Selbstversuch: So hart ist es, Pflegerin zu sein

Flüchtige Omis, Schichtdienst, Ekelwunden. Redakteurin Jana Felgenhauer hat sich vier Tage lang als Krankenpflegerin in einer norddeutschen Klinik versucht. Gar nicht so leicht.

Hier schreibt Jana Felgenhauer

Da vorn läuft eine Frau in Windel herum, soll das so?“, fragt eine Besucherin. Ich renne den Gang herunter und sehe Frau Karl*, nackte Beine, rosa Pulli, fliegendes weißes Haar, vor der Station herumirren. Sie lässt sich nicht wieder ins Zimmer bringen, besteht darauf, mir etwas zu zeigen: die Kälber, den Vater.

Vier Tage lang bin ich Praktikantin in der „Schön Klinik Neustadt“ an der Ostsee. Neustadt, ein Ort, an dem ein voller Hundekotbeutel und eine leere Flasche „Feigling“ auf dem Gehweg das Unerhörteste sind und Taxifahrer Menschen routinemäßig vom Bahnhof zur Klinik karren. Ich bin auf der Station für Inneres – Herz, Nieren, Lunge, Darm ... In den Patienten stecken Schläuche, Infusionen gluckern und draußen vor dem Fenster das Meer. Möwengeschrei, ab und an Helikopterlärm. Ich trage weiße Schwesternkluft, die mich sofort zu einem geschlechtsneutralen Versorgergeist macht, Aufgabe: Blutdruck messen, nicht hochtreiben.

Genervt, statt geduldig

Frau Karl ist um die 90, schwer demenzkrank und lebt eigentlich im Altenheim. Früher war sie Bäuerin, erschließe ich mir aus den Bruchstücken unserer Unterhaltung. Ich bringe sie zurück, sie haut wieder ab, ich hinterher. Sie ist wütend und beschimpft mich, ich bin genervt, dabei sollte ich doch geduldig sein.

Pfleger und Stationsleiter Tommy Lotze, 35, und ich machen eine Runde. Er erklärt mir, wie man Fieber, Blutdruck und Blutzucker misst, Thrombosespritzen in Bauchfett drückt. Er ist Meister im Pflegersprech. Selbst maximal indiskreten Fragen wie „Hatten Sie heute schon Stuhlgang?“ verleiht er einen zärtlichen Tonfall.

Herr Lohse aber versteht gar nichts. Die Batterie in seinem Hörgerät ist leer. Wir geben ihm eine neue, und jetzt strahlt er uns mit seinen schelmischen Augen an, die eine Ahnung davon geben, wie jung er mal war. Im nächsten Zimmer muss ein Po geputzt werden, eine Kollegin hilft. Ich stehe nur da und habe unendlich Mitleid mit dem Mann, der nicht mehr allein aufs Klo kann, weil er einen Schlaganfall hatte.

Plötzlich im Reich der Bettpfannen

In Krankenhäusern wird der Wahnsinn des Daseins deutlich. Viele sind einfach steinalt, andere werden in der Mitte ihres Lebens aus dem Hamsterrad geschleudert. Job, Familie, Eisschlecken im Urlaub – und plötzlich im Reich der Bettpfannen. Alles fließt hier zäh: Leute stolpern auf Krücken herum, Rollstühle krächzen vorbei, Pfleger ruckeln Betten über den Gang. Manchmal ist es nur ein Kratzer, woanders lautet die Diagnose Totalschaden. Tommy Lotze und ich tragen nun Kittel, Mundschutz und Handschuhe und sehen aus wie Seuchenschutzbeauftragte. Auf dem Bett liegt ein Mann, der sich in einer Rehaklinik eine Stelle am Hintern wundgelegen hat. Ich halte Abstand, aus Respekt und, nun ja, aus Angst. Tommy sagt: „Geh mal näher ran.“ Die Diagnose heißt Dekubitus und erinnert an Mett auf Blutwurst. Mit sechs Zentimetern Durchmesser ist das hier noch ein kleines Exemplar. Der Chirurg sitzt am Bett, ein Skalpell in der Hand. Er schneidet das tote Gewebe aus der Wunde und fummelt eine Mullbinde in das Loch. Ich stelle viele Fragen, um mich abzulenken, denn ich finde das Gemetzel ziemlich ekelhaft, hefte mir aber innerlich einen Orden an, dass ich nicht umkippe. Ich sei „tapfer“ gewesen, sagt Tommy hinterher. Trotzdem würde es mich nicht wundern, sollte mich nun in meinen Albträumen ein spitzzahniger Dekubitus durch dunkle Krankenhausflure jagen.

Mit 58 Jahren Krebs im Endstadium 

Im Nebenzimmer liegt eine Frau mit Krebs im Endstadium. Sie ist 58, so alt wie meine Mutter. Frau Vogel ist eine lässige Frau im Karohemd, hat schöne blaue Augen. Haare hat sie keine mehr, aber einen Beatmungsschlauch und mehrere Medikamentenbecher mit Stoff gegen die Schmerzen. An ihrem Bett sitzt der Ehemann, rot verweint. 40 Jahre sind sie zusammen. „Wir waren immer eine Symbiose“, sagt Frau Vogel. „Um ihn tut es mir am meisten leid.“ Ihre Bettnachbarin ist fitte 94 Jahre alt, Ringelpulli, grauer Bob, geschätzte 75. So würfelt das Leben: Der eine darf viele Runden drehen, der andere wird zeitig aus dem Spiel geworfen. Auch mir ist zum Heulen, ich bin froh, schnell wieder aus dem Zimmer gehen zu können. Noch mehr Tränen braucht hier niemand.

