Sex im Freien: Hilfe, da piekst was in den Po!

Der Frühling ist da. Und mit ihm blüht auch das Klischee wieder auf, Sex im Freien sei das Nonplusultra. Unser Autor hat sich in die Büsche geschlagen und meint: Wer den romantischen Firlefanz weglässt, kann tatsächlich viel Spaß haben

von Björn Krause

Draußen im Grünen – knackende Zweige unter den Füßen und über dem Kopf ein Blätterdach aus Buchen, Erlen, Eschen, gestreichelt von einer sanften Brise. Frische Luft, raschelnde Kronen, durchbrochen von dem Licht der Nachmittagssonne. Rotkehlchen sind zu hören, Waldlaubsänger und Misteldrosseln. Bäche gibt es dort im Naturschutzgebiet, kalte Quellen und bemooste Steine. Und einen blanken Hintern.

Er gehört zu meiner Freundin, die liegt gerade vor mir, nackt, zwischen all ihren Kleidungsstücken und meinen, auf einer karierten Thermodecke (Stichwort Blasenentzündung!). Daneben ein Picknickkorb mit geblümtem Geschirr, Pumpernickelschnittchen, aufgespießten Obst- und Gemüsehäppchen sowie ein, zwei, drei geleerten Piccolo-Fläschchen. Die Stimmung ist entsprechend entspannt, die Angst, gesehen zu werden, verflogen wie ein lustvoll gehauchter Kosename im Wind. 

Sex im Freien: Zwischen Busch und Ungeziefer

„Was hältst du davon, wenn ich dir hier ...“ – „Hihi.“ – „Oder dort ...“ – „Hui!“

Ich weiß, ich sollte in diesem Moment an nichts anderes denken als an die Verschmelzung zweier Körper. Stattdessen drehen sich meine Gedanken nur um eine einzige Frage: Hatte ihr Oberschenkel heute Morgen denn auch schon ein Muttermal an dieser Stelle? Und wenn dieser kleine schwarze Punkt kein Pigmentfleck ist, was ist er dann? Gehe näher ran und erkenne, dass der Fleck Beine hat, einen Körper, aber keinen Kopf. Der steckt nämlich im Bein."Ist das etwa eine Zecke?".

Panisch schaue ich auch an mir herunter, drehe und wende, was ich eben noch erwartungsvoll in der Hand gehalten hatte, schiebe dieses hoch und jenes zur Seite wie ein Urologe, beuge mich vor dabei, weit hinunter, um zu kontrollieren, ob dieser empfindsame Bereich bitte, bitte, bitte verschont geblieben ist von parasitärem Befall. Wie unsexy ein Mann aussehen kann – nur die Bäume sind meine stummen Zeugen.

Nun dreht sich meine Freundin um, fragt, was das bitte werden soll, wenn es fertig ist, und in diesem Moment ist klar, dass hier keiner von uns fertig werden wird. Dass wir ganz schnell unser romantisches Picknick beenden und unsere Sachen anziehen und packen werden, um auf direktem Weg in der nächsten Apotheke eine Zeckenzange zu besorgen.

Sex überall - nur nicht Zuhause

Derweil versucht meine Freundin, von einem Bein aufs andere hüpfend und im Kreis um sich selbst drehend, einen Blick auf ihre Rückseite zu werfen. Eulen können das. Sie nicht. Ich spüre inzwischen so etwas wie ein Phantomjucken. Denn es ist nichts zu erkennen, aber überall brennt, kribbelt, beißt es auf meiner Haut, als würde sämtliches krabbelnde, kriechende, fleuchende Getier des Unterwaldes auf meinem Körper Polka tanzen. Uns reicht’s.

Der Ausflug in den Wald war nicht der erste Versuch, uns an einem Ort nah zu sein, an dem hinterher keine Kissen aufgeschüttelt werden. Wir hatten bereits einiges ausprobiert. Mehr oder weniger geplant. Mehr oder weniger erfolgreich. Alle tun immer so, als wäre eine Nummer nur dann besonders, wenn sie nicht zu Hause stattfindet. Nicht im eigenen Bett, dort, wo es die Spießer mit den Mauerblümchen tun – kurz vor dem Schlafen und direkt nach dem Zähneputzen. Rückblickend glaube ich mich zu erinnern, die ein oder andere prickelnde Erfahrung außerhalb der eigenen Komfortzone gemacht zu haben. Aber das ist lange her, ich war fast noch ein Teenager oder, sagen wir, gerade so ein junger Mann, dem es nichts ausmachte, sich in einem Corsa das Kreuz zu verrenken, solange es hinterher etwas zu erzählen gab. Ehrlich gesagt war die Geschichte meist besser als das eigentliche Erlebnis.

Ist Sex im Freien eigentlich strafbar?

Wie ist das heute? Mit 40? Wie ist es, als erwachsener Mann mit einer erwachsenen Frau etwas zu tun, das verboten ist – ich hab’s gegoogelt –, also laut § 183a im StGB eine Straftat ist, die mit bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe oder einer hohen Geldbuße geahndet wird? Finden wir es heraus, hatte meine Freundin gesagt. Und lassen wir uns dabei besser nicht erwischen. Ein guter Plan.

Im Whirlpool einer Saunalandschaft haben wir uns herangetastet, wie frisch verliebte Teenager fummelten wir unter den Blubberblasen, jede Sekunde darauf bedacht, nicht auffällig zu sein – was natürlich vor allem eines war: auffällig. Dennoch waren wir drauf und dran, etwas zu tun, das uns ein Hausverbot hätte bescheren können. Hätten wir nicht just ein Paar darüber reden hören, dass sich im warmen Wasser eines Jacuzzis eine beachtliche Zahl an Bakterien tummelt. Und dass eben diese zu juckenden Pickeln und eitrig entzündeten Haarfollikeln führen können. Unsere Lust war im Keim erstickt. Der weiße Hai hätte sie nicht schneller töten können. In dieser Woche hatten wir jedenfalls keinen Sex mehr.

Im Kornfeld miteinander schlafen?

Ähnlich schnell vorbei war unser Abenteuer in einem Kornfeld. Dies lag ein bisschen an der Sorge, von einem Mähdrescher zerhäckselt zu werden, ein wenig auch an dem Ohrwurm von Jürgen Drews: "Ein Bett im Kornfeld, das ist immer frei“. Aber vor allem war mein Heuschnupfen schuld, der dafür sorgte, dass lediglich meine Augen schwollen. Auf eine stattliche Größe zwar, was meine Freundin allerdings kaum beeindruckte und noch weniger reizte, mich dafür aber umso mehr. Den Rest des Tages lag ich zu Hause im Bett mit einem nassen Lappen auf dem Gesicht. „Denn es ist Sommer, und was ist schon dabei?“

Zwei Wochen später dann der nächste Versuch beim Campen, also in einem Zelt, von der Außenwelt lediglich getrennt durch einen dünnen Stoff, der gerade mal mittelgroße Tiere, leichten Nieselregen und Frischluft davon abhält, einzudringen. Jedoch andersherum nicht verhindert, dass Geräusche nach draußen gelangen.

Zugegeben, es hatte einen gewissen Reiz, die Erregung zumindest in seiner akustischen Ausprägung zu unterdrücken. Aber es ging nicht nur ums Stöhnen, denn alles andere macht ja auch Geräusche. Der Versuch, im Liegen würdevoll aus seiner Hose zu steigen, zum Beispiel. Oder die quietschende Luftmatratze, die erst unter uns lag, dann neben uns und von da an nur noch im Weg war. Und dann dieses Geräusch, das entsteht, wenn Haut und Haut mit Schwung aufeinandertreffen. Im Glauben, mit jeder unserer Bewegungen ein verräterisches Geräusch zu erzeugen, quälte mich die Vorstellung, dass ein halbes Dutzend Camper auf Plastikstühlen im Halbkreis um unser Zelt säße wie vor einer Leinwand bei einem Champions-League-Endspiel. Nur darauf wartend, zu applaudieren, während ihnen beim Grunzen das Bier aus der Nase schwappt. Unser Spiel war vorbei. Keine Nachspielzeit.

Oder Sex auf dem Supermarkt-Parkplatz?

Der Fehler, da bin ich mir sicher, lag darin, außerhalb der eigenen vier Wände romantischen Sex haben zu wollen. Mit Sekt, Kuscheldecke, flackerndem Licht. Aber dafür braucht es keine Kerzen, es braucht vor allem Entspannung. Und Zeit.

Ich glaube, es ist kein Zufall, dass das einzige Erlebnis, bei dem wir Konfetti im Kopf hatten, ein spontaner Impuls war und in einer Umgebung stattfand, in der Romantik überhaupt keine Rolle spielte: auf dem Parkplatz eines Supermarktes.

An einem solchen Ort Sex zu haben bedeutet vor allem eines: dass es dringend ist, sofort sein muss, dass es keine Zeit gibt für ein Vorspiel – oder um wenigstens ins Auto zu steigen. Wenn Einkaufstüten zu Boden fallen, Obst und Gemüse über den Asphalt kullern und nur der nötigste Stoff zur Seite geschoben wird, dann ist das keine Romantik, sondern Geilheit. Was ganz, ganz furchtbar klingt, ja, aber auch furchtbar toll sein kann. In diesem Moment, es waren wenige Sekunden, ging es nur darum, dass der Blitz einschlägt, um Entladung, die pure Befriedigung der Lust. Fernab von zwitschernden Vögeln und zirpenden Grillen war dieser Moment wohl so etwas wie eine Naturgewalt.

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