VG-Wort Pixel

Sophie Passmann Im Gespräch mit Barbara

Sophie Passmann: Barbara Schöneberger mit Sophie Passmann
Diese beiden: extrem blauäugig – aber überhaupt nicht naiv. 
© Norman Konrad
Autorin, Moderatorin und Influencerin mit Intellekt: Sophie Passmann ist zu Gast! Sie und Barbara stellen einander drängende und immer wiederkehrende, aber auch langersehnte Fragen. 

Barbara: Sophie, welche Frage treibt dich gerade am meisten um?

Sophie: Wann hat der ganze Scheiß ein Ende?

Ah, Corona. Natürlich.

Welche Frage wäre deine?

Wird allgemein der Tonfall schärfer oder höre das nur ich?

Na ja, wenn ich mir anschaue, wie im Internet gestritten wird, auf welch eine bescheuerte Weise sich Leute, die eigentlich dasselbe wollen, gegenseitig anmachen und beleidigen … Da komme auch ich nicht mehr mit.

Sogar du nicht? Dabei war meine Hoffnung, dass du mir meine Fragen in Sachen Social Media beantworten kannst.

Ich kann’s versuchen.

Die Radikalisierung im Dialog nimmt also zu, richtig?

Wer sich in den sozialen Medien bewegt, ist in der Regel meinungsstark und scheut sich nicht, zu sagen: Das darfst du nicht, weil … Aber wenn so jemand aus Versehen mal ein falsches Foto postet, kannst du dabei zusehen, wie diese Influencer*innen in Sekunden von anprangern zu angeprangert werden übergehen. Das ist der Moment, wo sie auf die andere Seite wechseln und verstehen.

Wobei der Klub der verständnisvollen Twitter-User doch vergleichsweise exklusiv ist. Die Lust darauf, ungefiltert anzuprangern, überwiegt bei Weitem.

Ist noch gar nicht so lange her, dass ich auch so war. Dass ich mich dort über Leute lustig gemacht habe, wo ich mit dem Wissen von heute sagen würde: Hätte ich es mal lieber nicht getan. Im Nachhinein frage ich mich: Wer hat denn was davon? Ich merke, dass mich meine Öffentlichkeit sanfter gemacht hat und verständnisvoller. Denn alle probieren doch, kein beschissener Mensch zu sein. Manche zwar sehr erfolglos, aber sie versuchen es immerhin.

Interessant, wir reagieren vollkommen unterschiedlich auf diese vergleichsweise neue Kultur: Dich macht sie milder, mich radikaler. Und vor allem: verkrampfter. Eigentlich habe ich keinen Sprechfilter, und das macht mich ja auch aus. Nicht falsch verstehen: Ich finde es gut, für Dinge sensibilisiert zu werden. Aber das Gefühl, dass mir inzwischen jeder meiner Sprüche um die Ohren gehauen werden könnte, verunsichert sogar einen Menschen wie mich.

Wenn genau was passiert?

Na ja. Wenn ich in rauen Mengen böse Mails bekomme und vernichtende Twitter-Posts, weil ich in der "NDR Talk Show" sage: Ich bin jetzt unter die Hühnerbesitzer gegangen. Aber das würde doch Hühnerbesitzer*innen heißen, sagen die dann. Da verkrampfe ich: Verdammt, noch eine Sache, an die ich denken muss, weil ich sonst als konservative Alte rüberkomme.

Aber was passiert, wenn du es nicht tust?

Sag du’s mir.

Nichts. Diese linke Twitter-Blase, in der sich erzählt wird, wie die Welt zu sein hat, wird doch kaum mitbekommen im echten Leben. Dir kann also gar nichts passieren – weggecancelt wird immer nur fast, nie wirklich. Es nervt eigentlich nur, und da sollte jemand wie du mit Verve drüberstehen.

Das ist das Ermutigendste, was ich seit Langem höre. Und es würde mir auch echt schwerfallen, plötzlich eine andere zu werden.

Und: Wer bist du?

Ein eher unpolitischer Mensch. Ich habe eine Teflonbeschichtung und bin bisher wunderbar durchs Leben gerutscht, ohne dass mir jemand größere Geröllbrocken in den Weg gelegt hätte. Ich bin nicht so stark, wie immer alle denken. Ich stehe für keine Gruppe, und als Feministin sehe ich mich auch nicht gerade.

Aber du lebst selbstbestimmt und unabhängig.

Absolut.

Ganz schön feministisch, wenn du mich fragst.

Aber da haben wir es doch wieder: Wenn ich das sage, werde ich in eine Gruppe einsortiert. Und da will mein Gefühl nicht hin.

Aber das ist ja bloß deine Schranke im Kopf, niemand zwingt dich zu einem Bekenntnis. Und trotzdem verstehe ich dich sehr gut, weil ich als erklärte Netzfeministin zu denen gehöre, die diese Schranke in deinem Kopf erzeugen. Das ist aus meiner Sicht das Einzige, was du wirklich musst.

Was jetzt?

