Säure-Opfer Vanessa Münstermann: "Ab heute darf ich hässlich sein!"

Ihr Ex-Freund verätzte sie mit Säure, nun hat Vanessa Münstermann ein Buch über ihr Leben nach dem Angriff geschrieben. Darin berichtet sie, wie der Säure-Anschlag sie nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich veränderte und sie sogar ein Stück weit befreite.

von Julia Ballerstädt (Interview)

Gesicht und Dekolleté voller Narben, das linke Auge zerstört, ein Ohr weggeätzt. In den ersten Wochen nach der Säure-Attacke ihres Ex-Freundes glaubte Vanessa Münstermann nicht, dass sie jemals wieder einen Partner finden würde, der sie so lieben könnte. Inzwischen ist die heute 30-Jährige Mama einer kleinen Tochter und will im Herbst ihre Jugendliebe heiraten. Jetzt hat sie ein Buch über den Säure-Angriff und ihr Leben danach geschrieben. "Ich will mich nicht verstecken" lautet der Titel ihrer Autobiografie, in der sie von der Beziehung zum Täter Daniel F. erzählt, aber auch von Albträumen, dem ersten Blick in den Spiegel, der Reha, dem Gerichtsprozess und der Angst vor dem Ende der Haftstrafe. 

Die Tat geschah, kurz nachdem sie mit Daniel F. Schluss gemacht hatte. Er attackierte sie am 15. Februar 2016 auf der Straße. Das Landgericht Hannover verurteilte F. wegen absichtlicher, schwerer Körperverletzung zu zwölf Jahren Haft.

BARBARA: Was ist an dem Morgen des Säure-Angriffs passiert?

Vanessa Münstermann: Ich war morgens vor der Arbeit mit meiner Beagle-Dame unterwegs, als plötzlich mein Ex-Freund Daniel F. aus dem Gebüsch kam. Mit den Worten "Ich gehe ja sowieso ins Gefängnis" kippte er mir eine Flüssigkeit ins Gesicht.

Was ging dir in diesem Moment durch den Kopf?

Ich habe das gar nicht geschnallt, dass gerade wirklich etwas Schlimmes passiert ist. Ich wusste zwar, es wird kein Wasser sein, dass er mir ins Gesicht geschüttet hat, aber mir war überhaupt nicht bewusst, dass ich deswegen im Koma liegen würde. Ich wollte noch zur Arbeit gehen. Aber die Dame, die mir dann geholfen hat, sagte dann: "Du gehst hier nirgendwohin" und hat den Krankenwagen gerufen. Ich wusste überhaupt nicht, wie mir geschah. Bei einer Schusswunde legt man einen Druckverband an. Bei Flüssigkeiten, weiß man nicht, wie man reagieren soll.

Löst die Säure nicht starke Schmerzen aus? 

Nein, gar nicht. Die Säure war so stark, dass die Nervenfasern sofort tot waren. Meine Professorin hat es mir später so erklärt: Wenn man ein Ei in eine heiße Pfanne gibt, kippen die Eiweißstrukturen sofort. Und das ist an diesem Morgen mit meiner Haut passiert. Es waren einfach keine Nervenfasern mehr da, die Schmerz an das Gehirn weiterleiten konnten. 

Aber die Frau, die auch den Krankenwagen rief, hat dir direkt angesehen, dass etwas nicht stimmt?

Anscheinend. In Nacherzählungen hat man mir gesagt, es sah aus, als ob man mir einen grünen Farbeimer ins Gesicht gekippt hätte.

Im Krankenhaus solltest du dich lange nicht ansehen. Man hat sogar die Spiegel abgehängt. Wie war das für dich? Wolltest du nicht unbedingt wissen, was mit deinem Gesicht passiert ist? 

Die Station auf der ich lag, ist wie ein gläserner Kasten. Einen richtigen Spiegel hatte ich zwar nicht, aber natürlich habe ich versucht, in anderer Form einen Blick auf mein Spiegelbild zu erhaschen und wenn es dunkel wurde, mich in den Scheiben zu spiegeln. Also hatte ich schon eine Ahnung, wie ich aussehe.

Wie schlimm war es dann, als du das erste Mal in einen richtigen Spiegel geschaut hast?

