Roland Kaisers überraschendes Geständnis über seine Mutter

Ich bin ihr sogar dankbar“ – das sagt Roland Kaiser über seine leibliche Mutter – die er nie kennengelernt hat. Für Barbara ist ihre Mutter Vorbild und Respektsperson. Noch immer. Ein Gespräch über Liebe und Vertrauen in der Familie


Barbara: Roland, ich weiß nicht, ob ich dir das überhaupt erzählen darf, aber meine Mutter ist für mich der prägendste Mensch gewesen, ich bin ganz eng mit ihr verbunden.

Roland: Wie schön. Warum solltest du mir das nicht erzählen dürfen?


Barbara: Weil du so einen schwierigen Start ins Leben hattest. Du bist als Baby von deiner Mutter in Berlin ausgesetzt worden, in einem Körbchen vor dem Waisenheim. Tragisch.


Roland: Ich sehe das nicht so.


Barbara: Wirklich nicht? Aber … Roland: Die Handlung selbst ist von außen betrachtet sicherlich nicht lustig. Wie aus einem schlechten amerikanischen Film … Aber im Nachhinein bin ich ihr sehr dankbar dafür. Sie hat alles richtig gemacht.


Barbara: Das musst du erklären.


Roland: Ganz einfach: Wäre ich bei ihr groß geworden, säße ich heute nicht hier.


Barbara: Lass uns die Geschichte der Reihe nach durchgehen. Du bist zu einer Pflegemutter gekommen.


Roland: Das stimmt. Und die war toll, für mich war das meine Mutti. Aber als ich ein bisschen größer wurde, so vier, fünf Jahre alt war …


Barbara: Na, so groß ist das nicht.


Roland: ... da jedenfalls ist mir aufgefallen, dass irgendetwas anders war. Meine Mutti war 30 Jahre älter als die anderen Mütter, und sie hatte keinen Mann. Irgendwann wurde ich wegen ihrer Andersartigkeit gehänselt, ich habe mich auf dem Schulhof geprügelt für sie. Und dann habe ich Fragen gestellt.


Barbara: Und sie?


Roland: Ist mit mir zum Jugendamt gegangen. Und die haben mir dann erklärt, wo ich herkomme und wer ich bin.


Barbara: Das war tatsächlich zurückzuverfolgen?


Roland: Ja, sie haben schnell ermittelt, welche Frau es war, die mich ausgesetzt hatte. Und es gab eine dicke Akte über sie dort.


Barbara: Was hast du erfahren?


Roland: Dass sie 17 war, als ich geboren wurde. Es war sieben Jahre nach Kriegsende, nicht die beste Zeit, um in Berlin unehelich ein Kind zu bekommen. Ich habe sogar verstanden, dass sie mich nicht behalten hat.


Barbara: Wow.


Roland: Sie bekam danach noch weitere sechs Kinder von fünf verschiedenen Männern. Auch die sind zu Pflegeeltern gekommen oder ins Heim. Offenbar hatte sie großes Interesse am anderen Geschlecht gehabt, aber nicht am Ergebnis dieses Interesses.


Barbara: Aber wolltest du sie dennoch nicht ausfindig machen und kennenlernen?


Roland: Nein. Ich hatte nicht das Bedürfnis, meiner Herkunftsgeschichte über die Basisinformationen hinaus Raum zu geben. Denn weißt du, ich bin bei einer guten Frau in einem guten Haushalt aufgewachsen, das war für mich entscheidend.


Barbara: Wie war es bei ihr?


Roland: Liebevoll. Respektvoll. Und bescheiden. Sie war Raumpflegerin und hat mit ihrer Schwester in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im Wedding gelebt, Klo übern Hof, gebadet wurde samstags im Waschzuber auf dem Dachboden. Und wir mussten in einem Zimmer schlafen. Aber sie hat mir alles möglich gemacht, was in ihrer Macht stand. Hat mir von ihrem winzigen Gehalt ein Fahrrad gekauft. Und ein Kofferradio, mit dem ich dann abends unter der Bettdecke „Die Schlager der Woche“ gehört habe, ganz leise, um sie nicht zu stören.


