Plötzlich Stier! Wenn sich dein Sternzeichen auf einmal ändert

Es steht alles in den Sternen geschrieben? Eine schöne Vorstellung, fand unsere Autorin. Bis für ihr astrologisches Selbstbild der Vorhang fiel.

Hier schreibt Karina Lübke

Zuerst klang es wie eine gute Nachricht: „Ich habe beim Kramen deine Geburtsurkunde gefunden“, sagte meine Mutter. Nach ihren bisherigen Erinnerungen war ich „gegen Mittag“ zur Welt gekommen. Sie hatte diese Sternstunde allerdings auch in Vollnarkose verschlafen. Nun hatte ich meine genaue Geburtszeit: 12:15 Uhr.

Ich war begeistert. Als nach außen hin skeptische, aber innerlich gläubige Horoskopleserin (als typischer Zwilling schlummern eben zwei Seelen in meiner Brust) hatte ich schon immer wissen wollen, was mein Aszendent ist. Also eilte ich zu einer astrologisch versierten Freundin.

Die Wahrheit kommt ans Licht

Sie trug sämtliche Daten in ein Computerprogramm ein, rechnete hin und her. „Und?“, fragte ich gespannt. „Also, dein Aszendent ist Jungfrau“, sagte sie. „Was?“, rief ich enttäuscht, „Jungfrauen mag ich gar nicht: sachlich, ordentlich, pingelig!“ Sie blickte mich mitfühlend an wie ein Arzt, der nicht weiß, wie er eine schlechte Nachricht schonend vermitteln soll. „Und ... nach deiner Geburtsurkunde bist du auch kein Zwilling, sondern gerade noch im Sternzeichen Stier geboren.“ Ich sah rot: „Das ist unmöglich“, schnaubte ich, „Stiere sind träge, cholerisch und starrköpfig!“

Nachdem wir eine weitere Stunde vergeblich versucht hatten, die Diagnose umzurechnen, trabte ich schwerfällig aus ihrer Tür. Ich wollte das Horror-Skop als Quatsch abtun, aber wie, da heute sogar Firmen das Karrierepotenzial ihrer Mitarbeiter nach deren Sternzeichen von astrologischen Unternehmensberatern bestimmen lassen? Der Aussage „Die Sterne beeinflussen unser Leben“ stimmen in Umfragen jede dritte Frau und jeder sechste Mann zu – ich heimlich auch.

Was folgt ist die Identitätskrise

Nun hatte ich eine astrologische Identitätskrise: Musste ich mich outen? Was würden meine ganzen Zwillingsseelenfreundinnen sagen, mit denen ich jeden Dezember die schönsten Horoskope austausche? Und was war mit meinen Wassermannfreunden, mit denen ich wie alle Zwillinge eine kosmische Connection habe? Müsste ich mir einen völlig neuen Freundeskreis aus streberhaften Steinböcken, bockigen Widdern und überempfindlichen Fischen suchen?

Die Wissenschaft hilft

Ein dänisch-deutsches Forscherteam der Universität Aarhus hat allerdings gerade die Daten von 15 000 Menschen analysiert, ob deren Persönlichkeit mit ihrem Geburtsdatum und Sternzeichen zu tun hat. Die Wissenschaftler fanden keine Hinweise auf einen Zusammenhang. Höchstens die Tendenz, dass sich Menschen gemäß ihres Glaubens entwickeln, wie sie laut Sternzeichen zu sein hätten.

Wäre also mein Leben völlig anders verlaufen, wenn ich mich nicht in selbstprophezeiendem Handeln wie ein typischer Zwilling (ambivalent, eloquent, kreativ), sondern wie ein Material Stiergirl verhalten hätte? Dann wäre ich heute vielleicht schwerreich und säße bei Rotwein behäbig in meinem eigenen siebten Haus. Ich stierte vor mich hin. Dann beschloss ich, stur zu schweigen. Künftig werde ich beide Horoskope lesen und das bessere davon glauben. Die Sterne scheinen keine großen Leuchten zu sein.

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