Dir eingestehen, dass es diese Schranke wirklich gibt und nur du sie verantwortest. An anderer Stelle kannst du sie ja auch ganz gut wegmoderieren.

Welche meinst du?

Na, du sagst, dir hätte nie jemand Steine in den Weg gelegt. Glaube ich dir, dass du das so wahrnimmst. Aber ich glaube auch: Du hast dich entschieden, Steine zu ignorieren und das Spiel mitzuspielen. Sensiblere, oder sagen wir lieber: weniger gut beschichtete Frauen wären mit Sicherheit über diese Steine gestolpert. Deshalb sage ich dir voraus: Du hast eine große Karriere vor dir.

Noch eine gute Nachricht!

Ich glaube, du bist Feministin aus Versehen, ohne jedes Sendungsbewusstsein. Deshalb verstehe ich doch noch nicht so ganz, dass du so ein Problem mit dem Begriff hast. Feministin ist heute doch das Coolste, was man sein kann.

Wieso?

Weil es cool ist, eine gerechtere Welt zu wollen. Weil eine Hammerfrau wie Beyoncé Feministin ist, weil eine super Serie wie "Fleabag" feministisch ist, weil alle guten Autorinnen, die man lesen will, feministisch sind.

Was uns zu dir bringt. Du bist eine von diesen Autorinnen, bist Poetry-Slammerin, Radiomoderatorin, Satirikerin … Was noch?

Ein Internetphänomen. Lese ich viel zu oft über mich.

Vor allem finde ich dich wahnsinnig schlau, und deswegen gilt dir meine ganze Faszination und Bewunderung. Und du bist die neue Stimme und das neue Gesicht des Feminismus, mit gerade mal 27 Jahren. Da stellt sich mir die Frage: Wie konntest du so werden?

Ich nehme die Frage mal stellvertretend für alle Frauen.Ich glaube, unabhängig vom Alter passiert gerade etwas ganz Tolles. Wir Frauen wurden jahrhundertelang unterschätzt. Der Vorteil daran: Wir konnten uns unbeobachtet eine Souveränität, eine Coolness, eine Vielgeistigkeit aneignen, die jetzt auf einmal herauskommt, weil Frauen heute stattfinden. Und dafür liebe ich uns, ich sitze in einem Raum mit lauter Frauen und denke: Wie könnt ihr alle so schlau, so lustig, so schlagfertig sein!

Sehe ich ganz genauso. Ich liebe es, mit Frauen zu arbeiten! Aber warum können Männer nicht so sein?

Weil die nie den Raum hatten, in aller Heimlichkeit cool zu werden. Die mussten versorgen und entscheiden und große Erwartungen erfüllen. Aber jetzt stehen wir im Scheinwerferlicht und sehen, wen es da Großartiges zu entdecken gibt.

Haben das denn schon alle gemerkt? Zum Beispiel in der Unterhaltungsindustrie?

Natürlich nicht. Frauen für das zu akzeptieren, was sie sind und was sie können, ist historisch nicht gelernt. Männer sind immer der Prototyp Mensch.

Wie meinst du das?

Na ja, du siehst einen Mann und denkst: ein Mensch. Und so wird er auch beurteilt, über sein Menschsein. Eine Frau hingegen wird immer als Frau betrachtet, da sitzt ein Filter mit Frauenbeurteilungsparametern vor. Und ich bin überzeugt: Das passiert auch bei dir. Du hast dich nur dafür entschieden, dich davon nicht unfrei machen zu lassen. Und ich mich auch nicht, deshalb gehe ich trotzdem auf die Bühne und halte das aus, und ich halte aus, als eine gesehen zu werden, die Männern etwas wegnehmen will. Und warum machen wir das? Damit deine Tochter in 20 Jahren keine Sekunde über diesen Quatsch nachdenken muss.

So! Und dann müssen wir uns auch keine Gedanken darüber machen, ob eine Kanzlerin besser wäre als ein Kanzler …

Wie siehst du das denn?

Na ja, wir hatten 16 Jahre eine Frau an der Spitze. Von mir aus könnte jetzt wieder ein Mann ran.

16 Jahre sind nix. Von mir aus können wir in 160 Jahren wieder über einen männlichen Regierungschef sprechen.

Im Ernst jetzt?

Ich folge nur deiner Argumentation. Aber es geht nicht nur um die zeitliche Betrachtung maskuliner Herrschaft. Denn bloß, weil Merkel eine Frau ist, muss man sie nicht gut finden, das wäre ja reiner Repräsentationsfeminismus.

Das lasse ich so stehen. Gibt es eigentlich eine Frage, die du nicht mehr hören kannst?

Oh ja: "Frau Passmann, wann bekommen Sie endlich Ihre Late Night Show?"

Huch.

Das ist so eine intime Karrierefrage. Als wenn man sein Gehalt in der Öffentlichkeit diskutieren müsste. Da hat keiner ein Anrecht auf eine Antwort, finde ich.

Die Frage wird eh bald abgelöst werden durch: "Frau Passmann, wann bekommen Sie Ihr erstes Kind?"

