Es ist nicht so, wie du denkst! Regional oder bio – was ist besser?

Gar nicht so einfach, die richtigen Entscheidungen für die Umwelt zu treffen. Wir haben mal ein paar Experten vor die Wahl gestellt.

von Jessica Braun

Regional oder bio?

"Bio, saisonal und regional", sagt Philipp Sommer, stellvertretender Leiter Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe. Regional kommt erst an dritter Stelle. Denn eine Tomate, die der Bauer aus dem Umland mit seinem Kleintransporter zum Markt töffelt, schadet der Umwelt oft mehr als eine, die mit dem randvoll gepackten Lkw aus den Niederlanden zu uns kommt. Und auch der deutsche Apfel, der monatelang im Kühlhaus lagert, verursacht meist mehr Emissionen als ein aus Neuseeland importierter, wenn dort gerade Erntesaison ist. Ganz schön kompliziert! Deshalb rät Philipp Sommer, Bioware zu kaufen. "Die ist oft auch saisonal und regional, insbesondere wenn sie hochwertige Biosiegel wie Demeter oder Naturland trägt. Und die Bioläden und Reformhäuser achten durchaus darauf, unter welchen Bedingungen ihre Waren geliefert und gelagert wurden." Zusätzliches Plus für bio: Der Anbau kommt ohne Mineraldünger aus – ein echter Energiefresser.

Benziner oder E-Auto?

"Ein gebrauchter Benziner ist derzeit die nachhaltigste Wahl", antwortet Dorothee Saar, Leiterin Verkehr und Luftreinhaltung bei der DUH. Elektroautos verursachen auf der Straße zwar keine Treibhausgase. Und je weiter die Energiewende fortschreitet, desto mehr freut sich das Klima über elektrische Fahrzeuge. Aber die Produktion eines Neuwagens – egal mit welchem Antrieb – ist für die Umwelt immer eine Belastung. Sie empfiehlt, nach einem effizienten Gebrauchten Ausschau zu halten – und da eher nach der Knutschkugel als dem überdimensionierten Stadtpanzer. "Direkteinspritzer sind in der Regel effizient, produzieren aber mehr Feinstaub. Deshalb sollte das Auto einen Partikelfilter haben."

Netflix oder Kino?

Nix "Game of Thrones": "Gehen Sie mehr ins Kino", sagt Zeynep Kahraman von The Shift Project. Video-Streaming auf Computern, Smartphones und Fernsehern ist zu einem Breitensport geworden, auf dessen Konto 80 Prozent des digitalen Stromverbrauchs gehen. Dafür sind Rechenzentren und Netzwerke aus Kabeln, Glasfasern und Modems nötig, deren Betrieb gigantische Mengen an Energie verbraucht. "Das weltweite Video-Streaming verursachte 2018 genauso viele Treibhausgasemissionen wie Spanien. Wären die Video-on-demand-Angebote von Netflix und Amazon Prime also ein Land, sollten sie die nächste UN-Klimakonferenz ausrichten, scherzt die Expertin. Eine Kinovorstellung ist mit 7 Kilogramm CO2 dagegen echt sparsam.

Papiertüte oder Baumwollbeutel?

Der Baumwollbeutel – aber nur, wenn er schon in Ihrem Besitz ist! Wenn Sie ihn zu Hause vergessen haben, lautet die Antwort: Plastiktüte kaufen und mehrmals verwenden. Laut einer Analyse des britischen Umweltministeriums ist eine Tasche aus konventioneller Baumwolle nämlich nur dann verträglicher, wenn sie mehr als 130-mal so oft zum Einsatz kommt wie die Kunststofftüte aus Erdöl. Der Baumwollanbau verbraucht immense Mengen an Wasser und Pestiziden. Biobaumwolle macht diese Bilanz nur ein bisschen besser. Und auch die Papiertüte, die so unschuldig braun an der Kasse liegt, ist keine Lösung: doppelt so aufwendig in der Herstellung wie die Plastikversion – und sie belastet Luft und Wasser mit Chemikalien. Denn was aussieht wie Recyclingmaterial, ist meist keins.

Glasflasche oder Tetra Pak?

