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Explosiv Das Spiel mit dem Feuer: So lebt Pyrotechnikerin Mebel Hummig

Mebel Hummig: Eine junge Frau mit roten Haaren startet einen Spezialeffekt. Hinter ihr ist eine Feuerwolke
© Sebastian Arlt / Barbara
Wenn’s mal ordentlich krachen soll, kommt Pyrotechnikerin Mebel Hummig ins Spiel. Ihr Spezialgebiet: feurige Effekte.

Mebel Hummig zuckt nicht, wenn es knallt. Mit dem Zünder in der Hand steht die 25-Jährige ungerührt auf dem Hof der Firma Hummig Effects, während hinter ihr ein Gasschuss in einer sechsfingerigen Feuerwolke explodiert. Druck und Hitze, die Flammen werden bis zu 800 Grad heiß, sind mehrere Meter weit zu spüren. "Krach? Das war doch leise", winkt sie ab. Höchstens 120 Dezibel, also etwa die Lautstärke eines startenden Düsenflugzeugs. Mehr seien gar nicht erlaubt, wenn Zuschauer dabei sind. Und Zuschauer brauchen die Hummigs für ihr Geschäft.

Alles, was das Spezialeffekte-Herz begehrt

Wenn Mebel Hummig die Hand am Drücker hat, dann knallt und brennt es nicht nur. Die Pyrotechnikerin mit der kupferroten Rockabilly-Tolle macht auf Wunsch auch Wind oder Nebel, lässt es regnen oder schneien. Sie ist die jüngste Mitarbeiterin von Hummig Effects, einer Familienfirma für Spezialeffekte. Im oberbayerischen Peißenberg produziert diese auf dem Gelände einer ehemaligen Kohlenzeche sogenannte pyrotechnische und feuergefährliche Effekte: simulierte Autoexplosionen oder Scheiterhaufen für Film und Fernsehen, lodernde Bühnenvulkane oder in Flammen aufgehende Kleider für Opernhäuser. Aber eben auch stille Hingucker wie jene lautlose Schneemaschine, die einst während einer Aufführung des "Ring der Nibelungen" in Wien die Bühne in ein Flockengestöber verwandelte – mit dem singenden Plácido Domingo mittendrin.

"Wir haben das Feuer auf die internationalen Opernbühnen gebracht"

Eingebettet zwischen Berg und Wald wirkt das Werksgelände wie ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene. Ein Flugzeug parkt neben einem Panzerwagen. Unter einem Vordach stehen eine mit dem Schriftzug "CCCP" bemalte Raketenattrappe und eine Windmaschine, groß genug, um einen Elefanten zu föhnen. Die hölzerne Decke der sechs Meter hohen Werkstatt ist schwarz von Funkenflug und Rauch. Mastermind hier: Mebels Vater Wolf-Ingo Hummig. In den Sechzigern arbeitete er als Beleuchter an der Staatsoperette in Dresden, trat nebenbei mit einer Illusionsshow als Zauberer auf. Seine selbst gebauten bombastischen Effekte waren bei den Kulturverantwortlichen der DDR jedoch nicht gern gesehen. "Solche Sensationen wollen wir hier nicht", hieß es. Mit seiner Frau Franziska stellte Wolf-Ingo Hummig einen Ausreiseantrag. In Peißenberg fand die Familie nicht nur ein neues Zuhause, sondern auch den idealen Standort für ihre Firma für Bühnentechnik und Spezialeffekte. Der internationale Durchbruch kam 1991: mit einer Feuerwand aus 48 druckluftgesteuerten Fackeln für eine Amsterdamer Opern-Inszenierung. "Die ganze Bühne stand in Flammen. Dabei dufte man damals auf Bühnen nicht mal eine Zigarette anzünden", sagt Wolf-Ingo Hummig, der als Tribut an seine neue Heimat eine Lederhose mit bayerischem Wappen zum sächsischen Akzent trägt. Das Amsterdamer Stück ging samt Feuerwand auf Welttournee – und zog Aufträge aus New York und Sydney nach sich. "Wir haben das Feuer auf die internationalen Opernbühnen gebracht", so der 78-jährige.

Hinter den Kulissen

In Zukunft sollen die Jüngsten, Mebel und ihr 31-jähriger Bruder Moritz, dieses Feuer in Gang halten. Die zwei sind quasi in der Werkstatt aufgewachsen. "Auf dieser Kanone saß ich schon mit drei Jahren", sagt Mebel Hummig über eine auf dem Hof geparkte Theaterkanone. Ihr erstes eigenes kleines Feuerwerk bereitete ihr Vater für sie vor, als sie fünf Jahre alt war. "Ich sollte es gemeinsam mit ihm zünden, traute mich aber nicht." Statt einem Funkenregen gab’s Tränen. Mittlerweile lädt sie das silberne Abschussrohr des Gasschusses so routiniert nach, wie andere Butterbrote schmieren. Die Effekte der Hummigs sind weitestgehend von Hand gebaut. "Sägen, löten, flexen, schweißen", zählt Mebel auf, was man in ihrem Job können muss. Langweilig würde es nie. "Außer, wir müssen Schaummittel für die Schneemaschine in Flaschen abfüllen."