Naja, ich war ja zugedröhnt mit Morphin, also mit Stimmungsaufhellern, und die haben alle Gefühle betäubt. Die ersten Emotionen kamen eigentlich erst in der Reha, als ich allein auf meinem Zimmer saß und über alles nachdenken konnte. 

Während sich andere Menschen, denen Schlimmes widerfährt, verkriechen und mit ihrem Schicksal hadern, bist du ein sehr offener und positiver Mensch. Woher nimmst du die Kraft?

Eigentlich ist das gewissermaßen eine Trotzreaktion. Ich wollte einfach nicht, dass Daniel Macht über mich hat und mich zerstört. Letztlich gibt es nur zwei Optionen: Weitermachen oder Aufgeben. Wenn ich aufgeben hätte, hätte er genau das bekommen, was er wollte. Aber auch die Kampagne "We love Vanessa", bei der für mich Spenden gesammelt wurden, die Website und der Blog, auf dem mir Mut zugesprochen wurde, die Menschen, die an mich geglaubt haben. Die wollte ich nicht enttäuschen. Ich musste also einfach selbst an mich glauben. Aber auch Familie und Freunde – das ist wie ein Puzzle, das zusammengesteckt wird. Die, die sich verkriechen, müssen ihren Teufelskreis im Kopf durchbrechen. Menschen sind grundsätzlich gut und nicht böse. Klar gibt es auch negative Erfahrungen. Das Positive überwiegt aber. 

In der Reha-Zeit hattest du aber auch sehr depressive Momente...

Die habe ich auch heute noch. Aber die Reha war eine sehr intensive Zeit. Schließlich war ich dort das erste Mal mit meinen Gedanken alleine. Da hat sich das Blatt nochmal gewendet. Aber es sind immer andere Menschen da gewesen, die mir geholfen haben, das durchzustehen.

Während der Reha hattest du anfangs das Gefühl, dass es eine geteilte Welt gibt – die der Kranken und der Gesunden. Wo siehst du dich?

Ja, das ist ja so absurd. Anfangs habe ich das auch so empfunden, aber dann habe ich die Augen geöffnet und gemerkt, dass das Schwachsinn ist. Es gibt diese kranke und gesunde Welt nicht, denn jeder Mensch hat seine Probleme und muss die bewältigen. 

Diejenigen, die diese Trennung als solche in der Gesellschaft empfinden, fühlen sich in ihrer Opferrolle ganz wohl. Ich betreue auch viele Betroffene, die das so sehen. Die wollen nicht raus. Sie sagen, sie wollen, haben aber den Entschluss noch nicht gefasst. Vergleichbar ist das mit Frauen, de häusliche Gewalt erleben, aber trotzdem bei ihrem Partner bleiben. 

Häufig ist es ein Prozess, der durchlaufen werden muss und natürlich ist es auch immer eine Frage, was man selbst für ein Typ ist. Bin ich jemand, der an die Hand genommen werden muss, oder schaffe ich das aus eigener Kraft? Ich brauchte diesen Prozess auch, obwohl ich ein sehr trotziger Typ bin. Das hat auch geholfen. 

Wie geht es dir heute, drei Jahre nach der Tat? Bist du noch in Behandlung und musst du noch weitere Operationen über dich ergehen lassen? 

Es gibt viele Sachen, die noch nicht so sind, wie sie sein sollen. Ich kann den Hals nicht strecken, das Auge kann ich nicht schließen und ich habe kein Ohr. Das sind Rekonstruktionen, die gemacht werden müssen. Damit will ich aber warten, bis meine Tochter groß genug ist, um zu verstehen, was mit ihrer Mama passiert. Danach möchte ich wieder ein Stück in die Normalität rein, heißt: Vielleicht die Lippenkontur machen lassen, oder die Augenbraue. Mein Professor würde wohl noch jahrelang weiter operieren, so, dass ich fast wieder normal aussehe. Ob ich aber die Stärke dazu habe, ist eine ganz andere Sache.

Der Täter, Daniel F. hat dir aus dem Gefängnis heraus gedroht und dir Briefe geschrieben. Sucht er immer noch den Kontakt zu dir?

Die Briefe, die er mir schickt, werden mittlerweile abgefangen. Jetzt schreibt er aber direkt an unterschiedliche Medien. Er will ja auch gehört werden und seine Sicht der Dinge erklären. Leider versteht er bis heute nicht, was er da getan hat. 

