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Rund gelaufen Mit den Füßen auf Kriegsfuß

Steffi von Wolff: Eine Frau reibt ihre schmerzenden Füße
© myboys.me / Adobe Stock
Erst trieb es unsere Autorin mit ihren Füßen auf die Spitze. Dann wuchsen die beiden über sich hinaus. Passte der Besitzerin natürlich überhaupt nicht …

Tatsache ist: Ich hab schon immer gern auf großem Fuß gelebt – mit Schuhgröße 41 ist das ja auch kein Problem. Außer in einem Schuhgeschäft. Dort lief es stets darauf hinaus, dass nach ganz viel An- und Ausziehen von Schuhen – die wahrscheinlich einem Oger gepasst hätten, aber mir immer irgendwo drückten – eine Verkäuferin seufzte: "Vielleicht müssen Sie jetzt mal in die Herrenabteilung wechseln." Aber es kam noch schlimmer.

Meine Laufwerkzeuge begannen irgendwann, ein Eigenleben zu führen. Seit einigen Jahren schon stehe ich deswegen mit ihnen auf Kriegsfuß. Dabei waren sie wirklich mal schön: lang und schmal, die Zehen in feinen Nuancen vom kleinen an größer werdend – wie eine gotische Harfe. Ach, ach!

Ich schlüpfte mit ihnen in Highheels. Jeden Tag, denn anders als viele meiner Freundinnen hatte ich in den engen hohen Dingern keinerlei Schmerzen. Kein Drücken, kein Stechen, kein Brennen. In ihnen konnte ich schweben.

Oft fangen Katastrophen ja schleichend an. Erst zwickten meine großen Zehen. Bald spürte ich den Schmerz auch in flachen Schuhen, dann schon nach wenigen Schritten. Diagnose: Arthrose. Zwei OPs später hatte ich, so war es geplant, steife Grundgelenke. Damit konnte ich wieder laufen – aber keine Pumps mehr tragen. Klar, das spart Geld, aber ging es beim Schuhkauf jemals um Geld? Früher habe ich gekellnert, nur um mir ein hochhackiges Duo in Dunkelgrün leisten zu können. Und weil Schuhe ja auch Rudeltiere sind und man solche Triebe kaum unterbinden kann, gesellten sich immer mehr dazu. Die mussten jetzt im Schrank bleiben.

Unsere Füße tragen uns durch's Leben

Auch wenn Sneaker zu einem kleinen Schwarzen nicht immer schick aussehen, ich trug sie trotzdem brav. Das beeindruckte meinen linken Fuß leider nicht: Auf dem Rücken meines großen Onkels wuchs plötzlich ein Überbein, das sich an sämtlichen Schuhmodellen wund schubberte. Es ist ein Erbe von Papa, das meine beiden Geschwister und ich angetreten haben. "Ich lass mir das abschleifen", sagte meine ältere Schwester trotzig – läuft aber heute noch damit rum. Und auch ich scheute so einen Eingriff und tipple seither im Schuhgeschäft vor dem Regal mit Größe 42 umher. Wer schon mal nach Damenschuhen solchen Ausmaßes geguckt hat, weiß, von welcher Demütigung ich spreche: beigefarbene Gesundheitsschuhe mit kleinen Löchern drin, damit Luft an den Fuß kommt. Dann kann ich auch gleich eine ockerfarbene Funktionsweste anziehen.

Wie viel kann ein Mensch ertragen? Seine Füße zumindest viel – im Laufe eines Lebens kommen da mehrere Hundert Tonnen Gewicht zusammen. Weil ich das Gefühl hatte, dass meine zwei sich weiterhin im Wachstum befanden, suchte ich meinen Orthopäden auf, der geradewegs folgende These aufstellte: "Das kann auch am Gewicht liegen. Haben Sie während Corona zugenommen?" Nee … na ja … also doch … Ich musste es zugeben, ich war viel zu Hause geblieben und aß auch viel, weil ich ja nicht rausgehen sollte (eigene Logik), und meine Füße gingen so wohl gemeinsam mit mir in die Breite. Wie groß wollen die denn bitte noch werden?! Brauchen die irgendwann eine eigene Postleitzahl?

Einmal guckte ich sie mir ganz genau an, meine Füße. Ich bewegte sie, betrachtete sie von allen Seiten, den Spann, den Ballen, die Ferse. Und plötzlich überkam mich Rührung. "Ihr habt so viel mitgemacht mit mir", sagte ich zu ihnen. "Was hab ich euch malträtiert! Und ihr habt es so lange ohne Klagen ausgehalten." Mir fiel ein Spruch meiner Oma ein: Sei gut zu deinen Füßen, sie tragen dich durchs Leben! Recht hatte sie. Ich nahm mein Handy und buchte ein Rundumverwöhn-Paket für die beiden. Zum Preis von einem Paar hochwertigen Highheels. "Ich verspreche euch, ich werde euch ab jetzt gut behandeln, werde euch cremen und pflegen, regelmäßig zur Pediküre gehen und das Unabänderliche einfach akzeptieren. Ich mache alles wieder gut." Erster Programmpunkt: "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" gucken. Der Fernseher ist bequem fußläufig erreichbar.

Steffi von Wolff ist etwas langsamer unterwegs, seitdem sie nur noch flache Schuhe trägt. Das muss höhere Physik sein.

Barbara

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