„Jetzt gehst du erst mal joggen!“ - So geht Sport ab 40

Die eine kann Spagat, die andere noch heute Pete Sampras’ Bewegungsabläufe nachempfinden. Barbara und „Sportschau“-Moderatorin Jessy Wellmer treffen sich zum Sichtungsgespräch.

von Stephan Bartels

Barbara: Jessy, weißt du, warum ich mich so freue, dass wir dieses Heft dem Thema Sport widmen?
Jessy: Nein, warum?
Barbara: Weil, und das unterscheidet uns, kein anderes Thema weiter von mir weg sein könnte als dieses. Ich wäre früher eher in einem Parka auf jede Wackersdorf-Demo gelaufen als einmal in ein Fitnessstudio.
Jessy: Aber du sagst: früher. Hat sich das geändert?
Barbara: Ja. Mit Punkt 40 habe ich mit dem Sport angefangen.
Jessy: Was war geschehen?
Barbara: Ich hatte die Bilder von meiner Geburtstagsfeier gesehen. Aus keinem einzigen Winkel sah ich so aus, wie ich meiner Ansicht nach mit 40 hätte aussehen sollen. Kurz zuvor hatte ich von einer Personal Trainerin gehört, die ganz toll sein soll. Die habe ich dann angerufen.
Jessy: Aber es heißt doch immer, dass Sport gar nicht so viel bringt, wenn man den Körper in Form bringen will. Eine Ernährungsumstellung soll viel wichtiger sein.
Barbara: Die ging mit einher. Aber dafür muss man ja leider selbst sorgen, damit hat die Trainerin nicht viel zu tun.

Lieber alleine laufen statt mit der Personaltrainerin

Jessy: Was hat sie mit dir gemacht?
Barbara: Im Prinzip bekommt sie ihr Geld dafür, dass sie mit ihrem netten dänischen Akzent „Jetzt gehst du erst mal joggen“ sagt.
Jessy: Mehr nicht?
Barbara: Ich habe ihr dann gesagt, dass sie in der Zwischenzeit für die 100 Euro wenigstens meinen Geschirrspüler ausräumen könnte.
Jessy: Wie, die ist wirklich nicht mitgelaufen?
Barbara: Erst hatte sie die falschen Schuhe dabei, und dann habe ich gemerkt, dass ich eigentlich gern allein laufe. Und ich bin auch nicht mehr ganz so verzweifelt wie noch vor vier Jahren.
Jessy: Hast du dein eigenes Tempo gefunden?
Barbara: Klar. Du nicht?
Jessy: Das ist mein Problem. Ich jogge eher anfallartig. Im Winter findet man mich ab und zu im Fitnesscenter, aber jetzt im Frühling laufe ich in Berlin durch den Tiergarten. Und finde es gut, weil ich merke, wie ich Leistung aufbaue. Ist ein super Gefühl, wenn es beim zweiten Mal schon eine Viertelstunde länger geht als davor, oder?
Barbara: Absolut.
Jessy: Siehst du. Und dann bin ich irgendwann ausdauernd genug für meine zehn Kilometer und auch einigermaßen schnell, und dann …
Barbara: Und dann?
Jessy: Setzt bei mir die große Langeweile ein. Weil dann dieses Prinzip des Leistungssports in meinem Kopf arbeitet.
Barbara: Wie geht das?
Jessy: Es besagt: Du musst bei jedem Mal ein bisschen besser werden. Das werde ich aber nicht. Meinem Körper reicht es, einfach nur so durch den Park zu joggen, meinem Kopf aber nicht. Und dann höre ich wieder auf mit der Lauferei. Ein Fehler, aber den bekomme ich seit vielen Jahren nicht in den Griff. Wahrscheinlich müsste ich mir mal deine Dänin ausleihen.
Barbara: Wie schade! Du hast einfach noch nicht das Runner’s High erlebt, dieses Gefühl: Ich könnte jetzt noch ewig weiterlaufen.
Jessy: Du etwa?
Barbara: Noch nie. Im Gegenteil: Wenn ich auf dem Crosstrainer bin, denke ich oft, dass ich seit Stunden dabei bin. Dann gucke ich auf das Display: 2 Minuten, 31 Sekunden. Das gleiche übrigens auf dem MiniTrampolin.

