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Interview Sascha Lobo im Gespräch mit Barbara: "Prokrastination ist eine gesunde Abwehrhaltung."

Sascha Lobo: Barbara und Sascha Lobo sitzen auf einem grauen Sofa. Sie hält einen großen weißen Wecker in der Hand
© Gene Glover / Barbara
Sascha Lobo, Jahrgang 1975, begann nach seinem Abi ein Langzeitstudium, gründete nebenbei aber auch eine Werbeagentur, arbeitete später als freier Werbetexter und publizierte zum Thema Digitalisierung und Internet – bis heute als Kolumnist für spiegel.de. Des Weiteren hat der "Klassensprecher für das Web 2.0" zehn gedruckte Bücher geschrieben, unter anderem "Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin", das Standardwerk zum Thema Prokrastination.

Barbara: Sascha! Ich möchte dich herzlich mit einem Satz begrüßen, den ich auf der Wikipedia-Seite über dich gefunden habe.

Sascha: Aha. Welcher ist es?

Dieser: "Ein 1998 begonnenes Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin schloss er 2013 mit dem Diplom ab." Ich habe sehr gelacht. Hast du wirklich 15 Jahre lang studiert?

Nein. Es waren 19. Ich habe insgesamt 38 Hochschulsemester auf dem Buckel, das an der UdK war nicht mein erstes Studium. Wenn ich auf Partys auf zwei klassische Langzeitstudenten treffe – stecke ich die zusammengenommen locker in die Tasche. Aber immerhin, du hast es gerade vorgelesen: Ich hatte mein Diplom am Ende. Wie ist es bei dir?

Ich habe im zehnten Semester abgebrochen, als klar war, dass das Fernsehen eine echte Alternative werden würde. Man könnte also sagen: Ich habe mein Studium nicht ewig aufgeschoben. Und darüber reden wir heute, über Prokrastination, ein Thema, das sehr, sehr vielen Leuten geläufig sein dürfte – aber die wenigsten können es aussprechen. Wobei: Ist ja oft so, dass man jahrelang etwas macht, ohne zu wissen, wie es heißt.

Den Begriff gibt es ja auch noch nicht so lang in Deutschland.

Genau genommen hast du ihn ausgegraben! Und 2008 mit Kathrin Passig das Standardwerk zum Thema Prokrastination geschrieben. Da passen deine 19 Jahre Uni ganz gut hinein, oder?

Nee, gar nicht. Die sind nämlich das perfekte Beispiel dafür, dass man Dinge in der richtigen Dosierung angehen kann, sich damit Stress erspart und den Spaß daran bewahrt. Ich war halt über lange Zeit immer nur freitags um zehn für ein Seminar an der UdK, aber das dann sehr gern.

Verstehe. Du warst also zielgerichtet, hast dich dabei aber nicht um herkömmliche Regelzeiten geschert. Zumal, das darf man ja auch nicht vergessen: In jener Zeit hast du Firmen gegründet, bist zum Tech-Guru aufgestiegen, hast Bücher geschrieben …

Und du? Wie ist dein Umgang mit Zeit?

Hm. Da bleibe ich mal beim Beispiel Studium. Ich wollte mich 1994 in München für Soziologie einschreiben. Aber als ich an der Uni ankam, sollte ich eine Nummer ziehen und mit einem Haufen Leute warten, bis ich drankomme. Das hätte wahrscheinlich eine halbe Stunde gedauert, aber ich habe mich lieber ins Auto gesetzt, bin nach Augsburg gefahren und habe mich da eingeschrieben. Als ich abends nach Hause kam, hatte ich sogar schon ein WG-Zimmer.

Das ist total prototypisch. Du hättest deinen Platz in München viel schneller bekommen als den in Augsburg, aber es hätte sich für dich nicht so angefühlt. Wenn man selbst etwas tut, vergeht die Zeit schneller, als wenn man auf etwas wartet.

Absolut. Ich umfahre auch jeden Stau, obwohl ich wahrscheinlich schneller ankommen würde, wenn ich mich da einfach mal durchquälen würde.

Es gibt Alltagsmechanismen, die unseren Umgang mit der Zeit ganz schön illustrieren. Nur ein Beispiel: Man wohnt im vierten Stock, muss irgendwo hin und stellt ein halbes Stockwerk tiefer fest, dass man etwas vergessen hat – sagen wir mal: Du als Studentin in Augsburg dein Federmäppchen. Gehst du jetzt wieder hoch und holst es?

Nö.

Und das ist ein ganz typisches Verhalten: Obwohl dein Tag dadurch leichter werden würde, scheust du den Weg zurück. Du würdest ihn als verschwendete Zeit empfinden, weil du, wie so viele Menschen, vorwärts denkst. Und dieses Verhalten ist schon ganz nah dran an der Prokrastination. Die kann nämlich ein absolut positives Symptom sein.