Mehrwegglasflasche. "Der Getränkekarton – Spitzname: Tetra Pak – hat einen viel zu guten Ruf", sagt Philipp Sommer von der DUH. Klar, als Leichtgewicht spart er Transportenergie. "Aber er enthält keine Recyclingmaterialien, sondern verwendet praktisch ausschließlich neues Plastik, Aluminium und Primärfasern." Auch innen sind die Kartons mit Kunststoff beschichtet, lassen sich deshalb schlecht recyceln. "Tatsächlich liegt die Recyclingquote lediglich bei etwa 36 Prozent, nicht bei 77 Prozent, wie die Hersteller behaupten." Unschöner Nebeneffekt: In Plastik und Druckerfarbe stecken Schadstoffe, die in Saft oder Milch übertreten können. Dagegen sind Glasflaschen echte Saubermänner, oder? "Nur die Mehrwegflaschen", sagt Sommer. Glas ist zwar sehr gut recycelbar und gibt keine Schadstoffe an den Inhalt ab. Aber der Produktionsaufwand für Einwegflaschen ist so hoch, dass sie in der Ökobilanz schlecht dastehen.

Tofu oder Rindfleisch?

Tofu. Pflanzliches Protein schlägt eindeutig das tierische. "Ein Kilo Rindfleisch zu produzieren verursacht ungefähr so viel Treibhausgase wie 100 Kilometer mit dem Auto herumzufahren", sagt Zeynep Kahraman, Leiterin des französischen Klima-Thinktanks The Shift Project. Weil Rinder Methan pupsen – ein Gas, das 25-mal schädlicher ist als CO2 –, rangiert Rindfleisch an zweiter Stelle der umweltschädlichen Proteine. Nur Lammfleisch ist schlimmer. "Der Anbau von Linsen dagegen verursacht 30-, die Herstellung von Tofu fast 15-mal weniger Emissionen als Rindfleisch", sagt Kahraman. Die Expertin räumt ein, dass Soja auch nicht ohne ist: Für die Anbauflächen werden Wälder gerodet. Allerdings nicht, um Menschen, sondern europäische Tiere satt zu machen. "Wir müssen vielleicht nicht alle Vegetarier werden, aber wenn wir weniger Fleisch konsumieren und da Qualität der Quantität vorziehen, macht das unseren CO2-Fußabdruck deutlich kleiner. "

Pulverwaschmittel oder Pods?

Pulver! Auch wenn das in kleinen wasserlöslichen Paketen vordosierte Flüssigzeug so praktisch ist. Ökologisch sei das aber Quatsch, sagt Philipp Sommer von der DUH: "Solange man die richtige Dosierung beachtet, ist Pulver viel umweltfreundlicher." Die Rieselware schlägt sogar das Flüssigwaschmittel, selbst Konzentrate, "weil Pulver kein Wasser enthält. Daher fällt der Aufwand für Transport und Verpackung weniger ins Gewicht." Wer gar nicht auf flüssige Sauberkeit verzichten mag, solle Nachfüllpackungen kaufen, rät Sommer. "Manche Hersteller bieten diese schon aus richtigem Recyclingmaterial an." Das steht dann auch so drauf: "Aus 100 bzw. 80 Prozent Recyclingmaterial. Bestenfalls mit dem Zusatz: ,aus dem gelben Sack‘."

E-Book oder gedrucktes Buch?

Hier sticht Papier den Screen. "Bergbau, Energieverbrauch und Entsorgung von Elektroschrott", zählt Zeynep Kahraman von The Shift Project die Gründe dafür auf. Zwar hat eine Studie einmal ausgerechnet, dass ein E-Reader pro Jahr fast 170 Kilogramm CO2 einspart, indem er die Herstellung von 22,5 Büchern verhindert. In dieser Kalkulation fehlte aber der Energieverbrauch der Rechenzentren, auf deren Servern die E-Books dieser Welt liegen. Einer anderen, umfassenderen Studie zufolge müsste man schon 100 gedruckte Bücher kaufen, um das Klima ähnlich zu belasten wie mit dem Kauf eines E-Readers.

Jessica Braun liest auf ihrer Couch wieder mehr, statt zu streamen. Jetzt, nach dem Ende von "Game of Thrones"


BARBARA Oktober 2019
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