...was auch Teil der Persönlichkeitsstörung ist, die bei ihm diagnostiziert wurde. 

Genau. Erst während des Prozesses kamen seine 27 Vorstrafen ans Licht und auch, dass er als Kind bereits in der Psychiatrie war.

Aber weder seine Ex-Freundin, noch die Eltern von Daniel F. haben dich vor ihm gewarnt? 

Nein, da hat mich keiner gewarnt, die waren froh, dass sie ihn los waren.

Dir ist vieles erst im Nachhinein bewusst geworden, obwohl er dich schon während eurer Beziehung schlecht behandelt hat. Wenn du im Buch die Zeit mit Daniel schilderst, fragt man sich, warum du nicht schon viel früher gegangen bist.

Ja, da muss man nichts schön reden: Da bin ich einfach doof wie Brot gewesen. Ganz einfach.

In neun Jahren wird Daniel F. aller Voraussicht nach entlassen. Gibt es Maßnahmen, die dich und deine Familie dann vor ihm schützen.

Leider nicht. Ein Opfer wird in Deutschland nicht geschützt. Sicherheitsverwahrung wurde abgelehnt. Er will auch nicht therapiert werden: Aus seiner Sicht ist er schließlich gesund – und zwingen darf man ihn auch nicht.

Du hast einen Verein gegründet, der anderen Verbrennungs- und Säureopfern hilft. Wie genau sieht die Vereinsarbeit aus?

Die Arbeit meines Verein AusGezeichnet. e.V., ist sehr vielfältig. Betroffene rufen uns an und sagen uns, was sie brauchen. Das geht von Hilfspaketen mit Salben und Verbandsmaterial bis hin zu persönlicher Betreuung am Krankenbett. Viele möchten einfach nicht alleine sein, reden und Kontakte knüpfen mit jemandem, der genauso aussieht wie sie selbst. 

Aktuell betreue ich 15 Betroffene, die mich natürlich unterschiedlich intensiv in Anspruch nehmen. Mit denen, die frisch dazukommen, rede ich meist jeden Tag, weil sie noch ganz am Anfang stehen. Die, die ich schon seit drei Jahren betreue und denen es gut geht, die brauchen mich auch einfach nicht mehr so oft. Für mich ist der Austausch mit anderen Betroffenen aber mindestens genauso wichtig, wie für sie selbst. Das ist meine Form der Therapie.

Vorher hast du als Kosmetikerin gearbeitet. Ein Beruf, in dem das Äußere besonders wichtig ist. Wie hat sich dein Schönheitsideal verändert?

Im Grunde ist es einfach nur ein Verrücken, weil ich als Kosmetikerin schön sein musste. Um die Produkte zu verkaufen, musste ich sie natürlich auch tragen und anpreisen. Heute darf ich hässlich sein. Das ist gewissermaßen eine Befreiung, nicht immer noch schöner sein zu müssen. Niemand kann jeden Tag aufs Neue dem Schönheitsideal entsprechen. Das funktioniert nicht. Ich kann jetzt auch einfach mal in Jogginghose raus und die Leute denken sich "Mein Gott, wie sieht die denn aus?", ich kann aber auch mit einem Abendkleid vor die Tür treten und sie denken trotzdem das Gleiche. Es macht bei mir keinen Unterschied.

Mittlerweile liebst du dich selbst also mehr als vor dem Anschlag?

Man muss aufhören sich selbst zu kritisieren. Fragst du hundert Menschen, ob sie dich schön finden, sind immer welche dabei die dich zum Kotzen finden. Du kannst das also gar nicht schaffen, dem Druck hältst du gar nicht Stand. Und die wichtigste Person, der du gefallen musst, bist du selbst. Und da muss man hinkommen. Der Zweifel sitzt immer in uns selbst. Die anderen sind nicht böse, im Endeffekt wünschen sich alle Menschen geliebt zu werden. Aber warum muss ein anderer dich lieben? Wer ist er, dass er darüber urteilen kann, ob du schön bist oder nicht, ob du liebenswert bist oder nicht? Sei einfach ein bisschen trotziger gegenüber allem Negativen, dann kommt das Positive von ganz allein!

"Ich will mich nicht verstecken" von Vanessa Münstermann ist im Februar 2019 im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen und kostet 9,99 Euro. 

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