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Sonne? Nein, danke!


Alle mögen das "schöne Wetter". Dann muss man raus und grillen, lustig sein und irgendwie beschwingt. Schluss mit dem Sonnenzwang!
von Nikola Helmreich

Die sonnige 20-Grad-Marke ist eine Art Verpflichtungserklärung. Vor allem in Norddeutschland. Wie der Termin bei der Zahnreinigung: Wer ihn nicht wahrnimmt, muss ewig auf einen neuen warten. Nach jahrelanger Erfahrung habe ich die Mechanismen hinter der sonnigen 20-Grad-Marke durchschaut. Sie hat ihre eigene Sprache, ihre eigenen Regeln und vor allem einen Kollektivanspruch – mit diktatorischer Anmutung.

Zur Sprache: Es werden vornehmlich Fragen gebraucht. Die Stimme klingt beschwingt, hüpft nahezu durch die ersten Worte. Wichtig: eine gewisse kindliche Freudigkeit. Gepaart mit einer Irritation dem gegenüber, der sich der Verpflichtung entzieht. Das Schlüsselvokabular: draußen, Wetter, schön, Sonne, nutzen. 

Meist wie folgt aneinandergereiht: Draußen scheint die Sonne, nutzt du auch das schöne Wetter? Und im „nutzen“ liegt das Problem. Es ist ein fieses Wort. Antwortet man auf die Frage mit „Ja“, ist es ein Wort der Integration: Du bist dabei, du machst mit, du gehörst dazu. Lautet die Antwort aber „Nein“, impliziert es ein klares Verpassen, ein Ausgeschlossensein, ein nicht nachzuvollziehendes Verweigern der vermeintlich guten Sache, und wirft eine weitere Frage auf: Was ist los mit dir?

Was ist los mit mir?

Folgendes ist los mit mir: Sonnentage sind für mich purer Stress. Völkerwanderungen gen Wasser, Kampfgrillen in den Parks, Autokolonnen Richtung Ostsee. Wohin ich auch blicke oder gehe, andere sind schon da. Mit einem Grinsen im Gesicht und Körben voller Futter und Getränke, als hätten sie sich den ganzen Winter auf diese magischen Tage mit der sonnigen 20-Grad-Marke vorbereitet. Was den Futter- sowie den Grinsefratzenvorrat betrifft. Und dann die Wespen, die scheinbar die gleiche 20-Grad-Marke in ihrem System verankert haben. Sie kleben an Menschentrauben wie Schmeißfliegen an Scheiße. Bienen und Hummeln verstehe ich, weiß, was die wollen. Aber Wespen? Dieses irre Umhergefliege um alles, Kuchen, Schorle, Holzzaun, Alugitter – für mich ein Rätsel. Ich mag keine Rätsel.

Nein, ich nutze es nicht!

Es versteht sich also von selbst, dass ich auf die beschwingte „Nutzt du auch das schöne Wetter?“-Frage eher mit „Nein“ antworte. Anfänglich verstand ich die Empörung meines Gegenübers nicht, ließ mein „Nein“ im Raum und den Fragenden hilflos dastehen. Bis ich irgendwann kapierte, dass man das nicht tut. Wenn die Sonne scheint, geht man raus. So ist das. Oder man hat einen triftigen Grund, zu Hause zu bleiben. Bocklosigkeit zählt nicht. 

Also schob ich meinem „Nein“ eine Erklärung nach: „Ich muss leider noch arbeiten“ oder „Blöderweise kommt zwischen 8 und 21 Uhr meine neue Waschmaschine“. Diese Phase hielt nicht lange an. Weil mir die Ausreden fehlten. Also beschloss ich, den Spieß einfach umzudrehen, und rief meine Freunde an, wenn es regnete: Nutzt ihr auch das schöne Wetter? Man kann sich vorstellen, wie das lief. Ich glaube, sie machten sich wirklich Sorgen.

Sonne macht glücklich?

Ich frage mich also, was das soll, mit diesem Wetter und dem Draußen? Als wäre alles Glück, was glänzt. Und zum Beweis wird der Sonne das mit Sonnencreme beschmierte Gesicht entgegengestreckt. Die gesellschaftlich anerkannte These lautet demnach: Sonne und Wärme machen glücklich. Dafür spricht das eigene, persönliche Empfinden bei Licht und Wärme. Dagegen: die Skandinavier – weniger Licht, niedrigere Temperaturen, glücklichere Menschen. Zu meiner Verteidigung, wenn ich also wieder mal das „Nein“ auspacke: Für mich liegt die Kunst des Glücks nicht im Offensichtlichen. Wenn die Sonne scheint, kann jeder strahlen. Warum also nicht dem Regen ein Lächeln entgegnen?


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