Sexualpädagogin: "Für junge Männer gilt es heute als cool, ältere Frauen rumzukriegen" 

Was ist überhaupt eine MILF? Wir haben die Expertin Katja Grach gefragt – und außerdem mit ihr über Pornos, DILFs und Veronica Ferres gesprochen.

von Tina Epking (Interview)

Die österreichische Sexualpädagogin und Autorin Katja Grach beschäftigt sich in ihrem aktuellen, ziemlich klugen Buch "MILF-Mädchenrechnung" mit dem extremen Druck, dem heute Mütter ausgesetzt sind. Wir haben uns von ihr unter anderem den Begriff "Fuckability" erklären lassen. 

Barbara.de: Was genau ist überhaupt eine MILF?

Katja Grach: Das Wort bedeutet "Mother I'd like to fuck". Darum rankt sich mittlerweile ein ganzes Pornogenre. Es beschreibt eine Mutter, die trotz Mutterschaft noch als sexuell attraktiv empfunden wird. Die MILF gebärt und zieht Kinder groß und bleibt trotzdem das versaute Luder, das sie immer schon war. Vor 60 Jahren wurden vor allem junge Frauen mit Schönheit und Sex-Appeal in Verbindung gebracht, heute müssen wir mit weit über 40 noch sexuell attraktiv sein. Dass wir Mütter sind oder ein gewisses Alter haben, erlöst uns nicht von der Erwartungshaltung sexy sein zu müssen. Der Begriff ist aber relativ neu. 

Woher kommt denn der Begriff?

Er geht auf der amerikanische Teeniekomödie "American Pie" aus dem Jahr 1999 zurück. Dort gab es die Figur Stifler's Mom, die den Begriff der MILF prägte. Natürlich gab es vorher schon die berühmte Mrs. Robinson aus dem Film "Die Reifeprüfung", die verheiratet war und einen viel jüngeren Mann verführte, ein wahnsinniger Tabubruch damals. Nach "American Pie" sprang die Pornoindustrie auf den MILF-Zug auf, sie schuf dafür ein eigenes Genre. Seit 2006 werden sogar Auszeichnungen in der Kategorie "MILF of the Year" verliehen.

"Es heißt nicht mehr, sei Heilige oder Hure – sondern sei beides"

Ist der Begriff MILF jetzt gut oder schlecht für uns Frauen?

Jahrhundertelang ist uns Frauen unabhängig davon, ob wir Mütter waren oder nicht, Sexualität im Allgemeinen abgesprochen worden. Jetzt dürfen wir quasi endlich sexuell aktiv sein, aber schon wieder gibt’s Rahmenbedingungen dazu. Es heißt nicht mehr, sei Heilige oder Hure – sondern sei beides. Und mit dem Muttersein hört das nicht auf. Aber um als MILF durchzugehen, muss eine auch schon wieder bestimmte Kriterien erfüllen: in der Regel schlank, trainiert, rasiert, gut situiert und vor allem weiß. Nicht-weißen Frauen wird in rassistischen Diskursen eh schon vorgeworfen, dass sie zügellose Sexualität leben würden und sich gleichzeitig „unkontrolliert“ vermehren. Deshalb funktioniert der Stempel MILF nicht. Sex und Mutterschaft sind kein Widerspruch. Auch bei Teenie-Müttern, die in der öffentlichen Erzählung oftmals prekär leben, passt der Begriff MILF nicht. Jungen Frauen wird ohnehin zugeschrieben sexuell aktiv zu sein. Der Tabubruch hängt ganz klar am Bild der heiligen Mutter aus unserer christlichen Kultur.

Gibt es den Begriff der MILF denn im echten Leben auch oder ist das ein Konstrukt der Medien? 

Es ist schon ein Konstrukt, ein Ideal aber auch eine Fantasie, an der ein Tabu hängt. Neben MILF rangiert bei den Suchbegriffen auf Pornoseiten ähnlich weit vorn „Step Mom“ oder „Mom“. Das heißt, da steckt auch diese Inzestfantasie drin. Das wird aber wenig öffentlich diskutiert. Da ist scheinbar der Tabubruch, das Auf- oder Erregende.
Gleichzeitig ist tatsächlich kaum ein Mann mehr verängstigt, wenn eine Single-Frau ein Kind hat. Man fühlt sich sowieso nicht zuständig, denn eine MILF ist immer selbstständig und unabhängig. Allgemein ist es 2018 kein Tabu mehr, dass eine ältere Frau etwas mit einem jüngeren Mann hat, die Kinder sind da völlig außen vor. Für junge Männer gilt es heute oft als cool und als Jackpot, eine ältere Frauen rumzukriegen. Für die Generation der Mitte Zwanzigjährigen ist es durchaus eine Option, mit 40-Jährigen zu schlafen.

