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Sexuelle Affäre Von Lust und Widersprüchen

Sexuelle Affäre: Frau liegt im Bett
© Maxim Artemchuk / Shutterstock
Bandelt man hinterm Rücken des Partners mit jemand anderem an, nennt man das: Affäre. Wünscht man keinem, passiert manchen. Die Geschichte einer Liaison voller Widersprüche.
von Kirstin Bock

Alle meine Freunde haben mich schon darauf angesprochen, wie schön es ist, dass Vicky und ich als Paar so frisch verliebt wirken. Und zwar seitdem ich eine Affäre mit einer anderen habe. Von der meine Frau nichts weiß. Auch die meisten meiner Freunde nicht. Seit Anfang des Jahres bin ich ihr nach neun Jahren nicht mehr treu.

Frau betrogen – Schlechtes Gewissen an Bord

Ich bin Spanischlehrer am Gymnasium in einer ostdeutschen Großstadt und gebe auch Privatunterricht. Dabei hat es plötzlich gefunkt – damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht: Die Schülerin, um die es geht, Sanne, ist gerade 40 geworden, ich bin Mitte 40, meine Frau ist Anfang 30. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein: die eine leise, die andere laut, die eine von zarter Natur, die andere eher Typ "handfeste Wirtin". So kompliziert das Zusammenleben und -wohnen mit Vicky manchmal ist, so unkompliziert ist alles mit Sanne. Sie ist seit Jahren Single und nicht unglücklich damit. Und ich hatte vergessen, wie viel Bestätigung und positives Feedback man am Anfang einer Beziehung vom anderen bekommt, mal abgesehen von dem ganzen Begehren und der Lust. Ich konnte überhaupt nicht genug davon bekommen und habe meine neue Rolle als heimlicher Superliebhaber erst einmal nur genossen.

Meine Frischverliebtheit in Sanne schien sich auf Vicky zu übertragen, und wir funktionierten als Paar wieder ganz ausgezeichnet. Ich war deutlich gelassener mit ihr, in Diskussionen gab ich schneller und bereitwilliger nach. Und mit ihrer manchmal zögerlichen und verkopften Art, die mich in der Vergangenheit zur Weißglut brachte, konnte ich plötzlich ganz souverän umgehen. Das alles entspannte die Lage bei uns zu Hause ungemein. Aber – und das war mir nach zwei Monaten dann auch klar: Rein moralisch geht das natürlich überhaupt nicht. Oder vielleicht doch? Immerhin waren jetzt drei Menschen glücklicher als vorher. War das jetzt so verkehrt? Ich holte mir Rat bei meiner besten Freundin. Die verurteilte mich zum Glück nicht, gab nur zwei Sachen zu bedenken. Zum einen grätsche niemand in eine intakte Beziehung – richtig, dem konnte ich nur zustimmen, da gab es bei mir offensichtlich Versorgungslücken und Bedürfnisse, die nicht erfüllt wurden. Zum anderen: Wenn die Beziehung zu Vicky nur noch halte, weil Sanne als ausgleichendes Element dazugekommen war, dann sei das zumindest bedenklich. Und das war es in der Tat, bedenklich. So hatte ich es bisher irgendwie noch gar nicht gesehen. Brauchte ich also Sanne, damit mein Leben mit Vicky funktionierte?

Spätestens als meine Frau und ich Corona-bedingt täglich aufeinanderhockten, ging mir auf, dass meine beste Freundin recht hat. Das, was ich bei meiner Frau vermisste, holte ich mir bei Sanne – und umgekehrt. War ich bei der einen, zog es mich zur anderen. Und so schlichen sich allmählich Euphorie und Leichtigkeit aus der Affäre. Ich fing an, mich zu fragen, was zur Hölle ich hier eigentlich machte? Die Antwort war sehr einfach: Ich betrog meine Frau. Nach dem ersten Rausch und den Frühlingsgefühlen war jetzt also das schlechte Gewissen an Bord. Ich redete mir ein, mich entscheiden zu müssen, jetzt sofort, setzte mich also selbst unter Druck. Sollte ich mein Zuhause, die Jahre mit Vicky aufgeben? Oder sollte ich Sanne verlassen? Nach Jahren des Alleinseins verkraftet sie eine Trennung bestimmt besser als Vicky, mit der mich immerhin fast ein Jahrzehnt verbindet. Dabei wollte ich meine Frau gar nicht verlassen. Aber Sanne eben auch nicht. Und so ging das Hin und Her in meinem Kopf erst richtig los.

