So schrecklich ist die Wohnungssuche Ü 40

Von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen. Unsere Kolumnistin ist nach einem Vierteljahrhundert wieder auf dem Wohnungsmarkt und findet: widrige Umstände.

Hier schreibt Karina Lübke

Scheidungen gehen in den Großstädten statistisch zurück. Ich will ja nicht zynisch sein, aber ich kenne den wahren Grund: Paare, die in den Ruinen ihrer Ehe koexistieren, weil keiner die geliebte Wohnung und den damit verbundenen Lebensstil verlassen mag oder kann. Denn wer in einer deutschen Stadt auf der Suche nach einer neuen Heimat ist, läuft überall gegen Wände. Seit Monaten versuche ich, meinen Haushalt downzusizen – ich kann es mir nur nicht leisten.

Wir sind herausgeschrumpft 

Mein alter Mietvertrag ist so alt, er wurde noch in Deutschen Mark festgeschrieben. Würde ich nun etwas halb so Großes beziehen, müsste ich mindestens das Gleiche zahlen. „Lock-in-Effekt“ nennen Fachleute das heutige Massenphänomen, wenn Menschen zu groß und zu teuer gewordene Wohnungen mangels bezahlbarer Alternative nicht verlassen können.

Mir geht es wie vielen: Meine einst vierköpfige Familie ist aus dieser Wohnung herausgeschrumpft. Erst der Mann, dann meine Tochter, die ein Studienplatz nach Süddeutschland zog, bald macht mein Sohn mit der Schule Schluss.

Schon jetzt leben bei uns in drei von fünfeinhalb Zimmern nur noch die Erinnerungen. Aber auch die wollen beheizt und geputzt werden! Neben den Mietpreisen explodieren die Energiekosten munter weiter – die Löhne aber sinken. „Wo wohnst du?“ ist auf Partys das neue „Was machst du?“. Dating ist vom Erregungsfaktor nichts gegen das erste Treffen mit einem Vermieter. Eine perfekte Bewerbungsmappe mit knackfrischer Schufa-Auskunft, Porträtfoto und sorgfältig ausgefüllten Selbstauskünften in kalligrafischer Handschrift sollte man immer dabeihaben; Profis mit vorzeigbarem Social-Media-Leben verweisen noch auf ihr Instagram- oder Facebook-Profil.

Denn wie eine Freundin mir knallhart sagte: „Als alleinerziehende, freiberufliche Frau über 40 bist du auf dem Wohnungsmarkt nicht der Knaller, Hase!“ Immerhin werde mir keiner mehr eine Wohnung gegen Sex anbieten, konterte ich optimistisch. Mittlerweile denke ich fast schon: Leider. Stattdessen sehe ich mir Wohnungen an, die dringend Anstriche sowie Abstriche an meinen Ansprüchen erfordern.

Finanziell ist es mehr als unschön 

Ich strecke mich finanziell, auch nach einer Decke ohne Stuck. Der Boden der Tatsachen muss längst kein Eichenparkett in Fischgrätmuster mehr sein. Wohngemeinschaften kommen für mich nicht infrage. Ich arbeite zu Hause, brauche Ruhe und die Freiheit, tagelang unansprechbar in einer Jogginghose am Computer zu sitzen und grenzwertige Musik zu hören. Ich weiß, ich bin immer noch privilegiert.

Schon 2016 glaubte die damalige Bundesbauministerin Babara Hendricks, eine Lösung gefunden zu haben: „Junge Berufstätige brauchen doch meist nicht mehr als 30 bis 35 Quadratmeter Wohnfläche, weil sie ja hauptsächlich zum Schlafen in ihren Wohnungen sind.“ Das erinnert an Verhältnisse wie in Schanghai, wo „Wuträume“ beliebt sind, in denen wegen zu wenig Freiraum Durchdrehende gegen Geld Autos zertrümmern. Gibt es neuerdings übrigens auch in Berlin.

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