Barbara: Ich habe gehört, dass sie einen besonderen Arbeitsplatz hatte.


Roland: Ja, wir haben in der Burgsdorfstraße gewohnt, direkt neben dem Berliner SPD-Parteibüro. Da hat sie geputzt, und sie hat mich oft mitgenommen, als ich klein war. Wahrscheinlich bin auf diese Weise ein lebenslanger Sozi geworden.


Barbara: Stimmt die Geschichte, dass du ab und zu bei Willy Brandt auf dem Schoß gesessen hast?


Roland: Das hat sie jedenfalls erzählt. Ich habe daran keine Erinnerung. Ich habe Willy Brandt später einmal getroffen, er der große Ex-Bundeskanzler, ich schon Sänger. Ich habe mich irgendwie nicht getraut, ihn auf diese Anekdote anzusprechen.


Barbara: Warum nicht?


Roland: Wir waren nicht allein, lauter Stars in diesem Raum. Aber als Brandt reinkam, da war das Zimmer voll. Der hatte so eine Aura, so ein Charisma, das war irre. Meine kleine Geschichte hätte dort nicht hingepasst.


Barbara: Deine Pflegemutter lebte da schon nicht mehr.


Roland: Nein. Sie ist mit 65 gestorben, da war ich gerade mal 15.


Barbara: Und du?


Roland: Ich bin ins Waisenheim gekommen. Aber nur für eine Woche, dann durfte ich wieder zurück. Die Schwester meiner Mutter war ja auch noch da, und ich konnte bei ihr bleiben.


Barbara: Auch da war deine leibliche Mutter kein Thema für dich?


Roland: Nein. Nur einmal noch. Als ich 18 wurde, wollte ich meinen Führerschein machen. Allerdings war man damals erst mit 21 volljährig und brauchte eine von den Eltern unterschriebene Einverständniserklärung. Also bin ich wieder zum Jugendamt. Ich habe den Fall geschildert und meinen amtlich bestellten Vormund in der Behörde gebeten, mir ihre Adresse zu geben, damit ich an diese Unterschrift komme. Er hat mich betroffen angeschaut und gesagt, er müsse mir mitteilen, dass meine Mutter kürzlich verstorben sei. Aber die Einverständniserklärung könne er mir unterschreiben. Hat er dann auch gemacht.


Barbara: Gottogott. Wie hast du reagiert?

Roland: So weit ich mich erinnere, war ich einen kurzen Moment geschockt. Aber ich kannte diese Frau doch nicht. Sie soll mich einmal besucht haben, als ich ein Jahr alt war. Und ein Bild von ihr habe ich mal gesehen, eine schöne Frau. Am Ende war ich nur erleichtert, dass ich mit dem unterschriebenen Zettel aus dem Amt gehen konnte. Dafür war ich schließlich dort gewesen.

Barbara: Ich traue mich kaum zu fragen, aber dein Vater …?


Roland: Ich hatte kein Interesse. Nicht eine Sekunde. Aber …


Barbara: Ja?


Roland: Ich habe in meinem Beruf später oft die Nähe zu älteren Männern gesucht. Das waren diese klassischen Vaterfiguren für mich, verlässliche, kluge Männer, auf deren Rat ich gehört habe. Könnte damit zusammenhängen.


Barbara: Hm. Ich muss ja sagen: Ich gucke mir alles von meiner Mutter ab. Auch und vor allem das Muttersein. Wie ist man Vater, wenn einem da jedes Vorbild fehlt?


Roland: Ich glaube, das steckt im Menschen drin, zumindest dann, wenn man eine gewisse Vernunftbegabung in sich hat. Brauche ich ein Vorbild, um meine Kinder zu sehen, wie sie sind? Ihnen zuzuhören? Ich denke nicht. Aber wie hat sich deine Beziehung zu deiner Mutter im Laufe der Jahre verändert?