Man bewegt sich, aber nicht in die richtige Richtung.

Ja. Aber die Bewegung, das Gefühl, aktiv teilzunehmen an etwas, ist oft wichtiger als das Ziel, das man eigentlich vor Augen hatte.

Das kenne ich sehr gut. Ich muss viele Dinge erledigen und drücke mich vor ihnen – aber nicht, indem ich mich bräsig aufs Sofa lege, sondern indem ich mich um anderen Kram kümmere.

Das ist ein wichtiger Punkt. Die allerwenigsten Menschen, die prokrastinieren, sind faul. Aber sie werfen es sich permanent vor. Deshalb muss man da ganz genau hinschauen: Möchte ich gerade gar nichts tun? Oder möchte ich nur das nicht tun, wozu ich mich gerade zwingen will?

Und wenn man eher zur zweiten Frage Ja sagt …

… dann ist das womöglich ein Symptom dafür, dass man eigentlich das Falsche macht. Kann sein, dass diese Sache genau jetzt nicht passt, es gibt so etwas wie den richtigen Zeitpunkt. Aber wenn dieser richtige Zeitpunkt nie kommt, ist das ein untrügliches Zeichen. Denn eigentlich ist Prokrastination eine gesunde Abwehrhaltung des Körpers und der Seele.

Interessant. Was bei mir sehr klassisch ist: Ich schreibe meine Moderationstexte für die Talkshow und Veranstaltungen selbst – beziehungsweise sauge ich lieber das Haus durch, wenn ich schreiben sollte. Dabei fällt es mir gar nicht so schwer, wenn ich erst mal mit dem Schreiben angefangen habe, und dann finde ich meine Aufschieberei wieder total bescheuert.

Weil du den Quatsch machst, den die meisten Leute machen.

Nämlich?

Du glaubst, dass deine Arbeit erst begonnen hat, wenn du das erste Wort geschrieben hast. Tatsächlich aber beginnt sie schon mit dem Nachdenken darüber, und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass das auch beim Saugen der Kinderzimmer passiert, oder?

Äh … ja!

Es gibt einen Vorprozess, in dem die Dinge reifen.

Und den muss man auch akzeptieren: Heute kann ich nix schreiben, das verschiebe ich auf morgen.

Daher kommt ja das Wort Prokrastination, aus dem Lateinischen nämlich, und es heißt nichts anderes als "für den morgigen Tag".

Nun ist es aber so, dass die Welt oft will, dass man die Dinge des Lebens auf den Punkt erledigt. Also heute. Nicht morgen.

Aber meistens reicht morgen eben doch, und das sollte man sich auch ohne schlechtes Gewissen klarmachen. Ich glaube, es ist viel wichtiger herauszufinden, was der punktgenauen Erledigung im Weg steht. Und da sind wir wieder bei der Abwehrhaltung der Seele: Gibt’s gerade was Wichtigeres für mich, oder schiebe ich auf, weil sich eigentlich alles in mir gegen diese Aufgabe sträubt?

Wenn ich nur noch machen würde, wozu ich Lust hätte …

Ja?

… total selbstbestimmt an Aufgaben herangehen würde …

Ja?

… wenn mir bei der Arbeit nichts, aber auch gar nichts mehr wehtun würde …

Ja?

Das wäre der absolute Horror für mich.

Wieso?

Weil ich finde, dass es manchmal schmerzen muss. Weil es einen nicht zu einem besseren Menschen macht, wenn man ständig und ausschließlich in der eigenen Komfortzone operiert.

Ich würde es umdrehen. Denn du hast zwar recht: Es ist wichtig, sich selbst zu beweisen, dass man in der Lage ist, sich zu unangenehmen Dingen zu überwinden.

Aber?

Aber man hat nur ein bestimmtes Maß an Selbstüberwindung zur Verfügung. Und wenn man die aufbraucht bei einer totalen Quatsch-Sache, die einem extrem schwerfällt, bleibt nur wenig übrig für notwendige Dinge.

Ah. Du meinst, ich sollte mir genau überlegen, wofür ich meine Minuspunkte einsetze.

Genau. Wenn du alle Überwindung dafür aufbrauchst, deinen Flur zu tapezieren, wirst du nie dazu kommen, deinen Stapel mit ungeöffneter Post abzuarbeiten.

Was uns auf das weite Feld der Beziehungen führt.

Jetzt wird’s interessant …

Also, in Paar-Konstellationen ist es doch oft so, dass einer von beiden die Dinge an sich reißt – Tennislehrer anrufen, neues Telefon bestellen, Gartenmöbel abschleifen – obwohl beide bereits in dem Moment, wo er sagt "Ich mach das", wissen: Das wird nix. Denn eigentlich hat er gar nicht die Zeit dafür oder nicht den Nerv – während der anderen Person so was leichtfällt.

