Status: Keine Anrufe, nur WhatsApp!!! – Meine Angst vorm Telefon

Unsere Autorin hasst es, zu telefonieren, was ihr sogar selbst oft unheimlich ist. WhatsApp-Nachrichten hingegen gehen immer und überall – dabei muss man ja nicht sprechen...

von Christina Hollstein

Der geliebteste und der meist gehasste Gegenstand in meinem Leben ist tragischerweise ein und derselbe. Ja, ich bin Telefon-Schizophren. Mobiltelefon-Schizophren um genau zu sein. Denn: Von meinem Festnetztelefon –  wie das klingt, so schaurig aus der Zeit gefallen weiß ich nicht einmal mehr die Telefonummer. Kein Witz. Wenn es klingelt, hoffe ich einfach jedes Mal, dass möglichst schnell der Anrufbeantworter (Schauder!) anspringt. Dann stehe ich wie gelähmt neben dem alten Knochen und lausche, wie mein Opa Geburtstagsgrüße auf das Tonband (ernsthaft?) spricht. Und jetzt fangen erst die wirklichen Probleme an: Wie teile ich Opa jetzt mit, dass ich seine Grüße empfangen und mich sehr darüber gefreut habe? Denn: Opa hat ja kein verdammtes Smartphone, geschweige denn WhatsApp!

Das Telefon schreit, mein Puls schnellt in die Höhe

Jetzt zurückrufen? Völlig unmöglich! Ich wollte doch gerade zum Sport und die Wäsche wartet, die Steuer müsste auch gemacht werden. Heute Abend! Aufschub unmöglich! Mein Herzschlag verschnellert sich. Okay, okay – morgen? Vielleicht vom Handy aus auf dem Rad zurück von der Arbeit? Diese Zeit ist ja irgendwie sowieso immer tot. Aber was, wenn ich da einfach mal nur ne halbe Stunde abspannen will? Braucht man ja auch mal, Work-Life-Balance und so. Vielleicht habe ich ja Glück und er geht nicht ran. Aber habe ich meine Pflicht dann schon getan? Immerhin dokumentiert sein Schnurtelefon mit den großen Tasten meinen verzweifelten Meldeversuch nicht. Dann stand mir dieser mühselige Angang völlig umsonst den ganzen Tag bevor! Und überhaupt: Was stimmt eigentlich nicht mit mir? Es handelt sich doch nur um ein gottverdammtes, zehnminütiges Telefonat!

Anrufe sind egoistisch!

Nun zu meiner anderen Seite: Ich liebe es, Nachrichten zu schreiben. 10, 20, 200? Alles besser als fünfzehn Minuten telefonieren. Und ich antworte auch so gut wie immer sofort. Leute, die drei Tage für eine Rückmeldung brauchen: Was ist los mit euch?! Das kann man ja nun echt überall mal schnell erledigen. In der Bahn, im Supermarkt in der Kassenschlange, auf dem Klo. Eben überall dort, wo ich verdammt nochmal NICHT telefonieren will. Weil ich ja gerade fahre, warte, oder gern allein sein will. Und das ist auch schon das Kernproblem, das ich mit dem Telefonieren habe: Es reißt mich immer aus dem, was ich selber gerade erledigen möchte. Egoistisch drängt sich der nervtötende Klingelton einfach so ganz vorn in die Liste meiner Prioritäten.  "Nimm ab!", schreit es. "Ich bin sehr, sehr wichtig!", gröhlt es weiter. Deshalb gehe ich auch immer davon aus, dass ein eingehender Anruf nur ein Notfall sein kann. Dementsprechend gehetzt klingt meine Stimme, wenn ich dann tatsächlich mal an den Hörer gehe: "Jaaaa?! Was gibts?!".  Die Enttäuschung auf der anderen Seite ist dann immer groß: "Öh nichts, ich wollte dich nur mal hören!". Mein Handy ist jetzt immer lautlos. Man kann mir ja schreiben, wenn es was Wichtiges gibt. Ich ruf dann zurück. Naja. Vielleicht.

Achtung: Notfall!

"Leute, bleibt alle ganz ruhig, aber ich war grad in der Tiefgarage und die, ähh, brennt!", verkündet meine Kollegin heute Morgen schnellen Schrittes die Redaktion betretend. "Ich schätze gleich heult der Feueralarm", vermutet sie. Als sei es nicht die eigene, schaue ich zu, wie meine Hand in sekundenschnelle am Telefon ist. "Oh was für eine Ehre, DU RUFST MICH AN?". "Ja", sage ich trocken. "Jetzt kommt nämlich der Notfall, von dem ich immer rede." Stille. "Dein Auto steht doch unten im Keller...?"

Ende vom Lied: Auto gerettet, Brand gelöscht. Und die Gewissheit: Wenn es WIRKLICH mal brennt, kann ich es noch, das mit dem Telefonieren. Ich will halt nur nicht.