Schlimmer geht immer – Mein besoffenes Ich ist der Horror!

Unsere Autorin trinkt selten Alkohol. Das hat einen Grund: Denn wenn sie auch nur einen Tropfen zu viel hat, dreht sie durch. Dann lügt sie, wird aufdringlich und tanzt auf dem Tisch. Bis sie drunter liegt. Ein Geständnis. 

von Viola Kaiser

Es gibt da diesen Film, mit dem ich mein Leben lang erpressbar sein werde. Darauf mache ich zusammen mit zwei Freundinnen merkwürdige Bewegungen. Es ist kein Sextape, nein, es ist viel schlimmer: Wir versuchen Breakdance zu tanzen. Dafür probieren wir uns zu verrenken und soetwas wie einen Headspin zu machen oder einen Turtle – tatsächlich fallen wir aber nur auf den Kopf oder drehen uns wie hilflose Käfer auf dem Rücken herum. Wir dachten mit 2,5 Promille im Blut vermutlich, das sei cool. Dass ein Freund das Ganze gefilmt hat und uns bis heute damit droht, dieses Video auf Youtube hochzuladen, macht es übrigens nicht weniger schlimm. 

Allerdings ist das nur ein Beispiel dafür, wie ich so bin, wenn ich ein Getränk zu viel hatte. Ich erinnere mich daran, wie ich auf einer vollbesetzten Tanzfläche versuchte, mehreren mir nicht nicht bekannten Leuten zu erklären, wie man am besten auf ein Surfbrett steigt. Dafür legte ich mich auf den Boden und sprang wieder auf, etwa 100 mal. Beeindruckend fand das außer mir leider keiner. Am nächsten Tag hatte ich Muskelkater und ein kaputtes T-Shirt. Wenigstens hatte ich auch meinen Spaß und war nicht verletzt. Ich kann übrigens nicht surfen.

"Mein Umfeld schämt sich fremd"

Insgesamt werde ich unangenehm, größenwahnsinnig, unangebracht emotional, aggressiv, nervtötend und aufdringlich, wenn ich betrunken bin. Ich bin dann eine echte Nervensäge, zum Fremdschämen und superpeinlich. Nur Menschen, die mich aufrichtig lieben, finden das lustig. Alle anderen müssen auch manchmal lachen – zum Beispiel, wenn ich hinfalle. In der Regel schämt sich mein Umfeld aber eher fremd. Wenn ich Glück habe, versuche ich nur allen mitzuteilen, wie sehr ich sie liebe. Wenn es ganz schlecht läuft, halte ich es für passend, allen um mich herum mal so richtig die Meinung zu sagen. Zimperlich bin ich dabei nicht. Entweder mache ich Komplimente, die zu doll sind (ich wurde schon öfter für lesbisch gehalten, wenn ich Alkohol im Blut hatte) oder ich werde beleidigend. Egal in welche Richtung: Ich bin extrem. 

Das glaube ich zumindest. Denn ich trinke zwar nicht mehr oft, aber wenn ich mal richtig einen über den Durst kippe, erinnere ich mich oft nur an Bruchstücke. Weil ich ja auch nichts vertrage. 

"Manchmal küsse ich einfach wildfremde Menschen"

Eine neue Studie, von der ich kürzlich las, sagt aus, dass das betrunkene Ich das wahre Ich ist. In meinem Fall stimmt das ganz sicher nicht. Ich sage auch nicht die Wahrheit, ich lüge sogar oder übertreibe so stark, dass meine betrunkene Wahrheit eine sehr abgewandelte Wahrheit meiner nüchternen Wahrheit ist. Klingt kompliziert? Ist es auch. Einmal habe ich eine ganze Party lang allen erzählt, ich wäre Meeresbiologin und dabei Walgeräusche gemacht. Ein anderes Mal wurde ich rausgeworfen, weil ich dem DJ lautstark mit körperlichem Einsatz erklärt habe, dass er überhaupt keinen Geschmack hat – und er gefälligst mal "Coco Jambo" spielen soll. Manchmal küsse ich auch einfach wildfremde Menschen.

Ich frage mich selbst oft, warum ich mich auf einmal so benehme wie ich mich nach zehn Bier eben benehme. Das bin ja immer noch ich, auch wenn ich mit dieser versoffenen Person, die andere ohne Punkt und Komma vollquatscht und einen superschlechten Musikgeschmack hat, eigentlich nichts zu tun haben will. Grundsätzlich bin ich bestimmt auch nüchtern oft nervig, aber ich versuche Rücksicht auf andere zu nehmen, halte mich nicht für den Weltmeister aller Klassen und  "Coco Jambo" wäre das letzte Lied, das ich hören möchte. Abgesehen davon bin ich mir ohne Alkoholeinfluss bewusst darüber, dass ich nicht surfen, breakdancen und einfach fremde Menschen küssen kann.

Meistens bereue ich am nächsten Tag sehr, dass ich getrunken habe, weil mit der Kopf sogar schon nach zwei Weißweinschorlen schmerzt und die peinlichen Übergriffe meinerseits nicht deutlich weniger werden mit dem Alter. Am schlimmsten ist Schnaps, den darf ich gar nicht. Davon werde ich nicht nur komplett irre, sondern muss auch brechen. Trotzdem kann ich es nicht ganz lassen. Alle zwei Jahre trinke ich dann doch einfach zu viel, auch mit fast 40. Und manchmal, sehr, sehr, sehr selten, entstehen daraus sogar gute Dinge. Ich habe zum Beispiel einmal auf einer Party eine Band gegründet, als ich besoffen war. Damit bin ich nicht berühmt geworden, aber eins der Mitglieder ist mittlerweile eine sehr gute Freundin von mir.

"Ohne Alkohol wäre ich vielleicht nicht verheiratet"

Außerdem wäre ich ohne den Alkohol vielleicht nicht verheiratet. Ich traf meinen Mann nämlich auf einer Feier, auf der ich definitiv viel zu viel getankt hatte. Ich war gerade getrennt und hatte keinen Lust jemand Neues kennenzulernen. Weil es mir egal war, wie ich aussehe, trug ich drinnen meine riesige Daunenjacke, hatte fettige Haare und versuchte gerade wie MC Hammer im "U can't touch this"-Video zu tanzen. Natürlich alleine. Der Rest der Anwesenden hielt vorsichtshalber Abstand. Er hat mich trotzdem angesprochen und sich so als einzig wahrer Partner für mich gezeigt. Das muss echte Liebe sein. Zumindest wusste er von vornherein, worauf er sich einlässt. Er kannte schließlich mein betrunkenes Ich vor meinem wahren Ich. Glücklicherweise mag er beide. Auch wenn es meiner Meinung nach zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten sind.