Das ganze Fitnessstudio daheim

Jessy: Trampolin? Crosstrainer? Hast du das etwa alles zu Hause rumstehen?
Barbara: Und noch viel mehr. Hanteln, Klimmzugstangen, Balancebälle, ein Hightech-Ergometer. Aber ich finde es auch krank, beim Radeln auf eine Wand zu starren. Deshalb gehe ich raus und laufe immer dieselbe Strecke. Und kämpfe jedes Mal an den gleichen Punkten um meine Motivation. Weißt du, ich mache dreimal die Woche Sport und bin maximal fit, aber ...
Jessy: ... auch maximal weit entfernt von Marathonläufern, nur so zum Beispiel.
Barbara: Genau. Dieses äthiopische, leichte, federnde Laufen, das hätte ich gern mal.
Jessy: Dann musst du doch wieder aufs Trampolin, das federt ja auch. Das ist allerdings kein Sport für mich. Auf so einem Ding habe ich festgestellt, dass ich die Beckenbodengymnastik nach meinen beiden Schwangerschaften lieber doch hätte machen sollen.

Barbara: Du meinst dieses Gefühl, als ob einem da unten jemand eine Bowlingkugel implantiert hätte?
Jessy: Nein, ich meine eher dieses Gefühl auf dem Trampolin, dass diese Bowlingkugel gleich rausfällt.
Barbara: Es ist auch wichtig, sich der Schwere seines Körpers bewusst zu sein. Und schwer fühlte ich mich schon immer. Ich gucke oft neidisch im Kindergarten meiner Tochter auf diese kleinen Mädchen, die ganz leicht die Treppe hinunterfedern.
Jessy: Ja, fies. Die können alles. Meine sechsjährige Tochter sagte neulich zu mir: „Guck mal, Mama, ich kann Spagett!“
Barbara: Wie süß! Aber weißt du was: Spagett, äh, Spagat kann ich auch.
Jessy: Kannst du nicht.
Barbara: Wohl. Guck. (Barbara klemmt sich das linke Bein hinter den Kopf.) Das liegt an meinem schwachen Bindegewebe.
Jessy: Wow. Das trainierst du doch, gib’s zu!
Barbara: Ach was. Kannst du das nicht?
Jessy: Nein, und ganz sicher auch nicht die Mehrheit der deutschen Frauen. Mein Problem liegt aber auch woanders: Ich baue wahnsinnig schnell Beinmuskulatur auf.
Barbara: Und das Problem dabei?
Jessy: Na ja, in dem Hotelzimmer, in dem ich wohne, wenn ich in Köln die „Sportschau“ moderiere, kommt das Licht aus Spots von oben. Das ist wahnsinnig ungünstig. Ich erschrecke mich regelmäßig beim Anblick meiner delligen, muskulösen Oberschenkel.
Barbara: Und am Strand? Die Sonne kommt doch auch von oben.
Jessy: Da gehe ich erst am späten Nachmittag ins Wasser.
Barbara: Auch eine Lösung. Aber sag mal, wenn du schon keinen Spagat kannst mit deinen Beinmuskeln – was dann?
Jessy: Ich kann die Bewegungsabläufe von Pete Sampras im Wimbledon-Finale nachempfinden, inklusive des Gesichtsausdrucks. Diese Geschmeidigkeit, diese Eleganz der Bewegung, das hatte kein anderer Tennisspieler.

