Plötzlich Einzelkind: Mein Bruder, der sein Leben nicht mehr wollte

Wie wird man damit fertig, wenn das Unfassbare geschieht und sich ein Familienmitglied das Leben nimmt? Unser Autor verlor vor zehn Jahren seinen großen Bruder.

von Gregor Knuth

Hast du noch Geschwister?“ Eigentlich eine völlig harmlose Frage. Mich wühlt sie in jedem Small Talk aufs Neue auf, auch wenn ich eigentlich Jahre Zeit hatte, mir eine Antwort zurechtzulegen – à la „Schwester ... lebt in Mannheim mit zwei Kindern ... sehen uns selten ...“

Antworte ich mit einem knappen „Nein“, was genau genommen keine Lüge ist, kommt ein halb mitleidiges, halb vorwurfsvolles „Oh je. Einzelkind“. Immer. Und dass man es sicher vermisse, Geschwister zu haben, oder dass man dann sicher verwöhnt sei, weil man ja immer die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern hatte. Sage ich, dass ich mal einen Bruder hatte, ist das Risiko groß, dass als Nächstes „Woran ist er gestorben?“ kommt und selbst der harmloseste Plätscherdialog sofort zum Trauerspiel wird.

Was soll man auch sagen?

Gleich mit der ganzen Wahrheit zu antworten ist für die meisten Menschen schwer zu ertragen. Den richtigen Umgang mit jemandem, der mit dem Selbstmord eines Angehörigen klarkommen muss, gibt es wahrscheinlich gar nicht. Was soll man auch sagen? Es ist einfach alles viel zu schwer bei diesem Thema.

Ich denke heute nicht mehr täglich an Thomas. Aber wenn ich mich erinnere, ist er mir sehr nah. Mein großer Bruder, der sein Leben nicht mehr wollte und es vor zehn Jahren – als er 33 war und ich 27 – beendete. Ich male mir oft aus, wie wir zwei heute miteinander wären. Er wäre sicherlich verheiratet und Vater, ich vielleicht auch – wenn ich nicht nach seinem Tod viele Jahre so eine Scheißangst vor Nähe und Beziehungen gehabt hätte.

Wir waren uns nicht ähnlich

Als Kinder waren wir uns nie besonders nah gewesen. Er war selbstbewusst, abenteuerlustig und dominant, ich eher schüchtern, nachdenklich und abwartend. Über die Jahre wurde ich mehr wie er: zielstrebiger, zupackender. Wir liebten früher ein Spiel, das wir „Der letzte Mensch der Welt“ nannten: Nach einer Nuklearkatastrophe hatte nur ein Mensch überlebt. Und der „letzte Mensch“ musste suchen, ob es nicht doch noch Leben auf der Erde gäbe. Wenn ich Thomas suchen musste, hatte ich immer ein bisschen Angst und war jedes Mal erleichtert, wenn ich ihn entdeckt hatte – selbst wenn er im Spiel dann mein Feind war, ein „Verstrahlter“ oder ein Alien.

Der Anruf, der alles veränderte

November 2008. Es muss schon nasskalt draußen gewesen sein, aber meine Erinnerung macht aus der Zeit, als dieser eine Anruf kam, immer den herrlichsten Sommer. Sicher weil der Anruf damals einen Schnitt in mein Leben machte. Kurz zuvor war ich von meinem Erasmus-Jahr in Italien zurückgekehrt, wohnte mit tollen Leuten in einer WG und wollte bald nach Berlin ziehen. Gerade erst war ich voller Glück zu „Viva la Vida“ von Coldplay nackt durch mein Zimmer getanzt ...

„Hallo, hier ist Papa. Sitzt du?“ Komische Art, ein Telefonat zu beginnen, denke ich noch. Beunruhigt greife ich nach meinem Kaffeebecher, setze mich auf den Boden, im Hintergrund höre ich meine Mutter undeutlich, aber aufgeregt sprechen. Sofort Kopfkino. Hat einer von beiden Krebs? Müssen meine Eltern ihr Haus verkaufen? Ist was mit Oma oder dem Hund? Meinen Bruder habe ich gar nicht auf dem Schirm.