Barbara: Hm. Gar nicht so sehr. Meine Mutter und ich streiten seit 40 Jahren über die genau gleichen Punkte. Aber das Gute am Älterwerden ist doch, dass man die Sensibilitäten des anderen kennt. Wir sind kein bisschen schlauer geworden in all der Zeit, aber: Wir gehen jetzt nicht mehr voll aufeinander los.


Roland: Ihr biegt sozusagen vor der Kollision ab.


Barbara: Genau. Ich spüre, dass es sich noch genauso anfühlt wie früher. Aber ich weiß: Es bringt nichts, an der Stelle herauszukommen, an der es rituell eskaliert. Und ich habe zu viel Respekt.


Roland: Wirklich?


Barbara: Oh ja. Meine Mutter ist die Respektsperson meines Lebens. Wenn wir um vier zum Kaffee da sein sollen, dann sind wir um vier da. Alles andere würde ich nicht aushalten. Aber es ist noch mehr als das. Ich habe meiner Mutter immer alles erzählt.


Roland: Alles?


Barbara: Alles.


Roland: Selbst die Männergeschichten?


Barbara: Gerade die. Ich habe ihr gerade erst berichtet, dass ich neulich, nach mehr als 20 Jahren, Christopher getroffen habe. Sagt sie: War das nicht der mit den eng zusammenstehenden Brustwarzen? Meinem Vater ist das Besteck aus den Fingern gefallen.


Roland: Dem hattest du das also nicht alles erzählt?


Barbara: Nein. Ich liebe ihn sehr, aber mit meiner Mutter ist es anders. Sie sagt immer zu ihm, wenn er sich mal wieder von uns ausgeschlossen fühlt: Es gibt Dinge zwischen uns, von denen du nichts wissen musst.


Roland: Und so viel Nähe erzeugt manchmal auch ordentlich Reibung, und dann kracht es eben auch mal. Ich bin umgekehrt ja auch öfter mal von meinen Kindern genervt. Es ist schon ganz gut eingerichtet, dass sie irgendwann das Elternhaus verlassen und ein bisschen Distanz schaffen zu ihren Eltern. Sie kommen ja aus einer ganz anderen Welt. Mein Sohn hat mich neulich gefragt, ob ich noch, Zitat, „linear fernsehe“.


Barbara: Das klingt nach einer Krankheit.


Roland: Genau. Ich habe dann gesagt, dass ich es tue, wie ich mir auch im Restaurant ein Essen von der Speisekarte bestelle: Ich wähle aus dem Angebot, das mir diverse Sender zur Verfügung stellen. Das ist ihm fremd. Für ihn bin ich quasi aus der Steinzeit.


Barbara: Ich finde das aber mit der Distanz interessant, weil ich die so gar nicht haben möchte.


Roland: Sondern?


Barbara: Ich würde gern wieder mit meinen Eltern zusammenleben, und wo wir gerade dabei sind: am liebsten auch mit meinen Schwiegereltern. Ich liebe Großfamilie, und ich liebe das Gefühl, dass alle da sind und einen Zusammenhang haben.


Roland: Wie schön. Der Gedanke hat so etwas Antikes, da wurde Großfamilie ja noch gelebt, und der Rat der Alten wurde gehört und hatte Gewicht. Hat sich ja ein Stück weit geändert heute.


Barbara: Du bist jetzt 66. Spürst du das auch? Hast du das Gefühl, dass die Leute dich ansehen und denken: Was will der Alte denn noch?


Roland: Eigentlich nicht, und ich bin mir sicher: Das habe ich meinen Kindern zu verdanken. Die halten mich jung, indem sie mich an ihrem Leben teilhaben lassen. Ich fühle ganz gut, wie er pocht, der Puls der Zeit. Damit widerspreche ich jetzt zwar dem Gefühl meines Sohnes, ich sei ein Steinzeit-Vater, aber Widerspruch gehört dazu.


Barbara: Ich weiß genau, was du meinst. Was ich durch meine Kinder gelernt habe, ist Stressresistenz. Die musst du dir mit Kindern draufschaffen, um nicht durchzudrehen.


