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Laut Wissenschaft Der überraschende Grund, warum wir nicht immer glücklich sein können

Psychologie: Eine nachdenkliche Frau
© skyNext / Adobe Stock
Das Leben wäre vermutlich langweilig, wenn wir nonstop glücklich wären, aber ist das der (einzige) Grund, warum wir es nicht sind? Sofern wir der Wissenschaft Glauben schenken möchten, offenbar nicht.

Selbstverständlich können wir nicht immer glücklich sein. Schließlich gibt es manchmal Zeiten, in denen nirgendwo Toilettenpapier zu bekommen ist, wegen der drohenden Pandemie, über die gerade alle reden. Oder in denen die nächste Heizkostenabrechnung wie eine schwarze Gewitterwolke vor unserer inneren Glückssonne hängt, weil anscheinend Erdgas plötzlich viermal so wertvoll ist wie noch vor einem Jahr. Und wenn dann im Großen und Ganzen doch einmal alles weitgehend stabil ist, kommt meist privat etwas dazwischen, das unsere Glückssträhne unterbricht. Ob Pech im Job, in der Liebe oder gesundheitlich, das Leben serviert zwischendurch eben immer wieder Berliner mit Senffüllung. Doch was, wenn das gar nicht der (Haupt-)Grund für unsere Glücksaussetzer ist? Was, wenn es nicht die äußeren Umstände sind, die uns gelegentlich unglücklich machen, sondern etwas anderes? Tja, was dann.

Es liegt nicht an den Umständen, sondern an uns

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es tatsächlich gute Gründe anzunehmen, dass wir als Menschen einfach nicht dazu gemacht sind, dauerhaft glücklich zu sein. Dass wir selbst unter paradiesischen Voraussetzungen, wenn wir das Leben unserer unverschämtesten Träume führen könnten, mit der Zeit unglücklicher würden. "Es ist allgemein anerkannt, dass das menschliche Gehirn eine Tendenz zur Negativität aufweist", schreibt etwa der Psychotherapeut und Dozent William Berry in einem Blog-Eintrag für das Online-Magazin "Psychology Today".

Wenn zum Beispiel fünf erfreuliche Dinge an einem Tag geschehen und eine ärgerliche Sache passiert, überschattet in unserer Wahrnehmung meist das Ärgernis die Erfreulichkeiten. Wenn wir eine ebenso gute Chance haben, etwas zu gewinnen wie zu verlieren, setzt sich häufiger unsere Angst vor dem Risiko durch als unsere Hoffnung auf den Gewinn beziehungsweise als unser Vertrauen darauf, dass wir mit dem Verlust klarkommen. Und wenn wir einmal etwas erleben, über das wir uns wahnsinnig freuen, ist unsere Freude beim nächsten Mal schon weniger intensiv, beim dritten Mal noch weniger und beim vierten noch weniger, bis wir uns irgendwann kaum noch freuen können. So gerne wir es wollten.

Ein Hang zur Negativität hat etwas Gutes

Die Tendenz zur Negativität, die übrigens unter anderem Phänomene wie mit dem Schlimmsten rechnen und sich nicht gut genug fühlen erklären kann, habe sich im Laufe der Evolution William Berry zufolge als vorteilhaft und sinnvoll erwiesen, da es die Überlebenschance unserer Spezies erhöhte, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf (mögliche) Gefahren und Bedrohungen richteten.

Außerdem motiviere uns ein stets wiederkehrendes Gefühl der Unzufriedenheit sehr viel eher zu Kreativität und beständiger Weiterentwicklung als anhaltendes Glück. Dass sich unser Gehirn immer wieder in einem unzufriedenen Zustand einpendelt, sei also grundsätzlich ein Treiber von Fortschritt und Wachstum. Das wiederum können wir grundsätzlich als erstrebenswert unterstellen, da Fortschritt und Wachstum offensichtlich eher mit Leben und Lebendigkeit assoziiert sind als Stillstand.

Und jetzt?

Wenn es nun so ist, dass wir wirklich einfach nicht dafür geschaffen sind, dauerhaft glücklich zu sein, was ändert das für unser Leben? Was können wir mit dieser Erkenntnis anfangen? Unter gewissen Umständen einiges.

So kann sie uns zum Beispiel dabei helfen, weniger mit unserer phasenweisen Unzufriedenheit zu hadern und sie eher als etwas Natürliches und – wenigstens ursprünglich – durchaus Sinnvolles zu akzeptieren. Sie kann uns dabei helfen, einzusehen, dass unsere Unzufriedenheit manchmal vielleicht gar nicht so sehr an unserem Leben liegt, wie wir meinen, sondern in erster Linie aus uns selbst herrührt. Wenn wir etwa in einem Zustand der Unzufriedenheit unser ganzes Leben und unseren gesamten Lebensweg in Frage stellen, können es mitunter eigentlich nur winzige Nachjustierungen sein, die nötig sind, damit wir uns ein gutes Stück zufriedener fühlen.

Schließlich kann sie etwas grundlegend Befreiendes und Tröstliches haben, diese Erkenntnis, dass wir für dauerhaftes Glück nicht gemacht sind: Egal wie perfekt unser Leben ist, früher oder später werden wir etwas daran finden, das uns stört oder fehlt. Insofern brauchen wir vielleicht gar kein perfektes Leben – oder haben es längst und können es nur nicht immer fühlen.

Verwendete Quelle: psychologytoday.com

sus Barbara

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