Das traut sich keiner zu fragen, weil die urbane Legende existiert, dass ich lesbisch bin. Stimmt zwar nicht, aber irgendwie wird das vorausgesetzt. Was ist denn deine Hassfrage?

"Frau Schöneberger, wie bekommen Sie Kinder und Karriere unter einen Hut?" Eine komplett relevante Frage, aber mindestens so privat und persönlich wie die nach deinem nächsten Karriereschritt.

Plus: Warum fragen die ausgerechnet dich und nicht Kai Pflaume? Oder die alleinerziehende Kassiererin bei Lidl?

Die nenne ich gern auf die Frage: "Wer sind Ihre weiblichen Vorbilder?" Die Lidl-Kassiererin, die ihr Leben auf Kante genäht wuppt und kein Geschiss darum macht! Oder jede Frau, die drei Kinder zu Hause hat! Ich arbeite doch auf einer komplett privilegierten Basis. Auch wenn die manchmal so aussieht, dass ich bis spätabends eine Veranstaltung habe, mich morgens aber selbstverständlich um sechs auf den Heimweg mache, damit ich zum Frühstück zu Hause bin und mittags das Essen auf den Tisch stelle. In den meisten Familien läuft es doch so: Die Frau arbeitet und schmeißt den Großteil des Haushalts, der Mann verkündet, gleich "die große Telefonkonferenz" oder "einen wichtigen Geschäftstermin" zu haben. Und was denken die Kinder?

Na?

Papa verdient das Geld, und Mama macht das Haus schön. Aber, keine Klage, ich ziehe ja auch meine Stärke aus dem biologischen Vorteil der Frauen, immer alles schaffen zu können.

Glaube ich nicht, dass das biologisch ist. Ich halte das für anerzogen. Meine Mutter hat uns Kinder ziemlich gleichberechtigt erzogen, aber komischerweise mussten nur wir Mädchen staubsaugen. Mein Bruder nie. Weibliche Prägung. Wir wissen, dass man Küchenarbeitsflächen nach Gebrauch abwischt. Bei Männern bin ich mir da nicht so sicher.

Nicht mal bei deinem Freund?

Nicht mal bei dem. Und der ist weder blind noch kognitiv eingeschränkt. Noch Fragen?

Ja. Was würdest du gern mal gefragt werden, das du noch nie gefragt worden bist?

Puh. Superschwer.

Ja, oder? Gern genommene Journalistenfrage, auf die man nie eine Antwort weiß.

Doch. Ich weiß was: "Was tragen Sie heute, Frau Passmann?" Ich bin so neidisch auf diese Schauspielerinnen auf roten Teppichen, für deren Kleider man sich interessiert. Ich gebe mir solche Mühe mit meinem Outfit, aber bei mir denken alle, oberflächliche Fragen gehen gar nicht, da muss irgendwas Feministisch-Gehaltvolles kommen. Und dann stehe ich da und denke: Wirklich? Palina darf über ihr Kleid reden – und ich nicht?

Da hättest du Bock drauf?

Na klar! Ich will auch mal oberflächlich sein!

Aber da ist sie wieder, die allgemeine Verunsicherung: Wie zeitgemäß ist es, eine Frau nach ihrem Outfit zu befragen und somit darauf zu reduzieren? Es ist kompliziert. Was ich gern noch wissen würde: Welche Aufgabe würdest du mir für meine Zukunft stellen?

Das ist einfach. Ich möchte, dass du damit beginnst, dich ab sofort "Feministin" zu nennen.

Aber hatten wir nicht festgestellt, dass ich das schon bin?

Vor allen Dingen sagtest du, dass du dich nicht so bezeichnen würdest. Und das ist schade. Das hätte eine enorme Strahlkraft, wenn eine megaprominente und eigenständige Frau wie du dieses Label tragen würde.

Ich bleibe dabei: Label sind nicht so mein Ding. Aber ich verspreche, dass ich weiterhin selbstbestimmt und unabhängig leben werde und auch andere Frauen dazu ermutigen werde. Wichtige Frage zum Schluss, Frau Passmann: Was tragen Sie heute?

Einen Blazer von Acne, eine COS-Hose, ein Poloshirt von Yoox und Boots, die ich heute erst ausgepackt habe, weiß gar nicht, von wem die sind. Sorry, auf die Frage war ich nicht vorbereitet.

STEPHAN BARTELS, Protokollant des Gesprächs, fragte seine 16-jährige Stieftochter, ob sie Feministin sei – "Klar, was denn sonst!" Findet er gut. 

SOPHIE PASSMANN nahm mit 15 an ihrem ersten Poetry-Slam teil. Nach dem Abi volontierte sie beim Radio, schrieb Kolumnen. Seit ihrem Buch "Alte weiße Männer" und ihren spektakulären 15 Minuten "Männerwelten" auf Pro7 gilt sie als Vorreiterin des Netzfeminismus. Ihr aktuelles Buch "Komplett Gänsehaut" ging umweglos auf Platz 1 der Bestsellerliste.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Barbara Heft Nr. 06/2021.

Barbara

Mehr zum Thema