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Schlussgemacht: Wenn Frauenfreundschaften enden

Frau traurig mit hängendem Kopf
© Getty Images
Vertraute und Beraterin, Kummerkasten und Komplizin: Kaum jemand ist wichtiger als die beste Freundin. Umso schmerzlicher, wenn die Freundschaft schleichend oder unerwartet zerbricht. In ihrem Buch "Aus und vorbei" schreibt Dorothee Röhrig über das Schlussmachen unter Frauen und wie man über die Trennung hinwegkommt. 

BARBARA.de: Frau Röhrig, was macht Frauenfreundschaften aus?

Dorothee Röhrig: Typischerweise auf jeden Fall das wunderbar altmodische Wort: Wohlwollen. Wenn die Grundlage ist, dass ich meiner Freundin Wohl will, ist schon mal ganz viel Freundschaft da. Wenn ich will, dass es ihr gut geht, auch wenn man sich mal gegenseitig reibt, dann funktioniert auch Freundschaft.

Beim Lesen des Buches hatte ich oft den Eindruck, eine solche Freundschaft zwischen Frauen ist teilweise noch wichtiger und bedeutender als die Beziehung zum Partner…

Das hat mich tatsächlich auch sehr überrascht, weil es wirklich einige Frauen gab, die sagten, der Verlust oder auch die Trennung von einer Freundin war schlimmer als die Trennung vom Partner. Und was auch auffällt: Wenn uns an unserem Partner etwas nicht passt, sagen wir es gleich, mit der Freundin sind wir total vorsichtig. Da ist eine große Verlustangst. Ich habe da wirklich Vokabeln gehört wie „Ich habe die wirklich geliebt“ oder „Es war Liebe auf den ersten Blick“. Das hat mich in der Intensität auch sehr überrascht.

Warum ist das so?

Buchcover
© PR

Meine Co-Autorin Audrey Lobo-Drost, die Bindungs-Expertin ist, sagte, dass eine Freundschaft unter Frauen oft durch eine Ausschließlichkeit, Enge und enorm intime Gefühle gekennzeichnet ist. Und das unterscheidet diese Freundschaft mitunter auch von der Partnerschaft mit einem Mann, weil Männer uns einfach gar nicht so exakt verstehen können, was natürlich auch ein Stück weit den Reiz ausmacht. Außerdem lassen wir bei einer Freundin auch sehr schnell unserer Schutzmechanismen weg, machen uns komplett nackig und damit natürlich auch verletzlich.    

Aber warum sind wir dann so vorsichtig und weniger direkt im Umgang mit unseren Freundinnen?

Je verbundener, desto größer die Verlustangst. Sie ist ja irgendwie ein Teil von mir und wenn der wegbricht, fühlt es sich wie eine Amputation an. Ich bin dann nicht mehr ganz, weil ich soviel mit ihr geteilt habe.

Woher rührt diese Verlustangst?

Ich denke, die rührt aus einer tieferen Unsicherheit, die wir vielleicht doch noch mehr in uns tragen, als wir es uns eingestehen wollen. Wir fühlen uns zu zweit einfach stärker. Obwohl wir im Job und in der Partnerschaft so viel leisten und selbstbewusst nach vorne gehen, ist in diesen intimsten, geheimen Gefühlen und Wünschen, die wir mit einer Freundin teilen, so viel Zerbrechlichkeit. Da legen wir die Masken ab. Frauenfreundschaften sind für mich etwas ganz Essentielles und umso schlimmer, wenn sie kaputt gehen.

Kommt daher auch der Argwohn anderen Frauen gegenüber? Beispielsweise im Job?

Wenn Frauen netzwerken wird das ganz oft sehr schnell sehr persönlich. Gleichzeitig begeben wir uns schneller in eine Konkurrenz oder auch Neid, nicht nur in Job und Karriere, sondern auch bei Männern, Kindern, im Mutter sein aber auch nach wie vor bezogen auf unser Aussehen. Männer tun das definitiv weniger. Uns fehlt vielleicht noch dieses bestimmte Gen, mit dem sich viele Männer zielsicher durchs Leben schlagen, ganz platt gesagt. Wir sind oft unsicher und vermischen oft persönliche Verbindungen mit sachlichem Inhalt. Wir müssen in die neue Rolle, die wir gesellschaftlich spielen wollen, sollen und auch müssen, erst hineinwachsen. Dieses ganz genuine Selbstbewusstsein, dass sich bei Männern über Tausende von Jahren entwickelt hat, haben wir noch nicht und müssen wir vielleicht auch nicht haben.

