ulf zerdeppert ständig seine Handys vor Wut. Und ärgert sich tierisch danach. Aber wenigstens wirft er sie nicht auf Menschen.

Ich schon. Auf meinen Mann. Dann ist der Dampf raus. Und ich muss schon sagen: Wenn mich jemand am Frühstückstisch anschreit, komme ich doch ins Grübeln, ob so rein inhaltlich an den Vorwürfen etwas dran sein könnte. Aber unsere Beziehung definiert sich nicht über Streit. War das bei euch anders?

Peter: Nee, das nun wirklich nicht.

Ulf: Was bei uns immer da war und auch nicht mit dem Ende der Beziehung weggegangen ist, war die Seelenverwandtschaft. Wir waren von Anfang an wie Brüder. Und das hilft beim Streiten: Es war immer auf Augenhöhe.

Peter: Das ist wichtig. Auf Augenhöhe ist Schreien okay, nach oben auch. Nach unten ist es nicht okay.

Da sagst du was. Ich habe definitiv eine Neigung zu undiplomatischem Verhalten.

Peter: Merkt man gar nicht.

Weil sich das auch ganz langsam aufbaut und dann, da sind wir wieder bei der Entladung, auf einen Schlag herausbricht. Deshalb bin ich froh, dass ich nicht in so festen Strukturen arbeite, die meisten Leute sehe ich gar nicht so lang, dass es dazu kommt. Aber Eltern-Whatsapp-Gruppen in der Schule oder im Sportverein der Kinder – ganz schwieriges Terrain für mich.

Ulf: Für mich ist es am härtesten, mit Leuten umzugehen, die sich jedem Streit entziehen.

Oh ja, du hast recht. Ich hatte neulich einen Fall, wo ich in die Diskussion gehen wollte, weil etwas nicht mehr gepasst hat. Freundlich, sachlich, laut, provozierend – ich habe nichts ausgelassen. Und alles, was zurückkam, war passive Aggressivität. Am Ende war ich leer und ratlos.

Peter: Kenne ich. Ist mir in der Pandemie mit vielen so gegangen. Das hat die Charaktere noch mal auf eine ganz andere Art beleuchtet.

Ulf: Er meint mich.

Huch. Wieso das?

Ulf: Mein Leben ist ein ganz anderes als das von Peter. Er ist verheiratet und sehr häuslich geworden, ich bin Single, ziehe gern um die Häuser und fliege alle zwei Wochen nach Barcelona. Das fiel ja weg. Und weil wir auf demselben Stockwerk wohnen, war ich permanent zum Essen eingeladen. Ich kam mir vor wie eine alte Tante, um die man sich kümmert, weil es sonst keiner tut, und ich hing ständig bei Peter und Lee herum. Und zwar passiv-aggressiv.

Ich dachte, du bist lieber aktiv-aggressiv.

Ulf: Das ist der Widerspruch in mir. Ich breche gern aus, aber eigentlich bin ich harmoniegetrieben und möchte, dass sich alle verstehen.

Das verstehe ich gut. Eigentlich hasse ich es auch, in Konflikte zu gehen.

Peter: Ich liebe das.

Ulf: Stimmt. Peter ist garstig.

Peter: Weil Harmonie um jeden Preis nichts bringt. Du lernst nichts ohne die Auseinandersetzung. Und ich habe eben keine Angst davor, nicht gemocht zu werden, im Gegensatz zu Ulf.

Moment, da hat mir ein Freund neulich eine wirklich tolle Geschichte erzählt …

Peter: Her damit!

Seine Frau hat eine Bekannte, die sie und ihn zum Essen eingeladen hat. Der Mann der Frau, den sie vorher nicht kannten, entpuppte sich während des Gesprächs als furchtbarer Typ. Mitten im Essen hat mein Freund also gesagt: "Wissen Sie was? Ich mag Sie nicht. Und für Sie ist mir meine Zeit zu schade, deshalb gehen wir jetzt."

Peter: Wow. Sind sie wirklich gegangen?

Ja. Und haben dann zwei Tage schlecht geschlafen, weil sie so krass aus der Form gefallen sind in diesem Moment.

Peter: Ich finde das geil.

Ulf: Ich auch, aber ich könnte das nicht. Deshalb bin ich froh, dass ich Peter an meiner Seite habe.

Peter: Aber das, was dein Freund gemacht hat, würde ich auch nicht bringen. Das geht nur bei Menschen, die ich liebe.

Wie meinst du das?

Peter: Ein Beispiel. Ich habe mir noch vor meinem Coming-out ein Ohrloch stechen lassen. Mit dem neuen Ohrring bin ich dann von meiner Heimatstadt Goslar nach München zu meinen Großeltern gefahren. Als ich ankam, sagte mein Großvater: Entweder du nimmst den Ohrring raus oder du gehst.

Und du bist gegangen.

Peter: Ganz genau. Meine Oma hat mich unter Tränen zum Bahnhof gefahren und mich bekniet, zu bleiben. Aber ich bin gefahren. Und das hat die Beziehung zu meinem Opa so verändert.

Und wie?

