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Wo nur? Ungewolltes Versteckspiel: Sachen verlegen

Sachen verlegen: Klamottenkommode
© goffkein.pro / Shutterstock
Manche Dinge brauchen einen sicheren Aufenthaltsort, den unsere Autorin ihnen gern einrichtet. Auf diese Verstecke kommt keiner. Sie meist leider auch nicht. 

Ich habe einiges zu verbergen. Zur Jahrtausendwende war es gar ein Tausendmarkschein, da es damals hieß, die vielen Nullen könnten einen globalen Computerabsturz verursachen und Bankautomaten kein Bargeld mehr ausgeben. Mit dem Versteck war ich hochzufrieden. Es lag nicht einfach im Kühlschrank, dem Spitzenreiter vermeintlich genialer Verstecke, den jeder Einbrecher als Erstes checkt, sondern am Ende einer langen Gedankenkette, die mir unvergesslich schien. Es war derart geheim, dass ich mich selbst nicht mehr daran erinnern konnte, als der Tausender mir 2003 wieder einfiel. Also durchsuchte ich Bilderrahmen, Bücher, Kleiderschränke – vergeblich. Was hatte ich mir bloß dabei gedacht?

Gedächtnissperre in meinem Kopf

Der verschwundene Schein wurde zur Legende, die nachgeborenen Kinder glaubten nicht daran. Bis wir letztes Jahr umzogen und mir das Stück Papier mit den Halbprofilen der Gebrüder Grimm aus einer alten "Tempo"-Zeitschrift entgegenflatterte, für die ich einst meine erste Titelgeschichte geschrieben hatte. Ach, das war der Zusammenhang! Ich wäre die geborene Agentin, nämlich: Meta Hari. Vergrabe Informationen so tief in mir, dass ich auch unter Folter oder Alkohol nichts ausplaudern könnte.

Meine Mails bestehen zur Hälfte aus Anfragen zum Zurücksetzen von Passwörtern – zumal es täglich mehr werden, die einem die Teilhabe am digitalen Leben er- oder verschließen und auf keinen Fall notiert werden sollten. In meinem Oberstübchen habe ich deshalb ein kleines Fundbüro eingerichtet, in dem ich alle Zugangscodes sicher verwahre. Da kommt nichts weg, leider aber auch manchmal nichts raus. "Ich brauche schnell das Passwort für den Netflix-Account", rufe ich manchmal vor der Gedächtnissperre in meinem Kopf. Ich sehe, dass da jemand ist, die Gardinen bewegen sich … Gleich habe ich’s … Aber die Tür bleibt zu. Die Bürozeiten sind willkürlich, plötzlich wird kurz aufgemacht, meist, wenn ich unter der Dusche stehe oder gerade einschlafen will. Ist das eine Freude!

"Den Lost-Lifestyle lebe ich seit Jahrzehnten"

Gerade erst im vergangenen Jahr wurde "Lost" zum Jugendwort des Jahres gewählt. Ihr Anfänger! Den Lost-Lifestyle lebe ich seit Jahrzehnten. Verloren fühle ich mich deswegen nicht. Als Kind verbarg ich mich beim Versteckspiel derart unauffindbar, dass ich dort noch herauslugte, nachdem alle anderen längst zum Abendbrot nach Hause gegangen waren. Als Erwachsene geht das Versteckspiel anders weiter: Frauen verstecken "Problemzonen" oder verhüllen "Reizendes". Sie verbergen ihre Intelligenz und Kompetenz, um nicht bedrohlich zu wirken. Oft vergessen sie sich dabei selbst. Manches vergesse ich auch mit Absicht: "Finanzielle Rücklagen" bedeutet bei mir, im Winter 100 Euro in der Daunenmanteltasche wiederzufinden, die ich beim Einmotten im Frühjahr im Vertrauen auf meine Vergesslichkeit dort deponiert hatte.

Momentan suche ich meine Kreditkarte, die ich vor einer Kurzreise dem großen Kind "für Notfälle", sprich: Pizza-Lieferservice, in unserer Wohnung hinterlegt hatte, in einem perfekten Versteck, das … seufz. Soll der Junge sich doch einfach Nudeln kochen.

KARINA LÜBKES gesammelte Kolumnen sind als Buch erschienen – mit etlichen neuen, bislang unveröffentlichten Texten. Lappan, 12 Euro.

BARBARA 54/2021

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