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Puzzeln Das neue Hobby für Erwachsene

Puzzeln: Frau puzzelt
© gpointstudio / Shutterstock
Manchmal ist das Leben so konfus, dass es schwerfällt, klare Gedanken zu fassen. Unsere Autorin hat sich dafür 1000-fache Unterstützung geholt.
von Karina Lübke

Meine schöne heile Welt liegt in 1000 Stücken auf dem Boden. Und zwar so bildlich wie wörtlich, denn das leuchtend bunte Puzzle mit dem Motiv "Café an der italienischen Riviera" hat genau 1000 Teile. Ich wühle beidhändig hindurch, ein tolles Gefühl und Geräusch, dieses satte Klappern. Dann scanne ich das Durcheinander nach Randsteinen. Je mehr ich meinen Blick zwischen der Vorlage und dem Rohbau schweifen lasse, vergleiche, mich orientiere, konzentriere, ausprobiere, desto mehr komme ich in einen Flow. Die Gehirnhälften verbinden sich, das Gedankenkarussell in meinem Kopf hört auf durchzudrehen, kommt langsam zur Ruhe. Ich hab’s schön in meiner Fantasiewelt – so peinlich dieses Vergnügen auch ist.

Selbst- oder Familientherapie durch Puzzeln

Denn eigentlich bin ich für Puzzles weder jung noch alt genug: Das ist was für Kinder und Rentner, die irgendwie beschäftigt werden müssen. Das hobbyloseste Hobby von allen. Doch als im Februar mein großer Sohn klagte, diesen Winter hätte es nicht geschneit, kaufte ich halb ironisch unser erstes Erwachsenen-Puzzle: das Bild einer romantischen, dick verschneiten Waldhütte mit bunten Lichterketten am Giebel. Und Rehen im Garten. Unter tief verschneiten Tannen. Nachdem mein Sohn mich drei Tage dafür ausgelacht hatte, begann ich einfach selbst mit dem Zusammenbau; es machte mich überraschend glücklich. Irgendwann saß er plötzlich neben mir und machte mit. Wir reichten uns Teile an – "Guck mal, passt das nicht da drüben bei dir?" – und arbeiteten vierhändig am großen Ganzen. Nebenbei redeten wir über die wichtigen Dinge im Leben. Während das Bild immer weiter wuchs, erfuhr ich Sachen, die er mir nie sagen würde, wenn ich ihn danach ausfragen würde.

Eine Stunde beim Psychotherapeuten kostet etwa 100 Euro. Als Puzzle kosten mich bis zu 100 Stunden Selbst- oder Familientherapie zwischen zehn und 20 Euro. Hinterher ist meine Sichtweise nachhaltig heller: Beim Riviera-Puzzeln denke ich an glückliche Urlaube in Italien zurück und träume von künftigen, die doch hoffentlich wieder kommen werden. Ich fokussiere mich über Stunden automatisch auf etwas Schönes, ein entspannender Ausgleich von all den Tatsachenberichten und Schreckensbildern im Internet.

Puzzles sind nicht nur das ultimative Ordnungsprinzip – sie versinnbildlichen das Leben selbst: An vielen Tagen ist es ein hoffnungsloser Haufen bunter Teilchen, die oberflächlich betrachtet alle gleich aussehen und einfach keinen Sinn ergeben. Man braucht Geduld und muss genau hinschauen. Was nicht passt, kann auch mit Gewalt nicht passend gemacht werden. "Puzzeln beansprucht eine Vielzahl kognitiver Fähigkeiten, darunter das Kurz- und Langzeitgedächtnis oder das schlussfolgernde Denken", erklärt Hannes Marohn vom Ravensburger Spieleverlag. Und weiter: "Wir beobachten zunehmend eine weitere Motivation: Achtsamkeit und Entspannung. In einer Gesellschaft, die immer anspruchsvoller, digitaler und schnelllebiger wird, nehmen sich die Menschen bewusst eine haptische Auszeit ohne Smartphone." Allein im letzten Jahr steigerte Ravensburger seine Puzzleverkäufe um 20 Prozent.

Selbstwirksamkeit statt Hilflosigkeit

Ich schätze, man sollte jetzt in Puzzle-Aktien investieren: Seit als Lebensgefühl 2020 der Lagerkoller vorherrscht, entdecken und preisen mittlerweile auch Influencer und Coaches Puzzeln zur Nervenberuhigung und präsentieren sich mit ihren Werken. Aufgaben, die man kaum bewältigen kann, frustrieren; beim Puzzeln trifft die Herausforderung auf garantierte Kompetenz. Irgendwann wird auch das letzte Teil seinen Platz finden, das Erfolgserlebnis ist nur eine Frage der Zeit. Selbstwirksamkeit statt Hilflosigkeit! Wenn man lange einen bestimmten Stein gesucht hat und ihn endlich findet, ist das ein orgiastisches Gefühl. Ein Stück vom Glück.

Mut zur Lücke? Nicht mit mir. Wenn das Bild fertig ist, fühle ich Stolz und Freude, auch wenn ich weiß, wie bescheuert das ist. Ich lasse das Werk eine Woche liegen und nehme es dann mit leichtem Bedauern wieder auseinander. Der reinste Dekonstruktivismus: Welten entstehen, Welten vergehen. Sollte die allgemeine Weltlage weiterhin oder wieder Hausarrest verhängen, sehe ich Großes auf mich zukommen: den "Abendspaziergang durch Paris" in 18 000 Teilen. Damit werde ich zum Glück ordentlich zu tun haben.

KARINA LÜBKE ist eine von denen, die beim Puzzeln immer erst mal an den Rand gehen. Unvorstellbar: irgendwo in der Mitte zu beginnen.


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