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Schluss mit dem Gerenne und dem Stress. Oder besser doch nicht?

Schluss mit dem Gerenne und dem Stress. Oder besser doch nicht?
© Getty
Unsere Autorin rannte durch ihr Leben, eingekeilt zwischen Terminen, Jobs und anderen Pflichten. Dann hielt sie einfach mal an. Ein Traum, oder?
von Hannah S. Fricke

Jahrelang bin ich um mein Leben gerannt. Wie ein Hamster im Rad. Nächtelang lag ich wach. Aufgedreht. Ich konnte nicht einschlafen, weil ich immerzu nachdenken musste über das, was am Tag passiert war. Und am Tag davor. Und am Tag vor dem. Und was am nächsten Tag passieren würde. Und immer war was. Immer!

Ich hab zwar nicht geschlafen. Aber ich habe geträumt. Den Traum, den alle träumen, die immerzu rasen und rennen. Den Traum vom Stillstand. Einmal im Lotto gewinnen und morgens einfach liegen bleiben. Einfach nirgends sein müssen. Das war mein großer Traum.

Als ich klein war, da war die Welt noch in Ordnung. Ich konnte aufstehen, wenn ich ausgeschlafen war, und dann ging ich mit meinem Opa in den Park, wo wir uns mit seinen Freunden trafen, die Boule spielten und Kaffee tranken. Opa und seine Freunde waren die einzigen wirklich tiefenentspannten Menschen, die ich kannte. Und weil ich wissen wollte, warum, hab ich mal gefragt, was die so beruflich machen. Die Antwort war: „Rentner.“ Und das war ab sofort auch meine Antwort auf die Frage, was ich denn mal werden wolle, wenn ich groß bin.

Das Rad beginnt sich zu drehen

Ich hatte mich gerade an diesen angenehmen Gedanken gewöhnt, da brach er aus: der Ernst des Lebens. Und das Hamsterrad begann, sich zu drehen. Jeden Tag klingelte der Wecker. Jeden Tag brach danach eine unsägliche Hektik aus. Jeden Tag war was. Erst Kindergarten, dann Schule, später Uni und Arbeit. Ich bin ein ausgesprochen akkurater Mensch. Ich bin jemand, der Verantwortung übernimmt. Immer schon. Und dennoch war ich ein Turnbeutelvergesser. Allerdings erst am Morgen. In der Nacht davor hatte ich noch wach gelegen und daran gedacht. Ich hab auch an die Hausaufgaben gedacht. Immerzu. Ich hatte nur keine Zeit, sie zu machen. Weil irgendwie immer was war, und dann, weil meine Mutter das Licht ausgemacht hatte.

Später an der Uni hatte ich einen Terminkalender wie der Papst. Meine Kommilitonen machten sich über mich lustig, weil ich meine Tage zwischen Vorlesung, Arbeit und Zugverspätung minutiös plante. Ich hielt das für den Sprint. Dabei war das erst das Aufwärmen.

Hoffen, das es besser wird

In der nächsten Runde kam der Eintritt ins Erwerbsleben. Und damit die Jobs mit absurden Arbeitszeiten in Städten, zu denen Züge fuhren, die man erwischen musste. Und es kamen neue Aufgaben. Jeden Tag durch die Republik gurken. Jeden Tag mitten in der Nacht wie tot ins Bett fallen. Keine Zeit für den Supermarkt, keine Zeit für Freunde, keine Zeit, zum Friseur zu gehen. Lange Haare stehen mir sowieso besser. Und dazwischen: hoffen, dass es besser wird. Ganz bestimmt im nächsten Job. Ganz bestimmt senkt sich bald gnädige Ruhe über mich. Aber es kam immer ein neues Jahr. Und immer ein neuer Job. Was nicht kam, war Stillstand. Immerzu drehte sich alles, und ich drehte mich mit. Hatte Termine und Sparbücher, aber keine Zeit, mein Geld auszugeben.

Alles auf HALT

Und dann kam der Tag, an dem ich mich einfach aus der Kurve tragen ließ. Ich schmiss hin. Bämm. Das Rad blieb stehen. Nichts bewegte sich mehr. Der große paradiesische Friede! Keine Reisen. Keine Aufträge. Nichts, über das man nachdenken müsste. Ich war frei.

Der Ausstieg

Alles war so, wie ich es mir gewünscht hatte. Ich schlief. Ich hing rum. Alles, was ich heute hätte tun können, konnte ich auch morgen tun. Also ließ ich es ganz. Wann ich esse, ob ich esse, was ich esse – egal. Ob ich rausgehe, wohin ich gehe – egal. Ich lag bewegungslos im bewegungslosen Rad, einen ganzen Monat lang – und dann tat mir der Rücken weh. Mir war der Faden abhandengekommen, an dem mein Leben aufgefädelt war.

Und dann rief Anna an. Und sie heulte. Anna wollte heiraten. In drei Monaten. Und nichts war gemacht. Keine Zeit. Mission Impossible.

Und so machte ich mich an die Arbeit. Ich saß bis nach Mitternacht am Rechner und recherchierte Preise für Ballons, für Helium, für Mandelsäckchen aus China. Ich führte einen Lieferkalender, kaufte Tüll für die Deko und stellte mir den Wecker, um Angebote einholen zu können. Und wenn ich ins Bett ging, dann konnte ich nicht einschlafen, weil alles so toll war. Weil alles sich drehte, weil alles sich bewegte. Weil die Welt mich brauchte. Mich und meine schnellen Schuhe im Hamsterrad. Und ich war glücklich.

Das Rad, weiß ich jetzt, ist mein Freund. Es hält mich am Leben! Seit ich den Stillstand erlebt habe, weiß ich: Ich brauche das Rennen. Ich brauche, dass immer was passiert, immer was los ist, immer wer was will. Denn wenn ich nicht im Rad renne, dann komme ich unter die Räder.

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