"Thomas ist tot. Er hat sich erschossen.“

Die beiden Sätze sind wie Kugeln, die erste trifft mein Herz, die zweite meinen Kopf, der sofort Gedankensalat produziert: Dass ich nun wohl Thomas’ Auto bekomme, denke ich. Dass ich gar nichts Schwarzes zum Anziehen habe. Und wieso eigentlich erschossen? Davon kann man doch blind oder behindert werden, wenn es danebengeht. Die Wahrheit kann ich noch nicht denken. Und die Frage nach dem Warum stelle ich mir erst Tage später. Ich stelle sie mir bis heute. Auch wenn ihre Dringlichkeit nach vielen Jahren und unzähligen Therapiestunden nachgelassen hat.

Mein Vater ist gefasst am Telefon

Meine Eltern wissen es schon seit gestern Abend. Mein Gott, meine Eltern … Wie zur Hölle konnte er ihnen, wie konnte er mir das antun? Leben wir jetzt alle weiter oder sterben wir einfach hinterher?

Dann wird alles schwarz. Als hätte jemand einen Eimer Teer über mir ausgekippt, der alles verklebt und verdunkelt, um dann eine Falltür unter mir zu öffnen. Ich weine, schreie, falle einfach um, in meiner Erinnerung sind auch heute nur Splitterbilder. Wie meine Mitbewohnerin mich im Arm hält und meine Haare streichelt, mantramäßig immer wieder „Ich bin hier“ sagt. Wie wir in Zeitlupe in meinen alten Golf steigen, an den Geschmack des Fusel-Wodkas, den ich an der Raststätte kaufe, die tränenvernebelten Bilder der Landschaft, die an mir auf der Strecke nach Süddeutschland vorbeiziehen. Wie meine Eltern zusammengesunken neben Freunden auf dem Sofa sitzen und ich mir ein paar Tage später Hemd und Pullover von Hugo Boss in Schwarz kaufe. „Das macht superschlank“, sagt die Verkäuferin zu mir. „Mein Bruder hat sich erschossen“, antworte ich. Sie drückt mich an sich, ich weine auf ihre Polyesterbluse. Am Ende schenkt sie mir eine Rabattkarte, und ich schäme mich.

Ich fühlte mich wie der einsamste Mensch

Entsetzlich, als ich Thomas’ Handy abhöre und auf die letzte Sprachnachricht meiner Mutter stoße. Sie fragt besorgt, ob er sich bitte kurz melden könne, da er seit Tagen nicht auf ihren Anruf geantwortet habe. Da war es schon zu spät. Oder als ich auf der Urnenbeisetzung meinen Vater das erste Mal in meinem Leben weinen sehe, und er mir zerbrechlich wie ein Vogelküken vorkommt. Oder als mir die Nachbarn auf die Schultern klopfen und sagen, dass ich jetzt für die Familie stark sein muss, schließlich haben sie gerade ein Kind zu Grabe getragen. „Fick dich!“, brülle ich am Tag nach der Beerdigung über den Friedhof, so oft, bis Tränen meine Stimme ersticken. Ich fühlte mich wirklich wie der einsamste Mensch. Vielleicht war Thomas wirklich wie ein Alien, der mit dem Leben hier unten nicht klarkam? Ich wusste im Grunde genommen nichts über ihn.

Trauer hat viele Facetten

Ich habe damals lernen müssen, dass Trauer viele Facetten hat. Wie aus einer schrecklichen Wundertüte kamen täglich neue, teils absurde Gefühle in mir hoch – in den unpassendsten Situationen musste ich Tränen lachen, dann hemmungslos schluchzen. Mal fühlte ich Hass, Wut, dann Einsamkeit, Selbstmitleid. Große Angst, dass meinen Eltern etwas zustößt oder dass mir, ihrem letzten Kind, etwas zustoßen könnte. Dazu ein starkes Schamgefühl, Teil einer Familie zu sein, in der „so was“ passiert. Einmal demolierte ich betrunken die Toiletteneinrichtung eines Clubs und zertrümmerte den Spiegel. Bis der Security-Mann neben mir stand, mich festhielt. „Geht’s noch?!“ Als ich ihm sagte, was mir passiert war, kam ein verblüfftes: „Und das macht es jetzt besser?“ Energisch, aber rücksichtsvoll bugsierte er mich hinaus.