Und dann?

Geht so ein Gezerre los darüber, wann was wie erledigt zu sein hat, ob überhaupt schon etwas angeschoben oder nicht doch – wie schon oft – vergessen wurde. Dann gibt es Streit, und erst dann wird im Zorn erledigt, was ursprünglich freiwillig übernommen wurde.

Kennst du schon diesen klassischen Pärchen-Prokrastinationswitz?

Nee. Raus damit!

Sagt einer von beiden: "Schatz, ich hab doch gesagt, dass ich den Rasen mähe. Da brauchst du mich nicht alle zwei Monate dran zu erinnern."

Haha! Genau!

Auch bei Paaren gilt natürlich: genau hingucken. Steckt vielleicht etwas ganz anderes hinter diesem Konflikt? Sind vielleicht die Prioritäten gar nicht geklärt? Will eine oder einer viel lieber einen englischen Rasen und der oder die andere eine wilde Blumenwiese? Darüber müsste man sich vielleicht mal verständigen.

Aber wenn beide dieselbe Rasenlänge bevorzugen, am Ende aber trotzdem niemand mäht?

Gibt es einen ganz einfachen Trick.

Und zwar?

Delegieren. Man kann viel mehr Aufgaben an andere abgeben, als man selbst meist für möglich hält. Und wenn man das nicht kann, hat man kein Prokrastinationsproblem, sondern ein Vertrauens- und Kontrollproblem.

Mein Reden!

Ich zitiere gern Tocotronic: "Was du auch tust, tu es nicht selbst." Das ist eine wichtige Erkenntnis: Je mehr an unangenehmen Aufgaben du delegieren kannst, desto größer ist deine Effizienz bei Sachen, die du machen möchtest – und vor allem: machen kannst. Und das gilt in der Arbeitswelt noch viel mehr als in Beziehungen.

Wieso?

Weil in Beziehungen die Masse der Verhandlungsgegenstände viel größer ist. Da ist das Geben und Nehmen vielfältiger, und wenn einer von beiden sagt: Du, Fahrradflicken ist nicht so mein Ding …

Ich! Ich! Ich!

… dann ist das schnell geklärt, dann macht derjenige eben was anderes Schönes. Im Job gibt es nur diese eine Sache, die Arbeit eben, der Verhandlungsspielraum wird kleiner dadurch. Ein Buchhalter kann sich nicht so leicht hinstellen und sagen: Echt jetzt, Leute, auf die Quartalszahlen habe ich so gar keinen Bock.

Meine Prokrastination weiß im Beruf übrigens ganz genau: Was kann ich, was muss ich am Ende wissen – und was kann ich mir an Spontaneität erlauben, damit der Job gut getan wird.

Du fasst damit ganz gut zusammen, was der Stand der Wissenschaft ist. Es gibt nämlich eine destruktive Prokrastination und eine effiziente. Und Letztere kennt dein Unterbewusstsein. Wenn du am Freitag einen Job hast, für den du eine Stunde Vorbereitung brauchst, wirst du dir diese nicht am Mittwoch nehmen, weil dein Unterbewusstsein sagt: Muss ich noch nicht. Erst mal Kaffee trinken im Park.

Aber weil ich mir das anders vorgenommen hatte, werde ich wieder sauer auf mich.

Dabei solltest du dieses innere Effizienzprogramm umarmen. Du kommst damit so gerade durch. Und das ist oft viel wichtiger, als einen Riesenaufriss zu machen. Sehen viele nur nicht, weil dann ins Spiel kommt, was du vorhin sagtest.

Was war das?

Dass Arbeit wehtun, dass sie schwer sein muss. Bei uns wird Arbeit immer noch mit Mühsal verbunden, wenn etwas leichtfällt, ist es automatisch nicht wertig.

Stimmt. Ich finde wirklich, dass es wehtun muss. Nur bei mir tut die Arbeit einfach nicht weh.

Weißt du, Prokrastination hat viel damit zu tun, dass man die eigenen Fähigkeiten oft zu gering einschätzt, dass man mehr Hindernisse sieht als Wege. Und deine Wege sind doch offensichtlich: Du kannst aus dir heraus mit nur wenig Hilfe Menschen glücklich machen. Wie toll ist das denn! Freu dich!

Ach, Sascha! Das war jetzt toll und sehr, sehr entlastend. Ich fühle mich gleich viel besser.

Sehr gern. Und wenn dieses Gefühl nachlässt, denk an einen banalen, aber extrem wichtiger Satz.

Und der geht wie?

Sehr vieles ist doch einfach egal.

Barbara

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