Für den Befähigungsschein nach dem Sprengstoffgesetz, der für ihre Arbeit erforderlich ist, musste Mebel erst 21 Jahre alt werden. Während ihre drei Brüder direkt beim Vater in die Lehre gingen, bestand die Mutter bei der Tochter auf eine "solide" Berufsausbildung. Für Mebel klang ein Bürojob eher nach Blindgänger als Donnerschlag. Sie wählte die Hauswirtschaftsschule. "Weil man alles, was man dort lernt, auch gebrauchen kann." Nun unterrichtet sie als Nebenjob 13- bis 15-Jährige an der Realschule. Die finden ihre brandgefährliche Lehrerin toll: "Jede Klasse fragt mich aufs Neue, ob ich nicht bitte ihre Schule in die Luft sprengen kann."

Am Nachmittag unterrichtet Mebel ganz andere Schüler. Etwa 100 Interessierte absolvieren pro Jahr einen Pyrotechnik-Lehrgang bei ihr: Mitarbeitende von Eventagenturen. Privatleute, die Großfeuerwerker werden möchten. Bühnentechniker, die sich für Knall und Rauch qualifizieren wollen. Aber auch Sicherheitskräfte oder Angehörige der Bundeswehr, die für den Umgang mit Sprengstoff einen Zusatzschein benötigen. An diesem Wochenende steht Großfeuerwerk auf dem Stundenplan: keine handelsüblichen Silvesterraketen, sondern kartoffel- bis kokosnussgroße Feuerwerksbomben. Routiniert klickt Mebel durch die Powerpoint-Präsentation, erklärt Bomben-Bauweise und -Handhabung und warum sich beim Aufbau des Feuerwerks keine Arme oder Köpfe über den Mörsern genannten Abschussrohren befinden sollten. Letzteres verdeutlicht sie auf einem Fernsehgerät mit einem eigens gedrehten Video: Eine Puppe mit Wassermelonenkopf wird Opfer einer Fehlzündung. In Zeitlupe birst die Melonenschale, Fruchtfleischmatsch spritzt umher. "Dann können wir loslegen", sagt Mebel und schaltet den Fernseher aus.

Mebel Hummig: Mebel steht mit ihrem Bruder und ihrem Vater vor einer Tür
Mebel zusammen mit Bruder Moritz und Vater Wolf-Ingo Hummig 
© Sebastian Arlt / Barbara

Jetzt kann's losgehen

Mit Bruder Moritz und den Teilnehmenden – 18 Männer, eine Frau – fährt die Pyrotechnikerin auf den Peißenberger Guggenberg. Auf einem extra zu diesem Zweck abgesperrten Feldweg mit Blick über die umliegenden Ortschaften und die Alpen in der Ferne bauen die angehenden Großfeuerwerker ihre Mörserkästen zusammen. Je nach Kaliber, also Größe der Kugelbomben, stecken bis zu zehn Mörser aufgereiht wie Vasen in einem Holzkasten. Darin versenken die Teilnehmenden nun ihre Kugelbomben – "gelbe Päonie" oder "silberne Palme". Sehr sachte. Schließlich will keiner als Matschmelone enden. Ganz ohne Körperteile zu riskieren, geht es aber nicht. Ein Großfeuerwerk aufzubauen ist Handarbeit. Bomben müssen in Mörser gesteckt, Zündschnüre befestigt, Kästen gegen Regen in Küchenfolie gewickelt, vorsichtig – gaaaanz vorsichtig – zum Abschussplatz gewuchtet und dann in der gewünschten Reihenfolge (Goldregen erst gegen Ende!) verdrahtet werden. Selbst erfahrene Feuerwerker brauchen dafür Stunden. Während die Lehrgangsteilnehmer konzentriert arbeiten, zündet der Himmel über Peißenberg schon mal seine eigenen Spezialeffekte: Die Sonne überstrahlt kupferrot die aufziehenden Gewitterwolken.

Am Abend, kurz vor dem großen Knall, schwärmen sechs Teilnehmer über die dunkle Wiese aus, um die Zugangswege zur Abschussstelle zu sperren. Ein letztes Mal kontrollieren die Auszubildenden die Verdrahtung ihrer Mörserkästen und schalten inmitten der Feuerwerkskörper stehend die Zünder scharf. Selten ist Knöpfedrücken so aufregend. Fünf Minuten vor Wumms tauchen Mebels Eltern aus dem Dunkel auf. "Klappt alles?"– "Natürlich, Papa!" Dann beginnt die Show. Aus Bodenfontänen sprühen goldene Funken. "Päonien" zerstieben am Himmel in rote und gelbe Lichter. Es nebelt und riecht nach verbranntem Teppich. Als der Goldregen versiegt ist und sich der Rauch auf dem Guggenberg lichtet, hört man aus dem Tal Jubel und Klatschen. Zwei Ausbildungsfeuerwerke veranstalten die Hummigs hier oben im Jahr. Die Peißenberger freut es offensichtlich.

Mebels Arbeit endet nicht mit dem Finale. Die versprengten Reste müssen eingesammelt werden. Sie kontrolliert, ob alles wie gewünscht explodiert ist oder sich in den Mörsern noch Blindgänger verstecken. Vereinzelt aufsteigende Qualmfähnchen erstickt sie mit dem Wasserkanister. Löschen ist das jüngste Hobby der Pyrotechnikerin: Gerade hat sie die Grundausbildung bei der freiwilligen Feuerwehr abgeschlossen. Erst als alles aufgeräumt und der letzte Kursteilnehmer verabschiedet ist, steigt sie in ihr Auto, einen zum Camper umgebauten, leuchtend roten Feuerwehrbus. Ganz standesgemäß. Ein Knaller.

Barbara

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