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Regenwürmer kaufen Zu Besuch bei der Wurmzucht

Regenwürmer kaufen: Familie Langhoff
© Selina Pfrüner / Barbara
Weil man nie genug Regenwürmer im Beet haben kann, gibt es die auch zum Bestellen. Ein Besuch auf Deutschlands größter Wurmzuchtfarm.

Marvin Langhoff steht in einer Halle, in der sich Plastikboxen stapeln, meterhoch. Es riecht nach Erde, ein Ventilator summt. Langhoff ist nicht allein. In den Boxen um ihn herum wohnen Regenwürmer, so viele, dass er nur schätzen kann. Ein paar Millionen? Vielleicht. Mit seiner Familie betreibt Marvin Langhoff einen enormen Aufwand, um Regenwürmer zu züchten. Weil das ein gutes Geschäft ist. Und weil die Tierchen sich eben nicht, wie der Mythos behauptet, vermehren, sobald man sie mittig teilt. Sondern? Unter anderem mit dieser Frage ging alles los.

Marktlücke Würmer

Ende der Neunziger schleppte Marvin, damals noch Grundschüler, gesammelte Regenwürmer in einer Keksdose nach Hause und wollte alles über die sich kringelnden Wesen wissen. Sein Vater recherchierte im Netz – und entdeckte nebenbei eine Marktlücke. "Überall auf der Welt gab es Wurmzuchtfarmen, nur in Deutschland nicht", erzählt Marvin Langhoff, heute 28. So begannen seine Eltern, Martina und Martin, Regenwürmer zu züchten und online zu verkaufen. Ein Foto im Büro zeigt die bescheidenen Anfänge: Kisten, die sich in einer Garage stapeln. Was klein begann, ist jetzt riesig: Die Zucht findet auf 1200 Quadratmetern statt, in einem Gewerbegebiet nahe Köln. Der Name: Superwurm. Bis zu 15 Mitarbeiter packen mit an, verschicken Pakete an Gärtner, Angler, Großaquarien, Zoos, vorwiegend in Deutschland.

Waren zunächst vor allem Angler auf die Würmer von Superwurm aus, stellen Hobbygärtner inzwischen den größten Kundenstamm. Stadtflucht, Schrebergarten-Hype, Urban Gardening – immer mehr Menschen wollen eins mit der Natur werden, Gemüse und Kräuter selbst anbauen. Dabei kommen sie auch auf den Wurm. Gut für die Langhoffs: 2020 verkauften sie zwischen 15 und 17 Tonnen Regenwürmer. Das Gewicht von knapp drei Elefantenbullen.

Viele Leute denken, dass wir in einem Erdhaufen herumwühlen.

Würmer als Massenware, abgepackt in 500 Gramm oder im Ein- Kilo-Beutel, die Idee hatte vorher noch keiner: Mit dem "Rundum- sorglos-Paket" – Eimer, Spezialfutter, ein Kilo Regenwürmer… – haben Angler immer frische Köder im Haus. Und Gärtner können per Sack-Order ganze Wurm-Armeen auf Beete, Kompost und Rasen loslassen, etwa, um lehmhaltigen Boden zu verbessern. Familie Langhoff verkauft auch, was aus dem Wurm hinten wieder rauskommt. In großen Säcken lagert hier nährstoffreicher "Wurmhumus", der, als Dünger eingesetzt, müde Pflanzen auf Trab bringt. Kurz gesagt: Es gibt nichts, was sich hier nicht zu einem Produkt machen lässt.

"Viele Leute denken, dass wir in einem Erdhaufen herumwühlen", sagt Juniorchef Marvin Langhoff, der Käppi, zerrissene Jeans und eine Steppweste mit dem Firmenlogo trägt. Tatsächlich aber steht hier alles voll mit hochmodernen Maschinen, die Würmchen hin- und herkarren, aus der Erde sieben und ihnen Nahrung geben. Und da rollt auch schon ein Fahrzeug an, nimmt Boxen auf und bringt sie in eine andere Halle zur Futteranlage, der "Wurmkantine" sozusagen. Es quietscht, rattert und pufft. Die Boxen laufen nun über ein Förderband, aus Automaten dröppelt Futter auf sie herab, neue Erde, frisches Wasser. Serviert wird ein Bioerdsubstrat mit Proteinen, Vitaminen und Mineralstoffen für "gesunde und kräftige Würmer". Die genaue Mixtur hält die Familie geheim wie Sterneköche ihre neuesten Kreationen.

In der Halle mit den gestapelten Kisten ist es kühl, von oben greift Neonlicht an, Tag und Nacht. Die grelle Helligkeit sorgt dafür, dass die lichtscheuen Regenwürmer in den Boxen bleiben. Wäre es dunkel, kämen sie hervorgekrochen. Nach einem Stromausfall gab es in der Halle einmal ein Wahnsinnsgewimmel. "Wir haben sie mit den Händen wieder in die Boxen zurückgeschaufelt", erzählt Marvin Langhoff.

Sein Vater Martin kommt durch die Halle gelaufen. Alle Maschinen im Betrieb hat er selbst entwickelt, abends sitzt er gern mit Papier und Stift vor dem Fernseher und denkt sich neue Technik aus, um das Wurmgeschäft noch raffinierter zu gestalten. "Die Ideen gehen mir nicht aus", sagt der 63-Jährige. Auf seinem Handy zeigt er eine Wurmzählmaschine in Aktion: Ein Roboterarm greift einzelne Würmchen auf und legt sie in Döschen. Ein Angebot für Angler, die nur geringe Stückzahlen brauchen. "Wenn man 200-mal am Tag per Hand 50 Würmer abzählt, verzettelt man sich", wirft Bald-Schwiegertochter Janina ein, die ebenfalls im Betrieb arbeitet.