Erst nach und nach lernte ich, zu sagen, was ich brauche

Meine Freunde machten damals alles richtig. Und doch alles falsch. Riefen sie mich an, wollte ich alleine sein, hörte ich einen halben Tag nichts, verzweifelte ich an meiner Einsamkeit. Erst nach und nach lernte ich, von mir aus zu sagen, was ich mir wann von wem an Zuwendung und Hilfe wünschte. Wollte ich vergessen, saufen und feiern, rief ich D. an. Wollte ich, dass mir jemand zuhört und mich umarmt, meldete ich mich bei M. Und so weiter.

War Thomas noch Herr seiner Sinne gewesen?

Immer wieder lese ich den kurzen, nüchtern geschriebenen Abschiedsbrief, in dem es keine Anklage gibt und keine direkte Erklärung für diesen Schritt, außer dass Thomas seine Karriereziele nicht erreicht habe, die er sich gesteckt hatte. War er überhaupt noch Herr seiner Sinne gewesen? Ich suche noch im letzten Winkel seiner Wohnung nach Hinweisen. Starre so lange auf alte Kinderfotos von uns, bis ich das Gefühl habe, unsere Abbilder in bunten Pullis und mit Zahnlücken bewegen sich und ziehen Grimassen.

Resilienz muss ich erst mal googeln

Mir fällt auf, dass Sie kein schlechtes Gewissen haben“, sagt mein Psychologe irgendwann im Laufe einer sehr intensiven, strapaziösen Therapie. „Sich Vorwürfe zu machen ist eine verständliche Reaktion Angehöriger.“ Er attestiert mir eine außerordentliche Resilienz, auch wenn ich die vielleicht gerade nicht spüren könne. „Sie wird ihnen helfen, mit dieser Tragödie klarzukommen.“ Ich muss danach erst mal googeln, was Resilienz genau heißt. Psychische Widerstandskraft. Auch wenn ich eine Zeit lang Angst hatte, dass Selbstmordabsichten auch in mir schlummern und irgendwann aktiviert werden könnten, weiß ich heute, dass mir nichts fremder ist. „Höchstens wenn ich unheilbar krank bin und kein Schmerzmittel mehr hilft“, sage ich immer. Ich hänge an meinem Leben.

Man kann im Leben einiges aushalten

Es wäre schön, wenn ich jetzt schreiben könnte, dass ich seit damals mein Leben intensiver lebe oder einfach bewusster. Dass ich achtsamer bin, liebevoller, Freundschaften besser pflege, mich weniger mit meinen Eltern streite, wenn ich sie besuche – und dass Alltagsprobleme mir weniger ausmachen. Das ist aber ganz und gar nicht so. Auch ich kotze mich wie alle über Kleinigkeiten aus. Auch ich hatte wie die meisten frustrierende Affären und Beziehungen. Ich hatte genauso gnadenlose Chefs und ätzende Kollegen, die Berliner Taxifahrer sind zu mir genauso unfreundlich – mir steht ja auch kein „zerbrechlich“ auf der Stirn.

Was ich aber gelernt habe: Man kann im Leben wirklich einiges aushalten und sogar daran wachsen. Auch eine Familie kann das, selbst wenn sie sich danach völlig neu ausrichten muss. Meine Eltern sind an der Katastrophe nicht zerbrochen, weil sie sich lieben. Ich bin sehr empfindsam. Aber ich bin wieder, oder immer noch, ein eher zu Euphorie neigender, lebensfroher Mensch. Trotz oder gerade wegen des Schattens, der sich hin und wieder über meine Seele legt. Ich kann wieder Nähe zulassen und würde von mir behaupten, dass ich angemessen mit Trauernden und dem Thema Tod umgehen kann – meistens. Ich bin so was wie glücklich. Auch weil ich Thomas’ Entscheidung irgendwann akzeptieren konnte – verstehen werde ich sie nie.