Peter: Sie ist tiefer geworden. Er hat sich bei mir entschuldigt, ich habe geweint. Das alles hat es mir dann auch leichter gemacht, ihm später zu sagen, dass ich schwul bin.

Das ist ja überhaupt interessant: War eure Streitkultur, euer Umgang mit Konflikten schon in eurer Kindheit angelegt?

Ulf: Nee. Ich war eher so ein Systemsprenger-Kind.

Wie Helena Zengel in diesem Film?

Ulf: So ähnlich. Tagsüber war ich ziemlich lieb und normal, ich war auch gut in der Schule, aber nachts bin ich über drei, vier Jahre hinweg komplett ausgerastet.

Wie kann ich mir das vorstellen?

Ulf: Ich konnte nicht schlafen, und dann habe ich geschrien, über Stunden, mit Schaum vor dem Mund. Meine Schwester und ich haben in Doppelstockbetten geschlafen, und sie hat jeden Abend gesagt: "Ulf, heute Nacht bitte nicht."

Das ist ja furchtbar. Weißt du, woher das kam?

Ulf: Ich war etwa neun Jahre alt, als es begann. Meine Eltern hatten eine große Ehekrise, und meine nächtlichen Ausraster waren bestimmt eine Reaktion darauf. Ich wollte, dass meine Mutter zu mir kommt. Ich liebte sie wie wahnsinnig, und trotzdem wollte ich ihr wehtun. Wahrscheinlich genau deswegen. Es war schlimm für alle. Die Ärzte wollten mich mit Schlaftabletten ruhigstellen, aber die haben mir meine Eltern nicht gegeben. Es hat nach ein paar Jahren einfach von allein aufgehört.

Konntest du das mit deiner Mutter später klären?

Ulf: Nee. Ich glaube heute sogar, ich wollte eher mir wehtun, indem ich meine so sehr geliebte Mutter zur Weißglut brachte. Tief im Inneren wusste sie das wohl, vielleicht mussten wir deshalb nie wieder darüber reden. Aber ich bin froh, dass ich später Peter begegnet bin. Der hat dieselbe unerklärliche Wut in sich, das hat mir bei meiner irgendwie geholfen.

Ihr habt vorhin schon erwähnt, dass ihr 20 Jahre lang ein Liebespaar wart. Wie habt ihr es eigentlich geschafft, das in etwas anderes zu transformieren?

Ulf: Unter großen Schmerzen. Der Moment, in dem du aussprichst: Es geht so nicht weiter, wir müssen was an unserer Beziehung ändern, der tat extrem weh. Und es hat Zeit gebraucht.

Peter: Ein Jahr mindestens. Und sehr, sehr viele Tränen.

Ulf: Oh ja. Wir sind mit geöffneten Schleusen unterwegs gewesen. Wir haben sämtliche Restaurants um den Savignyplatz herum geflutet. Wir konnten es einfach nicht fassen, wir hätten nie für möglich gehalten, dass wir uns trennen. Und unsere Freunde auch nicht, wir haben für namenloses Entsetzen gesorgt. Wir saßen da, haben schweigend geheult, und die Leute haben uns fassungslos angestarrt.

Peter: Damals dachten wir, alles ist vorbei. Das haben wir ja auch so gelernt: Wenn die Beziehung zu Ende geht, war’s das mit dem anderen Menschen für dich. Aber ich hoffe inzwischen für spätere Generationen, dass man anders mit dem Thema umgehen kann. Denn klar: Die Liebe kann verschwinden. Aber sehr oft tut sie das nicht, auch bei uns ist sie geblieben.

Ulf: Wir hatten bloß keinen Sex mehr. Und wir haben festgestellt, dass uns auch andere Männer interessieren.

Peter: Und mir ging es so viel besser, als ich begriffen habe: Ich muss Ulf deswegen ja gar nicht verlieren. Es ist genau das passiert, was du vorhin sagtest: Wir haben diese symbiotische, abgrundtiefe Liebe in eine andere Art von Beziehung transformiert.

Aber Peter hat jetzt einen Mann – und du nicht, Ulf. Schlimm?

Ulf: Nee. Toll für ihn. Und ich muss für mich gerade herausfinden: Was für eine Art von Beziehung will ich eigentlich? Brauche ich noch einen schnarchenden Kerl neben mir? Ich bin nicht sicher.

Das klingt alles so gesund bei euch.

Peter: Ja. Aber für mich ist es irgendwie doch auch anstrengend.

Wieso?

Peter: Weil ich jetzt zwei Männer habe, um die ich mir Gedanken machen muss. Den einen habe ich den ganzen Tag um mich, da habe ich die Sache im Blick und kann sie überschauen. Aber ich muss auch wissen, dass es Ulf gut geht in seinem Singleleben, auf seinen ständigen Reisen nach Barcelona. Sonst kann ich nachts nicht schlafen.

Da merkt man, dass du keine Kinder hast.

Peter: Ich stelle mir manchmal vor, ich hätte fünf. Was müssen das für Sorgen sein! Ich würde definitiv verrückt werden, das steht mal fest.

Barbara

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