Lügen als Selbstschutz

Was waren das eigentlich für bescheuerte Überlegungen?! Abzuwägen, bei wem man weniger Schaden anrichtet? Und danach entscheiden, wen man verlässt? Muss man sich denn überhaupt entscheiden? Meine Gedanken kreisten ständig um dieses eine Thema. Ich kaute wie ein Hund auf einem Knochen darauf herum, bis in meinem Kopf nur noch Brei war, und fühlte mich dabei wie Peter Fox, wenn er im Song "Kopf verloren" singt: "Druck im Kopf, es gibt kein Ventil, 20 000 Szenen durchgespielt, 100 000 Szenen ausgedacht. Mein Höllenschädel raucht und knackt …" Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt schon so ans Lügen gewöhnt, dass ich mich selbst kaum wiedererkannte.

Beim nächsten Treffen mit meiner besten Freundin kroch ich fast zu Kreuze, ich schämte mich für mein Verhalten, fühlte mich wie ein Arschloch – auch Sanne gegenüber. Das verstand sie überraschenderweise überhaupt nicht und meinte, dass ich Sanne ja nicht vorgaukle, meine Frau zu verlassen. Das tat ich tatsächlich nicht. Und sie merkte an, dass Sanne ja vielleicht auch einen anderen Mann treffen könnte, wenn ich ihr nicht genügte. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Meine innere Stimme brüllte fast: Auf gar keinen Fall! Undenkbar! Ich stritt diese Möglichkeit so vehement und empört ab, dass meine Freundin laut lachen musste. Spätestens da war mir klar: Ich messe mit zweierlei Maß. Als ich dann auch noch von einem Sonntagsausflug mit Sanne an die Ostsee erzählte, platzte meiner sonst so verständnisvollen Freundin der Kragen. Und ich verstand die Welt nicht mehr. Sie warf mir vor, mit Sanne plötzlich Pärchenkram zu machen, die ganze Affäre so auf eine andere Ebene zu heben und wahnsinnig widersprüchliche Signale zu senden. Und es stimmte: Denn mittlerweile war ich ein einziger innerer Widerspruch.

Die Suche nach einer Lösung

Da ich nicht wusste, was ich machen sollte, machte ich das, was wohl die meisten Männer machen, wenn sie keinen Plan haben: nichts. Ich meldete mich einfach nicht mehr bei Sanne. Ihre Reaktion nach zwei Wochen Schweigen war ziemlich souverän: Sie sagte sachlichfreundlich per Whatsapp die nächste Spanischstunde ab. Meine Frau merkte natürlich, dass ich plötzlich in mich gekehrt war, viel grübelte. Aber ich schob das auf Corona, die wirtschaftliche Lage, meine ungewollte Arbeitslosigkeit, die Weltkrise und war vor lauter Schuldgefühlen so nett zu ihr, dass sie immer weiter aufblühte. Bis es eines Abends beim gemeinsamen Glas Rotwein aus mir herausplatzte. Merke: Wer ständig lügt, sollte keinen Alkohol trinken. Ich beichtete, dass es da eine Frau geben würde, der ich mich vor Kurzem sehr verbunden gefühlt hatte. Ohne darauf einzugehen, wie sehr verbunden. Das war keine gute Idee. Auf dem Gesicht meiner Frau machte sich nach einer Schocksekunde Zerstörung von ungeahntem Ausmaß breit. Sie sah nicht mehr aus wie sie selbst, sackte in sich zusammen, weinte und weinte.

Kein Wunder, meine Beichte kam völlig aus dem Nichts für sie, hatte ich doch alles dafür getan, dass sie von dem Betrug keinen Wind bekommt. Ich ruderte verbal zurück: Das sei falsch rübergekommen, keine große Sache gewesen und auch schon wieder vorbei. Wir führten die halbe Nacht ein Beziehungsgespräch, und in den nächsten Tagen versuchte ich, sie – und auch mich – davon zu überzeugen, dass wir beide das beste Team überhaupt sind. Und bald hatte Vicky tatsächlich ihre positive Ausstrahlung und die Leichtigkeit zurück – weil ich mich wieder mit Sanne traf. Und noch immer treffe. Wie kann sich etwas bloß zur gleichen Zeit so richtig und so falsch anfühlen? Ich suche weiterhin nach einer Lösung, mit der vielleicht doch alle Beteiligten glücklich sind. Und werde wahrscheinlich scheitern.

ZUM SCHUTZ der Privatsphäre der involvierten Personen wurden Namen und Orte geändert.


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