Scheidungshund: Und was wird jetzt aus mir?

Scheidungshunde gibt es mindestens so oft wie Scheidungskinder. Über sie spricht nur keiner. Das ändern wir und lassen einen Hund von der Scheidung berichten.

von Kirsten Mannshardt

Neulich Abend lag ich wie immer in meinem Körbchen. Alles schien zu sein wie immer. Wenige Minuten später wurde ich eines Besseren belehrt: Frauchen sprang wutentbrannt vom Sofa auf. Tränen rannen über ihr Gesicht und sie brüllte so laut, dass mir fast das Trommelfell platze: „Pack deine Sachen und verschwinde, du Arschloch!“ Herrchen lies schuldbewusst die Ohren hängen und beteuerte: „Ich liebe nur dich, ehrlich! Es war ein Fehler.“ Die Rede war von einem Ausrutscher, den er besser nicht begangen hätte. Mit anderen Worten: Er hatte seine Rute mit einem anderen Frauchen geteilt. 

Der Tag an dem ich zum Scheidungshund wurde

Frauchen weinte die ganze Nacht bitterlich, während Herrchen im Nebenzimmer schluchzend seine Sachen packte. Ich versuchte beiden etwas Trost zu spenden, indem ich zwischen ihnen hin und her pendelte. Irgendwie musste ich für beide da sein – auch, wenn ich die Tränen von Frauchen besser verstehen konnte. Man teilt seinen Knochen eben nicht gerne mit anderen. Das hätte Herrchen klar sein müssen.

Schlimmer als die Nacht, wurde nur der nächste Morgen. Völlig fertig von den durchheulten Stunden redeten beide kaum noch ein Wort miteinander. Ich war ständig gewillt zu bellen: "Reicht euch die Tatze, wir sind doch ein Rudel." Verstanden hätten sie mich eh nicht und die Sache war auch längst beschlossen, denn dieser Morgen war der Anfang vom Ende. Noch ein letztes Mal versuchte Herrchen das Ruder mit einem herzzerreißenden Hundeblick, den ich selber nicht besser hinbekommen hätte, rumzureißen bevor er die Tür hinter sich zuzog.

Vom Land in die Stadt: Ein Scheidungshund zieht um

In den darauffolgenden Wochen veränderte sich ziemlich viel. Ich wohnte jetzt bei meinem Herrchen in einer neuen Wohnung in der Stadt. Fußläufig zu seiner Arbeit. Das Haus im Grünen mit dem schönen Garten, in dem ich nach Herzenslust toben konnte, haben sie verkauft. Und zwar ziemlich genau fünf Wochen nach der Trennung. Dort wohnt jetzt eine andere Familie - deren Hund heißt Dschango. Ein totaler Draufgänger. Üble Vorstellung, dass ausgerechnet der jetzt über meinen Ex-Garten wacht. Aber das nur am Rande.

Frauchen will ein neues Leben – ohne mich

Mich hat niemand gefragt, bei wem ich lieber leben möchte. Warum auch? Ich hätte eh nicht antworten können. Da haben es die Erwachsenen für mich entschieden. Ich hatte dabei nur die Hoffnung, dass sich für mich nicht allzu viel ändern würde. Aber am Ende kam alles anders. Mein Frauchen – gebürtige Spanierin – entschied sich, zurück in ihre Heimat zu gehen. Weit weg von den Erinnerungen, die hinter jeder Ecke lauerten und zu denen auch ich gehörte. Sie liebte mich sehr. Das weiß ich genau. Wir verbrachten die Tage immer zusammen, waren ein eingespieltes Team. Morgens ging sie mit mir spazieren und ich begleitete sie zur Arbeit. Abends kuschelten wir auf dem Sofa und ich schlief an ihrem Fußende im Bett. Typisches Mutterhündchen eben. Ich hätte sie gerne nach Spanien begleitet, aber sie wollte einen Neustart und darin hatte ich als „Mitbringsel“ aus dem alten Dasein keinen Platz. Und das konnte ich verstehen. Mein Herz schmerzte trotzdem. Ich war jetzt ein Scheidungshund.

Mein Leben als Scheidungshund

Herrchen und ich haben uns mit der Zeit ziemlich gut arrangiert und daran gewöhnt, dass wir die Tage jetzt gemeinsam verbringen. Wir kommen mittlerweile sogar ziemlich gut miteinander aus, so als echtes Männergespann. Die (Hunde-)Ladies im Park finden uns auch immer ganz toll. Offengestanden tut es mir sogar ein bisschen leid, dass ich ihm früher ein bisschen zu wenig Beachtung geschenkt habe. Ich dachte immer, dass er mich nicht besonders mag. Heute weiß ich, dass es daran lag, dass er traurig war, dass ich meine Aufmerksamkeit meistens meinem Frauchen gewidmet habe.

Er bemüht sich wirklich sehr, mir mein Hundeleben so schön wie möglich zu machen. Am Wochenende machen wir immer tolle Spaziergänge. Wir toben und haben richtig viel Spaß. Und ein, zwei Leckerlies mehr am Tag sind auch drin. Frauchen war da immer sehr streng. Neulich Abend bin ich zum ersten Mal zum Kuscheln zu ihm auf die Couch gesprungen. Er hat mir über den Kopf gestrichen und gesagt „Ich hab dich lieb, Kleiner!“ Das war ein schöner Moment. Trotzdem denke ich noch oft an mein Frauchen. Und ich glaube, dass ich als Scheidungshund nie wirklich damit aufhören werde zu hoffen, dass sie eines Tages wieder zurückkommt und wir wieder eine Familie sind. Wer weiß... Vielleicht habe ich Glück und es wird passieren - und wenn es nur für einen kurzen Besuch ist.

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