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Schlafentzug Das Leben mit zwei Kindern

Schlafentzug: Erschöpfte Frau gießt Kaffee ein
© Tomsickova Tatyana / Shutterstock
Unsere Autorin hat zwei Kinder zur Welt gebracht. Und leider den allnächtlichen Schlafentzug gleich mit. Das macht müde, das macht mürbe – aber ein Gedanke muss jetzt raus.

Liebe Kinderschlaf-Sachverständige,

kleine Entschuldigung vorab: Ich bin leicht angespannt, reagiere vielleicht etwas über. Das liegt da­ran, dass ich schlecht geschlafen habe. Die letzten 1800 Nächte. Meine erste Tochter brauchte Jahre, um ohne Unterbrechungen zu schlafen, etwa so lange, bis die zweite auf die Welt kam – und die schaffte dann fast anderthalb Jahre lang kaum eine Stunde am Stück. Das war schlimm. Was mir in dieser Zeit aber den Rest gegeben hat, war die Frage: "Und, schläft es denn schon durch?", die mir mit einer verlässlichen Penetranz gestellt wurde, die kaum auszuhalten war.

Warum Schlafentzug eine Foltermethode ist, weiß ich. Und beneide jeden, der es nicht selbst erlebt hat. Oder könnt Ihr Euch vorstellen, wie es ist, wenn sich das Schlafzimmer in einen Ort des Schreckens verwandelt, an dem nach einem anstrengenden Tag keine Ruhe wartet, sondern der blanke Horror? Gebrüll, das sich in der Stille der Nacht mindestens fünfmal so laut anhört. Permanentes Hochschrecken. Wütend-schlaftrunkenes Durchkämmen der Wohnung auf der Suche nach dem letzten rettenden Be­ruhigungsschnuller im Haushalt.

Marmelade als Lösung?

Meine Kinder waren einfach dauernd wach. Beide. So oft, dass mir sogar mal empfohlen wurde, nach dem Ins-Bett-Bringen exzessiv Marmelade zu kochen, damit ich Stellung am Herd halten müsste (tolles Frauenbild, übrigens!) und gar nicht in dieses kontraproduktive Verhalten rutschen würde, immer wieder zu meinem weinenden Kind zu rennen. So als könne die Entscheidung dann instinktiv ja nur richtig ausfallen: für die Marmelade, gegen das Kind, klar! Im Nachhi­nein wundere ich mich, dass dieser bekloppte Vorschlag keinen "Falling Down"-Moment bei mir auslöste…

Wenn jemand über Monate nie in eine Tiefschlafphase kommt, verwandelt er sich in jemanden, mit dem man nicht befreundet sein will: reizbar, feindselig, humorlos. Schlafentzug bringt das Schlechteste im Menschen zum Vorschein. Nach Monaten, in denen ich mein Kind nachts summend durch die Wohnung getragen, wohltemperierte Milch gereicht und „Alles ist gut“ gemurmelt habe, war irgendwann gar nichts mehr gut. Mir sind Sätze passiert wie „Schnauze jetzt, es wird geschlafen!“, ich habe volle Milchflaschen an Wände gefeuert, unter der Daunendecke Schutz vor dem Geschrei gesucht – um dann mitsamt meinem schlechten Gewissen wieder hervorzukriechen und Trostkommando zu spielen. Ich habe meinen Mann beschimpft, obwohl der genauso müde war und auch nichts dafür konnte. Mir mein Leben ohne Kinder zurückgesehnt und überlegt, wem ich mit den beiden vielleicht eine Freude machen könnte.

Mein Akku? Komplett leer.

Tagsüber war ich so fertig, dass mir oft latent übel war. Der Boden schien sich unter meinen Füßen zu bewegen. Ich scheiterte daran, Formulare auszufüllen, weil ich die einfachsten Dinge nicht mehr verstand. Wenn mir jemand Hilfe bei irgendetwas angeboten hat, musste ich vor Rührung weinen. Es war einfach keine Energie mehr da – für Freundschaften, für Sex, für Spaß. Und nein, Osteopathie, Lavendelöl- fußmassage und Bachblüten konnten nicht helfen, leider.

Wenn dann jemand wissen wollte, ob das Kind jetzt schon durchschläft, hatte ich das Gefühl, versagt zu haben, selbst schuld an meinen Horrornächten zu sein. Denn die Frage ist an Erwartungen geknüpft, an Vorstellungen davon, wie es zu laufen hat mit einem Kind, wenn man als Mutter alles richtig macht. Sie ist eigentlich ein Vorwurf. Aus dem esoterisch orientierten Salzkristalllampen-Lager lautet der: Die Bindung ist nicht stark genug, so können die Kleinen nicht loslassen! Aus der schlaferzieherischen Hardliner-Fraktion: Du hast dein Kind nicht im Griff!

Wer mich also in den letzten Jahren mit so was genervt hat, ver- dankt es einzig meinem hohen Maß an Selbstbeherrschung, dass ich nicht ausgerastet bin. Liebe Fragesteller, Ihr werdet es nicht ge- ahnt haben, aber einige von Euch waren verdammt knapp davor, von mir auf offener Straße niederge­rungen und haltlos beschimpft zu werden. Das Allerschlimmste, was ich Euch jedoch hätte androhen können, wäre ein Übernachtungsbesuch bei mir. Aber das wünsche ich niemandem, wirklich: niemandem!

Herzlich Eure Lena Schindler.

BARBARA 50/2020

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