So ist das erste Date nach zehn Jahren Beziehung

von Tina Epking

Lenia ist Mitte 30, als sie sich von ihrem Mann trennt. Natürlich will sie nicht ewig alleine bleiben. Aber kann sie nach so langer Zeit überhaupt noch Daten? Ein Protokoll.

Mein Ex-Mann kommt aus meinem Heimatdorf, wir kennen uns noch von der Schule. Als wir uns trennten, war ich 34, wir waren zehn Jahre zusammen und drei davon verheiratet. Ich hatte also ein ganzes Jahrzehnt keinen anderen Mann mehr gedatet, geschweige denn mit einem geknutscht oder Sex gehabt. Deswegen war ich auch ziemlich unsicher, als mir ein paar Wochen nach der Trennung klar wurde, dass ich eigentlich gern jemanden kennenlernen würde. Aber: Ich brauchte dringend ein bisschen Selbstbewusstsein – mein Ex-Mann hatte mich mit einer anderen betrogen, ich musste wissen, wie mein Marktwert aussah. Schließlich wollte ich nicht den Rest meines Lebens alleine bleiben.

Erster Monat: Ich versuche es zuerst mit Elitepartner. Die Werbung habe ich im Fernsehen und an Plakatwänden gesehen. Es ist das erste, was mir einfällt. Außerdem finde ich den Persönlichkeitstest gut. So musste ich mich mit mir beschäftigen, mir Fragen stellen wie: „Wer bin ich eigentlich? Was will ich überhaupt?“ Darüber habe ich lange nicht nachgedacht. Ich verabrede mich mit einem gutaussehenden Arzt in einem Café. Schon Stunden vor dem Date habe ich Bauchschmerzen, ich fühle mich schlimmer als vor einem Vorstellungsgespräch. Muss ich mich jetzt bestmöglich verkaufen? Wie war das noch damals? Ich habe Schiss. Nach etwa drei Minuten mit dem Typen ist klar, dass ich eigentlich noch nicht so weit bin. Er gibt sich echt Mühe, aber ich finde ihn einfach nicht attraktiv, und ich glaube daran, dass das erste Date sitzen muss. Es muss knistern, sonst kommt da auch beim zweiten nichts. Ich brauche erst mal wieder eine Pause. Außerdem kostet Elitepartner Geld.

„Ich kann mich überhaupt nicht lockermachen. Ich denke tatsächlich an meinen Ex-Mann“

Zweiter Monat: Ich fühle mich langsam besser und gehe in meinem Heimatdorf zur Kirmes. Das habe ich früher nie gemacht, weil es nur darum ging sich zu betrinken und irgendjemanden abzuschleppen, aber ich bin ja jetzt schließlich Single. Was habe ich zu verlieren?! Und tatsächlich klappt Daten auch analog: Ich treffe einen Typen, den ich von früher kenne und mag. Eigentlich möchte ich nur knutschen, aber wir landen dann doch im Bett. Ein komisches Gefühl – das erste Mal Sex nach der Scheidung. Meine Performance ist dementsprechend wenig beeindruckend. Ich bin gehemmt, weil ich zu viel nachdenke. Ich kann mich überhaupt nicht lockermachen und denke tatsächlich an meinen Ex-Mann. Das muss besser werden.

Dritter Monat: Ich lerne einen Mann auf der Hochzeit einer guten Freundin kennen. Er ist der einzige männliche Single und flirtet mich an. Am Ende der Party gehen wir zusammen auf sein Zimmer. Diesmal bin ich nicht gehemmt. Könnte allerdings an der größeren Menge Alkohol liegen, die ich getrunken habe. Er findet mich offensichtlich heiß – und ich genieße das sehr. Eine Freundin sucht er allerdings nicht, das ist ziemlich schnell klar.

„Ich treffe mich mit einem Mann nur um mit ihm Sex zu haben. Und das macht mir sogar Spaß“

Vierter Monat: Bisher habe ich nur von Tinder gelesen, jetzt will ich es ausprobieren. Ich habe ein bisschen Angst, dass mich jemand dort sieht, den ich aus dem „echten“ Leben kenne. Aber was ist schon dabei? Außerdem habe ich tatsächlich viele Freundinnen, die dort wirklich interessante Menschen oder sogar die große Liebe gefunden haben. Ich lade mir die App runter und verknüpfe sie mit Facebook. Die Einrichtung meines Kontos geht superschnell. Ein paar Fotos hochgeladen, kurz mein Alter und meine Suchoptionen eingestellt und nach fünf Minuten geht’s los. Ich habe erstaunlich viele Matches, einige davon gefallen mir sogar richtig gut. Mein erstes Tinder-Date ist jünger als ich und mal wieder ein Arzt. Ein toller Mann, ich verliebe mich ein bisschen, er sich leider nicht. Ich höre zumindest nichts mehr von ihm. Das Großartige an Tinder aber ist: Man kann den Herzschmerz schnell vergessen, man macht einfach weiter, trifft den nächsten. Ich merke allerdings, dass ich langsam gerne wieder etwas Festes hätte.

Fünfter Monat: Ich treffe die unterschiedlichsten Typen, aber die, die auf mich stehen, finde ich meistens nicht so richtig toll. Oder umgekehrt. Also beschließe ich, etwas zu tun, was ich mir früher in meiner Beziehung niemals vorstellen konnte: Ich treffe mich mit einem Mann nur um mit ihm Sex zu haben. Und das macht mir sogar Spaß. Ich erkenne, dass man Sex ohne Liebe haben kann, dass es mich aber nicht erfüllt.

Sechster Monat: Durch meine ganzen Dates bin ich kein bisschen unsicher mehr. Meine Beziehung zu meinem Ex-Mann kommt mir ewig her vor – mit jedem Date rückt sie weiter in den Hintergrund. Ich kenne mich mittlerweile aus mit Apps wie Tinder, happn und Co. Und zum ersten Mal treffe ich jemanden, den ich wirklich richtig gut finde – und er mich auch. Wir sehen uns regelmäßig, das Ganze ist vielversprechend. Bei allen Dating-Apps abgemeldet habe ich mich aber noch nicht. Schließlich weiß man nie, wann man sie wieder braucht.