"Grundsätzlich wird jeder Bereich unseres Lebens mittlerweile optimiert"

Veronica Ferres hat sich gerade selbst als MILF bezeichnet. Ist es gefährlich, wenn Frauen diesen Begriff leichtfertig benutzen?

Ich finde es generell problematisch, wenn man Wörter verwendet, über deren Hintergrund man nicht nachdenkt. Vielleicht hat sie demnächst einen Film, und ein bisschen Promotion kann nicht schaden. Das Wort ist an Bedeutung aufgeladen genug, dass der Boulevard sofort darauf anspringt.

Ein anderer Begriff, über den du in deinem Buch schreibst und den man vielleicht nicht ganz unbedacht benutzen sollte, ist Fuckability: Was genau ist damit gemeint?

"Fuckability" kommt aus dem Amerikanischen und bezeichnet leider oftmals den Wert einer Schauspielerin. Es geht darum, ob das Publikum sie attraktiv genug findet, um eine Eintrittskarte zu kaufen, es zählt dabei lediglich, ob sie "fickbar" ist oder nicht. Genau das steckt auch in dem Begriff "MILF". Früher ging es mehr um "schön" und "attraktiv", jetzt ist es viel sexueller aufgeladen. Das merkt man auch daran, wie Fitnessprogramme für frischgebackene Mütter teils beworben werden. Auch die Inszenierung vieler Promi-Mütter nach der Geburt ihrer Kinder macht da nicht halt. Grundsätzlich wird jeder Bereich unseres Lebens mittlerweile optimiert. Neben Arbeit, Elternschaft, Beziehung, und dem Äußeren kommt auch die Sexualität dazu. Das ist eine Entwicklung, die sich in den vergangenen 20 Jahren vollzogen hat, und das finde ich schon ein bisschen tragisch.

Aber wie kann ich mich dem entziehen?

Puh, das ist schwierig. Ich glaube, das Problem sind die Selbstoptimierung und die Scham. Es sind nicht die Männer, die uns sagen, wie wir aussehen sollen, es ist ein internalisierter Druck. Wir vergleichen uns ständig. Wir haben Ansprüche, die wir davon ableiten, was uns umgibt. Wenn wir dann nicht mithalten können, schämen wir uns, reden aber nicht drüber. Davon müssten wir uns freimachen. Leicht ist das allerdings nicht.  

"Der Imperativ ist es, sexy zu sein, das No-Go als prüde zu gelten"

Und wieso unterwerfen wir uns eigentlich diesem Druck?

Grundsätzlich sind wir Herdentiere. Wir wollen dazugehören und geliebt werden. Wir glauben, dafür müssen wir dieses und jenes leisten. Gleichzeitig hat sich der Beziehungsmarkt extrem verändert, es gibt hohe Scheidungsraten. Man muss sich öfter fragen, ob man noch attraktiv ist. Optimierung bezieht sich ja nicht nur auf den Körper, sondern auf das Sexleben. Das Alter spielt dabei weniger eine Rolle, es gibt ja sogar auch GILFs, das sind "Grandmothers I'd like to fuck". Die werden am liebsten auf Pornoseiten von gleichaltrigen Herren angeschaut. Der Imperativ ist es, sexy zu sein, das No-Go ist es, als prüde oder langweilig zu gelten. Aus diesem Hamsterrad in jeder Beziehung auszubrechen erfordert ganz schön viel Mut und Selbstwert, der sich nicht über die Bewertung von anderen ergibt.

Gibt es eigentlich auch Dads I'd like to fuck?

Den Begriff DILF gibt es schon, aber er ist absurd, weil er kein Widerspruch ist. Sobald ein Mann ein Baby hält, finden alle Frauen das attraktiv. Auf Männer auf Spielplätzen, die ohne eine Frau da sind, stürzen sich die Alleinerziehenden. Bei Frauen heißt es, dass die Mutter noch dies und jenes machen kann, obwohl sie drei Kinder hat. Soetwas wird bei Vätern nie thematisiert, die werden nicht gefragt, wo ihre Kinder sind, wenn sie ohne sie unterwegs sind. Es gibt kulturhistorisch nicht so einen Gegensatz bei Männern wie es die Heilige und Hure bei Frauen ist. Über Fuckability machen sich wenn, dann eher jüngere Männer Gedanken. Aber eigentlich war sexuelle Attraktivität nie ihr Nummer eins Aushängeschild. Insofern fällt dieser Druck weg.




Katja Grach, geboren 1983, ist Mutter, Erwachsenenbildnerin, Sexualpädagogin und Geschlechterforscherin. Sie ist seit zehn Jahren als Referentin und Projektentwicklerin tätig, lebt in Graz und bloggt zu den Themen Lifestyle, Sex und Elternschaft auf krachbumm.com.



"MILF-Mächenrechnung. Wie sich Frauen heute zwischen Fuckability-Zwang und Kinderstress aufreiben" ist im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro. 










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