Hat die Freundschaft zwischen Frauen in der jüngeren Generation noch den gleichen Stellenwert oder sind das vielmehr Wegbegleiterinnen?

Ich glaube, dort ist der gemeinsame Weg noch nicht so lang, als dass man das beurteilen könnte. Oft zeigt sich ja auch erst in Krisen, ob die Freundschaft trägt. Nach einer Trennung oder Scheidung zum Beispiel braucht man wieder eine andere Intensität der Bindung in der Freundschaft, da geht’s dann eben nicht mehr nur um Party machen, sondern ums „Wer fängt mich auf?“ und bringt mir vielleicht auch mal eine Suppe vorbei, wenn ich mich abends schweineallein fühle.

Was sind die häufigsten Auslöser für Konflikte und zerbrechende Freundschaften unter Frauen?

Aus meiner Sicht ist der häufigste Grund, dass wir Konflikte vermeiden und so tun, als wäre nichts. Die Scheu vor dem Konflikt resultiert aus Verlustangst und die bringt uns auf der Zielgeraden in den Konflikt. Meist entlädt sich das auch immer mal wieder in kleinen, subtilen Gemeinheiten und Sticheleien. Das Ansprechen von Konflikten gehört für mich deshalb auch zu einer erwachsenen Freundschaft, einer Freundschaft auf Augenhöhe, dazu. Einer Freundschaft, in der man sich der anderen zumutet. Und dann kann man sprechen, um die Basis wieder gesund zu machen. Ein anderer Grund sind Neid und Konkurrenz, weil die Lebenswege das oft einfach mit sich bringen. Die eine gründet nach dem Studium eine Familie, arbeitet halbtags, kümmert sich viel um die Kinder und würde aber gern viel mehr arbeiten, die andere macht Karriere, wünscht sich aber vielleicht eigentlich auch einen Partner und Familie. Wenn man über solche Dinge nicht spricht und das wegdrückt, wird das immer größer.

Und dann kommt es zum großen Knall…

Naja, eine große Rolle spielt da sicherlich, dass wir uns sehr schnell öffnen, das Herz aufmachen und uns alles von der Seele reden. Damit macht man sich eben auch sehr verletzlich und auch angreifbar. Vor allem, wenn es um intime Details geht. Da gibt es dann eventuell eine Verschiebung im Machtverhältnis. Oft gibt es unter Frauenfreundschaften auch verschiedene Rollen: Die eine ist nicht selten die Ratgeberin und wenn die andere das dann nicht so macht, wie ihr gesagt wurde, kommt es zu Groll. Oft fehlen Erkenntnis und Akzeptanz, dass es sich ja um eine eigenständige Person handelt. Wir neigen zum Vermengen, ein bisschen mehr Distanz würde uns auch in den Freundschaften guttun. Nicht weniger Herz, aber vielleicht nicht gleich so volle Kanne reinsegeln und völlig frei von Verstand alles preisgeben.

Wie erhält man eine Freundschaft oder rettet sie?

Ganz viel Reflektion, ganz viel Kommunikation und auch den Mut, sich der anderen zuzumuten.

Und wenn die Freundschaft trotzdem scheitert?

Dann muss man keine Angst haben, dass man keine neue Freundin mehr findet. Das ist ein Märchen. Man muss nicht sein ganzes Leben und auch nicht den Großteil davon miteinander verbracht haben, um eine tiefe Freundschaft aufbauen zu können.

Dorothee Röhrig studierte Germanistik und war viele Jahre lang für verschiedene Frauen- und Publikumszeitschriften tätig. Sie war Gründungsmitglied und von 2009 bis 2015 Chefredakteurin bzw. Herausgeberin der Zeitschrift »Emotion«. Ihr erstes Buch "Die fünf magischen Momente" erschien 2016. Dorothee Röhrig ist Mutter einer Tochter und lebt mit ihrem Mann in Hamburg.

Dorothee Röhrig
© ©Sebastian Fuchs

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