Die Wurmdöschen sind für die Langhoffs nur ein Nebengeschäft, genau wie Maden und Köder-Dips mit Keksgeschmack. Die Massen­ware ist der Bringer: 500 Gramm mittelgroße Würmer kosten knapp 20 Euro. Das seien "ungefähr 400 Stück“" heißt es auf der Website. Sind ein paar extrafette Exemplare darunter, sinkt die Anzahl. Trotzdem gäbe es immer wieder nörgelnde Kunden, die nachgezählt haben: "Dieses Mal waren es 20 Würmer weniger." Man findet aber auch allerhand Jubelkommentare: "Super, die Biester", "Unsere Schildkröten freuen sich jedes Mal unheimlich auf die Lieferung" oder "Der Kompost ist nach zwei Wochen schon etwas gesackt. Hoffentlich gründen sie keine Gewerkschaft und stellen übermäßige Lohnansprüche". Im Postfach landen hin und wieder auch verrückte Anfragen. Marvin Langhoff erzählt von einer Gruppe, die für einen Survival-Workshop Regenwürmer bestellte. Als Proviant. Wo da die Grenzen liegen? Eine Lieferung nach Dubai haben sie ab- gelehnt, weil die Würmer dort nicht lebend angekommen wären.

Die Leute kommen auf den Wurm

Die Pandemie habe ihnen nicht geschadet, im Gegenteil: "Die Leute hatten plötzlich viel Zeit, ihren Garten zu machen", sagt Marvin Langhoff. Am ersten Lockdown- Wochenende im letzten Jahr gingen so viele Bestellungen ein wie nie zuvor. Lieferengpässe gab es keine. Würmer gehen nicht so schnell aus wie Nudeln oder Klopapier.

In Werbung braucht die Firma nicht zu investieren. Ab und an mal einen Journalisten durch die Halle führen, ein bisschen Social Media, das reicht. Das Geschäft laufe seit Jahren von allein. Wird man davon reich? Martin Langhoff weicht aus: "Es ist irre viel Arbeit."

Die Langhoffs sind so rege wie ihre Würmchen: "Unser Vater hat immer gearbeitet, am Wochenende, im Urlaub", erzählt Marvin. Doch da Langhoff senior nach wie vor hauptberuflich in einem anderen Unternehmen arbeitet, war es vor allem die Mutter, die jahrelang den Laden schmiss, als die Söhne Marc und Marvin noch zur Schule gingen. Bei- de leiten heute den Betrieb. Während Marc sich auf Buchhaltung und Qualitätssicherung konzentriert, sind Marvin und Janina im Unternehmen Experten für Social Media. Auf Instagram posten sie Videos, in denen sie beherzt in eine Kiste voller Maden greifen, sie nutzen die Plattform aber zudem, um eben mit der Mär vom zweigeteilten Regenwurm aufzuräumen.

Denn Sex braucht’s schon. Zur Erinnerung: Regenwürmer sind Zwitter, haben also beides, Hoden und Eierstöcke. So können sie sich gegenseitig ziemlich flexibel befruchten. Bis ein Würmchen aus dem Kokon schlüpft, dauert es etwa zwei Wochen. Danach wachsen sie auf der Superwurm-Farm in ihren Erd-WGs heran, bis sie ihren Namen verdienen: Riesenrotwurm. Die Langhoffs züchten gerade diese Sorte, weil sie besonders robust und anpassungsfähig ist. Trotzdem braucht der Wurm fürs Wachstum ein bisschen Wellness. Feuchte Erde, lockeren Boden und Temperaturen zwischen zehn und 15 Grad.

Gar nicht so einfach, wie man denkt

"Viele denken, Würmer zu züchten wäre easy", sagt der Senior Martin Langhoff. Manche kopierten einfach Texte und Bilder der Web­site und kauften irgendwo Würmer auf, um sie dann unter ähnlichem Namen zu verticken. Es habe auch schon Geschäftsleute gegeben, die über angebliche Kooperationen sprechen wollten, aber nur kamen, um Maschinen auszuspionieren. "Wir lassen nicht mehr jeden rein", sagt Martin. Man lernt nie aus.

Noch vor zehn Jahren riefen Leute bei Superwurm an und fragten besorgt, wie sie Regenwürmer aus ihren Gärten loswerden könnten. Sie hielten sie für Schädlinge, die sich an Pflanzenwurzeln bedienen. Heute weiß eigentlich jeder, was man am Wurm hat: leckeren Köder, fleißige Gartenhelfer. Als solcher arbeitet er ununter­brochen, frisst, hält die Klappe und schläft nie. Sein Kot nährt die Böden. Der Regenwurm, der stille Herrscher des Erdreichs, ist ein Allrounder und in einer Leistungsgesellschaft wie unserer der perfekte Arbeitnehmer.

Marvin Langhoff streicht zärtlich Erde von einem Wurm. Der hat richtig Power, schlängelt sich schnell durch seine Finger, pulsierendes Leben. Langhoff lässt ihn wieder in eine Box gleiten, in der noch mehr Würmer herumwuseln und in deren Mitte der Vorzeigewurm nur wieder einer von vielen ist.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Barbara Heft Nr. 05/2021.

Barbara

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