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Kolumne Sehhilfe ahoi! Ein ungetrübter Blick auf das Älterwerden

Björn Krause:eine Frau probiert vor dem Spiegel eine neue Brille auf
© Branislav Nenin / Shutterstock
Vorsicht: Unser Kolumnist schaut mal wieder ganz genau hin. Nichts trübt seinen Blick. Auch nicht die Tatsache, dass er dafür nun eine Sehhilfe benötigt.

Zwinkern, blinzeln, Augenschlitze. Bekannte Gesichter schemenhaft verquirlt zu einer teigigen Masse der Anonymität. Es ist so weit: Einsicht führt zur Besserung, Kurzsicht zum Optiker. Dort habe ich bis eben ein Auge zugedrückt vor einer dieser Tafeln mit Zahlen, die sich doch als Buchstaben herausstellen. Brauche keine Brille, sagt der Fachmann. Brauche zwei Brillen. Gleichzeitig kurz- und alterssichtig. Ersteres klingt beleidigend, Letzteres deprimierend. Ein anderes Wort dafür: Altersweitsicht. Weitsicht – das hat was Positives, Vorausschauendes. Bedeutet aber nur, dass die Linsenelastizität nachlässt und sich Objekte, die gerade noch scharf gesehen werden können, in die Ferne rücken. Mit 40 ging es los, dass ich Speisekarten, Beipackzettel, Zeitungen immer weiter von mir weghalten musste. Jetzt sind meine Arme zu kurz. Denke über Gleitsicht nach. Ein Meilenstein ist das, wie das erste Barthaar, der Führerschein, die Jungfräulichkeit verlieren. Nur in frustrierend. Was kommt als Nächstes: Prostataprobleme, Tonsur, Gehstock, Hörgerät, Tauben im Stadtpark füttern? Vor meinem geistigen Auge: ein Klassenkamerad von früher, Brillenschlange Bastian. Gläser trug Bastian, dick wie Legosteine waren die. Bei Sonnenschein hatten alle Angst, er würde die Schule abfackeln. Wie schlimm wird es? Der Optiker schiebt zwei dünne Gläser in ein Brillengestell und setzt es mir auf die Nase. "Wie ist das?"

Endlich klare Sicht

Fassungslosigkeit! Nicht beim Gestell, bei mir. Als hätte ich bis eben die Welt durch eine Plastiktüte betrachtet! Brille hoch, Brille runter. Hoch, runter. Hoch. R-u-n-t-e-r. Eine weich gezeichnete Welt ohne harten Kontrast und klare Konturen, in der alles organisch miteinander verbunden zu sein schien, ist nun gestochen scharf: Auf dem Dach des Hauses gegenüber erkenne ich jeden Ziegelstein. Der Optiker hat Sommersprossen. Eine Mücke lächelt mir zu.

Eben noch Maulwurf, jetzt Superman. Wieso trägt Clark Kent die Brille? Ich muss, muss, muss unbedingt verglast werden. Überhaupt sind Sehhilfen total angesagt – bei Schauspielern, Sportlern, Sängern etwa. So angesagt, dass eine Bekannte von mir eine Fake Brille mit Fensterglas trägt – ein seiner Funktion beraubtes Accessoire.

Männer tragen vorrangig, was funktioniert: Uhren, weil sie die Zeit anzeigen, Cargohosen wegen der vielen Taschen, Regenjacken, weil sie wasserdicht sind. Macht einfach mehr Sinn. Also auf weite Sicht.

Björn Krause ist erneut klar geworden: Er betrachtet die Dinge am liebsten durch seine eigene Brille.

Barbara

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