Rosa Phrasen: Was sollen diese ganzen Sprüche?

Frauen reagieren positiv auf banale Weisheiten auf Spruchkarten – diesen Reflex üben sie früh. Unsere Autorin hat genug von Beratung auf Poesiealbum-Niveau.

von Karina Lübke

Vorhin beim Umräumen fand ich mein ledergebundenes Poesiealbum wieder. Eine Art Facebook der analogen Urzeit: Man trug es in die Schule und gab es den Klassenkameradinnen mit nach Hause, die „Vergissmeinnicht! Deine Freundin Petra“ hineinschrieben und ein Glanzbildchen dazuklebten. Wer war bloß Petra? Auch an Martin, der mir als juvenile Frühform von Mansplaining auftrug: „Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heit’ren Stunden nur“, erinnere ich mich nur dunkel. Aber immerhin hatte er dafür auftragsgemäß mit seinem Schulfüller ein Sprüchlein abgeschrieben. Jungs, die sich brav in Poesiealben eintrugen, waren rar und leider nie die angesagten. Die spielten in den Pausen Fußball und waren viel zu cool dafür. Gedichte? Mädchenkram.

Banale Weisheiten

Die Zeiten änderten sich, doch noch heute sind vordergründig tiefgründige Lebensweisheiten weiblich: Die Slam-Poetin Julia Engelmann singt sich mit ihrem Programm „Poesiealbum“ erfolgreich in Herzen. Erwachsene Frauen schicken sich im emotionalen Notfall gegenseitig pastellig hinterlegte Meme mit Trostsprüchen wie: „Niemand kann dich verletzen, wenn du es ihm nicht erlaubst!“ Oder: „Lass los – wenn es dir gehört, kommt es zurück!“ Echt, Leute? Glaubt ihr das wirklich?

Pfefferspray reizender als emotionale Sprüche

Mir gehen diese Versuche, sich einen romantischen Reim auf die Zumutungen des Lebens zu machen, zunehmend auf den Geist. Pfefferspray finde ich reizender als die Maßnahme, sich schwierige Lebenslagen oder gar Angriffe reflexhaft schönzureden. Dazu noch die Glanzbilder von heute: Fotos langhaariger Frauen in Shorts mit Strohhut. Strand geht auch immer. Und wie viele nichtssagende Wortkombinationen ergeben bitte die Begriffe love, sister, fire, coffee, heart und dreams? Hab sie alle gesehen.

Sexbildchen und Witze, statt billige Ratschläge

Ich habe einen männlichen Freund gefragt, ob Männer ebenfalls solche Motivationsbildchen austauschen. Er zögerte, dann sagte er: „Eher was mit Sex. Oder Witze.“ Schlichte Unterhaltung statt Erleuchtung? Auch nicht erhellend, aber ohne Erziehungsauftrag. Deshalb, Schwestern: keine billigen Ratschläge oder rosige Anmahnungen von Dankbarkeit mehr! In Zeiten, in denen man hauptberuflich Zustände über den Zustand der Gesellschaft und der Welt kriegen kann, will ich lieber eine Revolution als ein Dankbarkeitstagebuch führen. Mich nicht wie das Veilchen im Moose damit bescheiden, achtsam mein Glück in den kleinen Momenten zu finden. Fordert mich bitte nie mehr auf, statt meiner Blessuren meine „Blessings“ zu zählen!

Gerade erst haben kanadische Forscher meine Ahnung bestätigt: In der Studie mit dem vielsagenden Titel „On the reception and detection of pseudo-profound bullshit“ konnte erstmals ein Zusammenhang zwischen minderer Intelligenz und einer Vorliebe für Pseudoweisheiten nachgewiesen werden. Manchmal sind dumme Sprüche aber tatsächlich hilfreich. Wenn mir Menschen, die auf dem Titelbild ihres Facebook-Profils „lebe – liebe – lache“ platziert haben, Freundschaftsanfragen stellen, weiß ich sofort: Das wird nichts mit uns.

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Rosa Phrasen
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