Tennisspieler zum verlieben

Barbara: Moment mal: Warst du verliebt in Pete Sampras?
Jessy: Oh ja. In meinem Zimmer hing ein „Bravo“-Poster von ihm, das habe ich vorm Schlafengehen geküsst. Allerdings hatte ich auch eines von Andre Agassi. Warum ich den attraktiv fand, kann ich nicht mehr verstehen. Wer war es bei dir?
Barbara: Ivan Lendl.
Jessy: Echt jetzt?
Barbara: Ja. Zum einen hatte der einen echt guten Po in diesen kurzen Hosen, die man in den 80ern trug. Und dann hatte der so etwas Slawisch-Nachdenkliches an sich ...
Jessy: Du hast Melancholie an Ivan Lendl entdeckt? Na, das hast du exklusiv.
Barbara: Zumindest habe ich eine andere, eine tiefere Schicht gesehen. Aber, ja, ich fand Lendl heiß. Und natürlich Mats Wilander. Aber auf keinen Fall Boris Becker.
Jessy: Was uns wieder zum Thema schwerer Körper bringt. Er wirkte ja immer so massig auf dem Platz. Und ist trotzdem ein unglaubliches Bewegungstalent, diese Kombination macht ihn so schwer begreifbar.
Barbara: Ich glaube, Becker hatte damals keine Angst vor Schmerzen. Ich schon. Mein Leben verdunkelte sich immer, wenn es im Sportunterricht hieß: Heute spielen wir Basketball. Ich mag es nicht, wenn jemand auf mich zugelaufen kommt. Ich scheue Konfrontationen, emotional wie körperlich. Da habe ich mir die Sportstunden gelobt, in denen wir mit Ball und Flatterband zu „Morning Has Broken“ getanzt haben.
Jessy: Furchtbar! Dieser ganze dekorative Kram, das ist nichts für mich. Ich sah beim Turnen und bei der Gymnastik immer aus wie eine Frikadelle. Nee, lieber Basketball, da konnte ich den kleinen zarten Turnerinnen mal ordentlich vors Schienbein treten. Und Tennis, das war mein Sport als Kind.
Barbara: Alles in allem bist du also ein Wettkampftyp.
Jessy: Klingt das so? Nein, bin ich gar nicht. Ich trainiere Sportarten so, dass ich sie ganz gut beherrsche, aber ich gewinne nichts.
Barbara: Warum das denn?
Jessy: Ich bin mehr von der reflektierten Sorte. Das heißt, irgendwann kommen die Zweifel. Gern schon drei Nächte vorher, wenn ich gehofft habe, dass es stürmt und regnet und ich dieses eine Tennismatch nicht spielen muss.
Barbara: Interessant. Mir geht es genauso. Dabei sind wir beide beruflich in einer permanenten Prüfungssituation. Wir müssen funktionieren, wir müssen Leistung bringen, und es schauen uns dabei irre viele Leute zu.
Jessy: Es gibt nicht wenige, die meinen, bei mir einen gewissen Widerspruch zu erkennen zwischen meiner Unfähigkeit für den Wettbewerb und meinem Job, in dem man sich ja sehr stark messen lassen muss, da hast du recht. Aber wir beide suchen diese Situation. Warum machen wir das? Warum sagen wir: Olympiasieger werden wir gewiss nicht – also gehen wir zum Fernsehen!
Barbara: Bei mir geht es ums Quatschen und Singen, das kann ich einigermaßen. Aber wenn du, wie neulich im Februar, den ganzen Tag bei den Olympischen Spielen im Studio stehst, hast du dann nicht einen Nachteil gegen Moderatoren wie Rudi Cerne, der als Eiskunstläufer schon mal selbst bei Olympia mitgemacht hat?
Jessy: Na ja, deshalb bin ich nicht weniger Experte. Ich weiß ja trotzdem viel über das, was ich da bespreche. Ich habe nur schon als Kind die Entscheidung getroffen, dem Sport nicht mein Leben zu widmen, nur damit ich eventuell mal dieses Olympioniken-Feeling erleben darf. Ich wollte lieber mit 16 an der Bushaltestelle meiner mecklenburgischen Kleinstadt sitzen und mich mit anderen über Musik unterhalten. Das mindert nicht meinen Respekt vor Sportlern.

