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„In jeden guten Haushalt gehört eine Tube Gleitgel und ein Vibrator“

„In jeden guten Haushalt gehört eine Tube Gleitgel und ein Vibrator“
© Regine Thoeren (Besitzerin vom Frauenerotikladen Lady`s Toys in Köln) Foto: Jan Tepass / Privat
Regine Thoeren, 61, betreibt Deutschlands einzigen Sexshop nur für Frauen. Hier erzählt sie, was die Frauen umtreibt, warum ein Vibrator besser ist als jeder Finger und was wir alle einmal ausprobieren sollten
von Nele Justus

BARBARA: Einen Sexshop nur für Frauen. Warum braucht man den?

Regine Thoeren: Ich zähle selber zu den Frauen, die sich nie in einen Sexshop getraut haben. Deswegen wollte ich einen Schutzraum erschaffen, in dem Frauen Fragen stellen und über ihre Wünsche und Phantasien reden können. Bei uns gibt es weder Kabinen noch ein verstecktes Kino. Statt Bilder von Frauen in Lackstiefeln hängt bei uns eine süße Mollige an der Wand.

Wird der Schutzraum angenommen?

Ja, auch wenn manche Kundinnen einen längeren Anlauf brauchen, um bei uns zur Tür hereinzuschauen. Wir Frauen reden anders, wenn kein Mann dabei ist. Viel ehrlicher. Die Scham tritt in den Hintergrund. Außerdem sprechen meine Kolleginnen und ich klar und sachlich aus, was wir denken, fühlen und meinen. Das hilft, die Dinge ans Licht zu bringen und sich selber mehr zu erlauben.

Was hören Sie am allerhäufigsten?

Dass Frauen keinen Orgasmus bekommen, wenn sie mit ihrem Freund schlafen. Dann antworte ich: „Willkommen im Club! 98 Prozent aller Frauen erleben das nicht.“ Die Betroffenen sind dann augenblicklich erleichtert, das sieht man sofort. Sie haben jahrelang gedacht, sie seien frigide oder nicht normal und haben sich gefragt, was falsch sei mit ihnen. Nur durch Penetration zum Höhepunkt zu kommen, ist und bleibt eine Seltenheit. Darüber klären wir immer wieder gerne auf. Die Lesben brauchen da allerdings weniger Aufklärung, weil Frau weiß, was Frau braucht.

Was raten Sie Frauen, denen es schwer fällt zum Orgasmus zu kommen?

Ich bin der Meinung, in jeden anständigen Haushalt gehört ein Vibrator und ein Gleitgel. Ein Motor kann einfach mehr als ein Finger, das ist schon das ganze Geheimnis. Wenn man miteinander schläft, kommt die Klitoris fast immer zu kurz. Hält die Frau einen Vibrator an die Klitoris, kommt sie mit größerer Wahrscheinlichkeit und der Mann spürt die Vibration wie eine kleine Massage.

Fühlen die Männer den Vibrator nicht als Konkurrenz?

Das kommt drauf an, ob sie es ausprobiert haben: Letztens hat mir ein Mann gesagt: „Wenn ich gewusst hätte, wie schön es ist einen Vibrator ins Liebesspiel mit einzubauen, hätte ich schon mit 18 einen gekauft!“ Dafür braucht man natürlich erst einmal jemanden, der bereit ist, diesen Schritt mit einem zu wagen. Viele Männer fühlen sich in ihrer Männlichkeit gekränkt, oder sind verunsichert wenn man Sextoys zur Sprache bringt. Das habe ich persönlich auch erlebt.

Masturbieren deswegen viele Frauen heimlich?

Ja. Zu mir in den Laden kommen viele Frauen, die sich einen Vibrator kaufen und ihn zu Hause in der Schublade verstecken. Das ist  verständlich. Die wenigsten Paare schaffen es, über Sexualität zu sprechen, ohne dass sich einer von beiden verletzt fühlt. Das ist ein heikles und ungeübtes Thema. So bleiben viele Paare sprachlos. Und aus der Sprachlosigkeit wird oft Lustlosigkeit. Hinzu kommt dieser Druck.

„In jeden guten Haushalt gehört eine Tube Gleitgel und ein Vibrator“
© Jan Tepass / Privat

Welcher Druck?

Der Druck zum Ziel zu kommen. Den machen wir Frauen uns gern. Auch weil wir dem Partner beweisen wollen, dass er alles toll hinbekommt. Aber wenn ich mich unter Druck setze, um einen Orgasmus zu kriegen, bekomme ich nur einen roten Kopf. Da kann ich genauso gut in die Küche gehen und mir ein Butterbrot schmieren. Der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist: Die Männer kommen nach zwei Minuten und wir manchmal nach einer Stunde noch nicht. Deswegen sage ich zu den Männern: Holt die Frauen da ab, wo sie in dem Augenblick sind. Wir brauchen manchmal eure Hilfe. Wenn ihr meint, ihr seid langsam, seid ihr noch zu schnell.

Wie bekommt man den Druck aus den Köpfen raus?

Indem wir uns füreinander Zeit nehmen und in die absichtslose Berührung gehen. Das ist vollkommen in Vergessenheit geraten. Es geht eben nicht darum, irgendwelche Knöpfe zu bedienen. Der Start in die Lust ist, aus seinem Kopf herauszukommen. Dafür brauchen wir Geduld und Respekt und Aufmerksamkeit. Dazu gehört, sich mal wieder gegenseitig zu baden, zu küssen, zu streicheln, sich einzuölen.

Heute sind wir von Sex umgeben. In Filmen, der Werbung, Büchern. Macht das die Frauen nicht offener und experimentierfreudiger

Vielleicht etwas. Aber es ist ein langer Weg, den jede Einzelne von uns individuell geht. Außerdem bekommen wir ja ein völlig falsches Bild vorgespielt. In den Medien ist Sex erfolgreich. Da können wir immer und wollen immer und kommen immer. Manchmal kommen Schulklassen hier her. Was ich da feststellen kann: Die Jugendlichen können alles benennen, wissen, was man miteinander machen kann – aber sie fühlen die Dinge nicht. Sich das Fühlen zu erlauben und genau das auszudrücken, was man spürt, darum geht es. Das ist die Kunst, die wir alle erlernen können.

Was würden Sie also jeder Frau empfehlen?

Sich auf den Weg zu machen. Sich und den Partner zu entdecken. Sich mit Sexualität zu beschäftigen. Dem anderen ehrlich sagen, was man im Augenblick fühlt. Es ist so einfach, sich einen Raum zu schaffen, in dem man masturbieren und sich ausleben und erleben kann: Tür zu, Augen zu, etwas Schönes träumen und los geht’s.

Und welches Sextoy nehmen wir am besten auf die Reise mit?

Das ist für jede Frau unterschiedlich. Es gibt heutzutage so viele lustige Formen und Farben. Am besten geht man in einen Sexshop und sucht sich ein Spielzeug aus.

Und was ist, wenn uns das zu peinlich ist?

Scham ist etwas Natürliches und Angeborenes. Die gehört zu uns dazu. Also einfach die Scham an die Hand nehmen und mit ihr zusammen in den Sexshop gehen. Was du dort auswählst, ist das Richtige für dich!

Regine Thoeren, 61, hat vor 22 Jahren in Köln ihren Sexshop Lady’s Toys aufgemacht, den einzigen Sexshop für Frauen. Zu ihr kommen Frauen zwischen 18 und über 80. Was zeigt: Sexualität hört nie auf.

„In jeden guten Haushalt gehört eine Tube Gleitgel und ein Vibrator“
© Jan Tepass / Privat

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