Roland: Und du lernst, die verschiedenen Arten von Kindergeschrei zu deuten.


Barbara: Du meinst: auf dem Spielplatz Schmerz von Wut und Frust und Trauer zu unterscheiden.


Roland: Genau. Ich kann das. Wir haben uns auch die Aufgaben mit den Kindern von Anfang an geteilt, deshalb war ich immer nah an ihnen dran. Aber die Belastungsfähigkeit einer Mutter wird immer ganz besonders bleiben, weil sie zu einem Kind einfach die engste Bindung hat. Oder siehst du das anders?


Barbara: Hm. Nee. Wobei ich Menschen kenne, die sich als absolutes Papa-Kind bezeichnen. Aber andersrum: Ich würde in der Tat alles dafür geben, das Gefühl des Mutterwerdens und -seins zu haben. Ich kenne keinen Mann, dem das in dieser Intensität so geht.


Roland: Sag ich ja. Da werden wir Männer nie hinkommen. Dafür dürfen wir viele andere Aspekte des Kinderhabens bestaunen.


Barbara: Zum Beispiel?


Roland: Als Erwachsener bist du der Mittelpunkt deiner eigenen Welt, du kreist nur um dich selbst. Sobald ein Kind auftaucht, trittst du automatisch an den Rand dieses Kreises. Ein Kind zu haben verändert die Perspektive. Das führt zu einer neuen Bescheidenheit, du hörst auf, dich wichtig zu nehmen. Gut für Leute in unserem Beruf!


Barbara: Stimmt! Da stehst du nach dem Auftritt im Wohnzimmer und keiner klatscht!



Roland: Und dein Sohn fragt, ob du jetzt endlich Lego mit ihm spielst. Auf eine schönere Art kann man doch gar nicht geerdet werden.

Barbara: Du bist mit 38 erstmals Vater geworden. Hättest du diese Art von Familie auch leben können, wenn das schon 15 oder 20 Jahre früher passiert wäre?


Roland: Vielleicht nicht. Da war ich noch zu sehr auf der Suche und mit mir selbst beschäftigt. Ich fand mich irrsinnig wichtig. Dass ich das nicht bin und auch nicht das, was ich mache, das musste ich erst lernen. Und dieser Lernprozess macht mich zu einem besseren Vater. Ich weiß: Wirklich wichtig sind meine Frau und die Kinder. Punkt.


Barbara: Und was machst du, jetzt wo die Kinder aus dem Haus sind?


Roland: So richtig sind sie es ja nicht. Jan kommt jeden Tag zu uns. Ich frage ihn dann: Jan, was machst du hier schon wieder? Sagt er: Ich liebe meine Eltern. Ich frage: Hast du Hunger? Er sagt: Och, eigentlich schon. Dann isst er was und geht wieder. Irgendwie seltsam. Aber käme er nicht: Ich hätte das Gefühl, ich hätte etwas falsch gemacht.




ROLAND KAISER wurde 1952 in Berlin geboren, dort begann auch seine Berufsbiografie: Leiter der Werbeabteilung eines Autohauses, Telegrammbote, Sänger. 1975 erschien seine erste Single „Was ist wohl aus ihr geworden?“, 1977 sein erster Hit „Sieben Fässer Wein“. Ab März geht er auf Tour, am 15. März kommt das neue Album „Alles oder Dich“ – ein Duett mit Barbara inklusive! Kaiser lebt mit seiner dritten Frau Silvia in deren Heimatstadt Münster, hat mal im dortigen „Tatort“ mitgespielt, ist mit dem Bundespräsidenten befreundet und engagiert sich gegen Rechts.

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Roland Kaiser und Barbara Schöneberger 
Roland Kaisers überraschendes Geständnis über seine Mutter

Ich bin ihr sogar dankbar“ – das sagt Roland Kaiser über seine leibliche Mutter – die er nie kennengelernt hat. Für Barbara ist ihre Mutter Vorbild und Respektsperson. Noch immer. Ein Gespräch über Liebe und Vertrauen in der Familie

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