Barbara und Jessy Wellmer beim Interview in der Fußball-Kneipe

Barbara: Den habe ich auch. Es sind immer die emotionalsten Momente in der „NDR Talk Show“, wenn wir mit Sportlern über ihre Erfolge reden. Das hast du ja ständig.
Jessy: Aber in einem anderen Zustand. Sitzen die bei euch, liegt das Ereignis meist schon eine Weile zurück. Ich habe Leute im Studio, die meist erst ein paar Stunden vorher das Größte erreicht haben, das man schaffen kann in ihrer Welt. Die sind in diesen Momenten einfach nur leer. Ich denke dann oft: Schade. Mit dir würde ich gern in einem halben Jahr noch mal reden.
Barbara: Deshalb sind ja auch diese Feldinterviews nach einem Fußballspiel so sinnlos. Ich finde, die könntet ihr abschaffen.
Jessy: Wir reden immer mal wieder drüber in der Redaktion. Aber stellen auch fest: Die Menschen an den Empfangsgeräten haben ein Bedürfnis nach diesen Gesprächen. Also machen wir sie und versuchen, einfache und halbwegs kluge Fragen zu stellen.
Barbara: Bist du eigentlich so richtig beinharter Fan von irgendeinem Verein?
Jessy: Absolut. Ich komme aus Güstrow, da ist Rostock nicht weit weg. Mein Herz gehört dem FC Hansa. Nicht so leicht, wenn dein Verein in der dritten Liga kickt.
Barbara: Ist das immer das erste Ergebnis, das du an einem langen Fußballwochenende nachschlägst?
Jessy: Wir haben in der Samstags„Sportschau“, die ich im Wechsel mit drei Herren moderiere, immer zwei Drittligaspiele im Programm. Ich freue mich tierisch, wenn das Hansa-Spiel dabei ist. Und wenn nicht, versuche ich natürlich trotzdem eine Rostock-Anekdote in die Sendung einzubauen.
Barbara: Wie nett von dir! Aber mal zum größeren Fußball: Du warst letztes Jahr beim Confederations Cup in Russland, dieses Jahr ist dort WM – wirst du deinen Sommer im Osten verbringen?
Jessy: Nee, im Süden. Es fahren nur ganz wenige Journalisten der Fernsehsender nach Russland, die Sendungen vor und nach den Spielen kommen aus Deutschland. Ich werde vermutlich mit einem prominenten Ex-Fußballer irgendwo in Oberbayern sitzen und über alle Dinge reden, die außerhalb des Platzes noch eine Rolle spielen.
Barbara: Ach. Zum Beispiel?
Jessy: Über die politische Situation in Russland und wie man als Sportler damit umgehen sollte. Solche Themen.
Barbara: Gehört das für dich zu deinem Job als Sportmoderatorin, das Politische?
Jessy: Klar. Nimm mal Olympia in Korea neulich: Als ich mich auf die Reise vorbereitet habe, konnte man nicht sicher sein, ob Kim Jong-un einen Krieg mit den USA anzettelt. Bloß weil jemand auf Skiern einen Hang hinunterfährt, hörst du ja nicht auf, über das nachzudenken, was um dich herum passiert. Ich habe eine Haltung. Die gebe ich nicht einfach so ab.

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Barbara und Jessy Wellmer feiern in einer Fußball-Kneipe
„Jetzt gehst du erst mal joggen!“ - So geht Sport ab 40

Die eine kann Spagat, die andere noch heute Pete Sampras’ Bewegungsabläufe nachempfinden. Barbara und „Sportschau“-Moderatorin Jessy Wellmer treffen sich zum Sichtungsgespräch.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

E-Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden