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Selbstbild Schönheit ist relativ – So habe ich es gelernt

Schönheit ist relativ: Eine dunkelhäutige Frau mit Locken steht auf einem Feld und umarmt sich selbst
© Hector Roqueta / Shutterstock
Unsere Autorin musste ganz schön alt werden, um zu kapieren, dass Schönheit vollkommen relativ ist. Vor lauter Freude darüber hat sie sich sofort einen Bikini gekauft.

Vor Jahren hatte ich einmal beinahe ein Schlüsselerlebnis. Da war ich innerhalb einer Woche erst bei einer Modedesignerin und ihrer Entourage für ein Interview zu Gast und dann mit einer Freundin im Schwimmbad – erst im Pariser Atelier ein Rhinozeros unter Elfen, dann im Becken eine Poolnudel unter Bojen. Ein Jo-Jo-Effekt ohne jede Gewichtsschwankung. Mit einem After-Two-Babys-Body in Größe 42 bei knappen Einssiebzig hängt das Selbstbild eben stark davon ab, wer noch mit im Bild ist.

Kann ich mich nicht einfach gut finden?

In dem Moment hätte eigentlich der Groschen fallen sollen: Wenn Schönheit so relativ ist, kann ich mich dann nicht einfach gut finden, und alle anderen auch, egal ob XL oder Size Zero? Die ganze Fülle des Lebens? Aber statt meinen inneren Kritiker gefesselt und geknebelt über Bord zu werfen, fand ich weiterhin, ich könnte meinen Anblick in einem Bikini echt niemandem mehr zumuten. Nicht mal meinem Spiegel. Ich trug damals jahrelang brav Badeanzüge in gedeckten Farben, oberarmverhüllende Shirts, zeltartige Mäntel. Ich Dummerle dachte, das muss so. Aber ich war ja auch erst Ende 30, praktisch ein halbes Kind.

Und dann kam der Tag im Sommer 2021, als ich feststellte: Ich bin 51, also endlich alt genug, mir mal wieder einen Zweiteiler zu kaufen. Einfach, weil ich Lust darauf habe. Obwohl ich in der Zwischenzeit weder schöner noch dünner geworden bin und außerhalb jeder Konkurrenz um die Miss Beachbody laufe. Oder vielleicht gerade deswegen? Unter Umkleidekabinenoberlicht, mit FFP2-Maske im Gesicht und Corona-Speck auf den Schenkeln, entdeckte ich die Leichtigkeit des Loslassens. Und das lang vermisste Gefühl von Freiheit, wenn Luft an den Bauchnabel kommt. Mit über zehn Jahren Verspätung fiel der Groschen. Sofort buchte ich einen Slot im Freibad. Erst nach dem Besuch fiel mir auf, was fehlte: Ich hatte nicht ein Mal kritisch meine Silhouette beäugt, wenn ich an spiegelnden Glasscheiben vorbeilief. So wie mit 15, 25, 35. Ob sonst jemand geguckt hat, und wie? Egal. Vielleicht waren Blicke einmal eine gültige Währung. Aber das waren auch Zloty, Lire und Peseten. Was heute mehr Wert hat: wohlfühlen mit mir selbst.

Freude am Älterwerden

Der Sommer ist vorbei, der neue Bikini noch da und die Freude am Älterwerden auch. Klar pushen auch Buzzwords wie "Body Positivity" mein neues Selbstbewusstsein – wenn auf Instagram Körperformen Applaus bekommen, die nicht nach Diätmargarinewerbung aus den Neunzigern aussehen, fühle ich mich sichtbar in besserer Gesellschaft. Aber das gute Gefühl geht tiefer als der kurvenfreundliche Zeitgeist. Ein Teil davon ist pandemiebedingt: Wenn ein Virus Gesundheit und Leben bedroht, wird erst klar, wie dankbar man sein kann für einen Körper, der treu seinen Dienst tut. Der atmet und stoffwechselt und dabei seinen wichtigsten Teil spazieren trägt, den eigenen Kopf mit den eigenen Gedanken. Auch wenn er dabei nicht immer bella figura macht. Ein anderer Teil ist Corona-unabhängig: Ich achte besser auf meine Energiebilanz. Denn Energie verschwendet, das habe ich in den letzten Jahrzehnten mehr als genug. Mit erfolglosen Versuchen, mich in eine Form zu zwängen, die mir nicht entspricht. Oder damit, mich darüber zu grämen.

Stattdessen gehe ich mit 70 Kilo Leichtigkeit durchs Leben. Und nicht mehr mit untertänigem Gefühl und der Frage shoppen: "Ist mein armseliger Körper gut genug für diesen oder jenen Schnitt, für diese oder jene Länge?" Sondern mit einer königlichen Attitüde: "Na, ihr Teilchen, seid ihr denn auch schön genug für mich?"

Barbara

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