Zur Mittagszeit herrscht im Schwesternzimmer professionelles Gewusel: Tabletten sortieren, Anrufe annehmen, ein Patient muss ins MRT, ein anderer zur Darmspiegelung. Jemand vermisst sein Gebiss. Der Monitor, über den die Herzfrequenzen von Überwachungspatienten flimmern, fiept. Einige Schwestern sitzen zur Schichtübergabe in der Küche. Standardinfos wie „38 Grad rektal“ oder „Zucker unauffällig“ fliegen herum, aber auch: „Das kam im Strahl, wie bei der Feuerwehr“ und „Wenn er dir komisch vorkommt, hat er erhöhten Hirndruck“. Was salopp klingt, ist für Krankenschwestern Alltag. Humor hilft. Deshalb hängt am Spind auch eine Postkarte mit dem Spruch: „Lieber zwei Promille als gar keine inneren Werte.“

Zehn bis 12 Patienten und eine Pflegekraft

Auf dieser Station betreut eine Pflegekraft zehn bis zwölf Patienten, 40 Betten gibt es. Woanders ist eine Pflegekraft an Wochenenden manchmal für 20 Patienten zuständig. „Da schafft man nie alles, das ist total frustrierend“, sagt Kim, die auch in anderen Krankenhäusern arbeitet. Oft gehe es nur noch um Grundversorgung: Medikamente, Essen, keine Zeit zum Waschen, für Gespräche schon gar nicht. In Deutschland fehlen etwa 80 000 Krankenpfleger und 30 000 Altenpfleger. Seit es keine Zivis mehr gibt, gehen die Bewerberzahlen stetig zurück. Auch die mobilen Pflegedienste sind überlastet, vielleicht der Grund, weshalb heute eine demente Frau eingeliefert wird, die nach einem Sturz zwei Tage lang in ihrer Badewanne lag.

In der 6-Uhr-Schicht putze ich Zahnprothesen, reiche Kämme und helfe den Patienten beim Waschen. Die meisten machen Schnurrgeräusche, wenn man ihren Rücken schrubbt. Später gibt es viel Gemecker, das Wetter ist schlecht, die Laune auch. Die Urinflasche ist noch nicht ausgeleert, das Essen kommt angeblich zu spät. Tommy, der früher mal Theologie studiert hat, bewahrt Ruhe. „Ich behandle jeden so, als sei er mein Angehöriger“, sagt er. Sein emotionalstes Erlebnis bringt ihn heute noch durch nervige Tage. Eine Frau hatte einen Hirnschlag erlitten, lag bewegungslos im Bett. Er saß an ihrer Seite, sprach mit ihr, feilte ihre Nägel. Als sie dann irgendwann die Klinik doch wieder verlassen konnte, sagte sie zu ihm: „Ohne Sie hätte ich nicht überlebt.“

Es warten nur Graubrot und dünner Kafffee

An meinem letzten Tag bin ich beinahe routiniert beim Blutzuckermessen und Thrombosespritzensetzen, nur Blutdruckmessen kann ich nicht. Ich veranstalte ein fröhliches Ratespiel, Tommy misst lieber einmal nach. Meine Krankenschwesterwitze aber funktionieren. Nach dem Blutzucker-Pikser in den Finger rate ich meinen Patienten: „Fest den Tupfer draufdrücken, damit Sie mir nicht verbluten.“ Rentnerlächeln. Ich gebe gern Spritzen, obwohl eine Frau behauptet: „Bei der anderen Schwester hat es weniger wehgetan.“

Auf dem Gang kommt mir Herr Wagner entgegen, ein netter älterer Herr in Jeans und Pullunder. Er habe einen sehr wichtigen Termin. Alles klar, denke ich, hake mich bei ihm ein und begleite ihn zurück aufs Zimmer. Eine halbe Stunde später sucht ihn die halbe Station. Jemand findet ihn draußen, weil ihm die schlaue Sekretärin einen Sticker auf den Rücken gepappt hat: Name und Stationsnummer.

Schon traurig. Man selbst glaubt, wichtige Termine zu haben, während alle anderen wissen, dass nur Graubrot und ein dünner Kaffee auf einen warten. Darüber könnte man nun verbittern oder sich eben freuen, dass es Menschen gibt, die bereit sind, sich um einen zu kümmern.

Noch Wochen später bin ich melancholisch. Ich habe eine Sinnkrise und google „Schlaganfall“, als mir leichte Kopfschmerzen kommen. Ich frage meine Mutter, ob sie schon bei der Krebsvorsorge war und bin extra geduldig mit meiner Oma, die mir zehn Mal erzählt, wie groß die Kirschbäume im Garten geworden sind.

Ich frage Tommy, wie es den Patienten geht, vor allem Frau Vogel. Sie sei kurz nach meinem Praktikum gestorben, sagt er. Eine Krankenschwester hielt ihre Hand.


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