VG-Wort Pixel

Stau? So behältst du die Nerven

Stau?: Frau verärgert am Steuer
© pathdoc / Shutterstock
Unsere Autorin fährt selten Auto, aber gern. Dann steht sie damit auf Großstadtstraßen herum, obwohl sie doch vorankommen möchte. Mit der Mobilitätsforscherin Philine Gaffron wollte sie sich genau dorthin begeben: in zähfließenden Verkehr.
von Wiebke Brauer

Die Verkehrsforscherin kommt mit einem kleinen Faltrad zu unserem möglicherweise stockenden Gespräch angefahren und ist kaum zu bremsen. Das betrifft zum einen die Geschwindigkeit, in der sie denkt, zum anderen die Energie, mit der sie für ihre Überzeugungen eintritt. Dr. Philine Gaffron arbeitet als Oberingenieurin am Institut für Verkehrsplanung und Logistik an der Technischen Universität Hamburg und setzt sich für nachhaltige Mobilität und Klimaschutz ein.

BARBARA: Sie besitzen gar kein Auto, oder?

Dr. Philine Gaffron: Nein, ich habe vier Fahrräder, die reichen völlig – allerdings habe ich mir mein Leben auch so eingerichtet. Ich benutze aber durchaus öffentliche Verkehrsmittel, Carsharing-Angebote und leihe mir manchmal ein Auto von einem Nachbarn.

Und wie finden Sie Autofahren so grundsätzlich?

Ich fahre manchmal schon gern, wobei ich es in der Stadt als Zumutung empfinde. Wenn ich etwas Schweres transportieren muss und im geliehenen Pkw unterwegs bin, frage ich mich, warum sich die Menschen das antun – das ständige Anhalten und Parkplatzsuchen.

Das ist doch schon mal gut: Die 50-Jährige ist keine überspannte Öko-Aktivistin, die jeden Autofahrer als Klimakiller beschimpft – und steigt dann auch ohne zu murren in meinen alten Mercedes ein. Der im Stadtverkehr ungefähr 17 Liter Sprit säuft. Und den ich nie hergeben würde, obwohl ich weiß, dass er eins von 47,7 Millionen Autos in Deutschland ist, die im Schnitt 23 Stunden pro Tag herumstehen.

Frau Gaffron, wahrscheinlich stehen wir gleich im Stau. Doof gefragt: Warum gibt es die überhaupt?

Es hat – simpel formuliert – etwas mit Angebot und Nachfrage zu tun.

Es gibt mehr Autos als Platz?

Genau. In der Stadt redet man in der Fachsprache von Knotenpunkten, auf gut Deutsch: Kreuzungen. Logischerweise muss man dort zum Beispiel bei roter Ampel anhalten, es kommt zum Stillstand. Und die Abflussgeschwindigkeit zusammen mit der Nachfrage bestimmt, wie viele Fahrzeuge es über die Kreuzung schaffen. Sind es zu viele, kommt es zum Rückstau.

Wir fahren in Richtung Hauptbahnhof. Auf der sechsspurigen Hauptverkehrsader steht normalerweise der Verkehr, ausgerechnet an diesem Nachmittag fließt alles, keiner hupt, niemand zetert. Zugegeben: Wir schleichen mit Tempo 30 voran. Exakt die Geschwindigkeit, die Frau Gaffron gern überall in der Stadt hätte – mit ein paar Ausnahmen, wie sie sagt. Weil wir oft eh nur von roter Ampel zu roter Ampel fahren. Und weil es bei geringem Tempo in den Straßen viel leiser wäre. Neben uns rollen Radfahrer auf einer abgeteilten Spur bergab in Richtung Zentrum. Sonst sausen sie hier am stockenden Verkehr vorbei, heute haben sie das gleiche Tempo wie die Autos. Und nasser haben sie’s heute, es regnet nämlich.

Okay, wir haben zu viele Autos. Was könnte Menschen überzeugen, umzusatteln?

Man könnte Spuren nach der Geschwindigkeit ausrichten. Rechts würden die langsameren Fahrräder fahren – meinetwegen auch die E-Scooter, wobei das noch mal ein ganz anderes Thema ist – und links Autos, E-Bikes und Pedelecs. Das wäre am sichersten und am effizientesten, was den Platz angeht. Wenn das Tempo insgesamt sinkt, hat man oft auch Platz für mehr Spuren.

Aber was macht man zum Beispiel als Person mit zwei Kindern und einem schweren Einkauf?

Ausgerechnet in dieser Sekunde radelt eine Mutter auf einem Lastenrad vorbei, vorne sitzen exakt zwei Kinder. Frau Gaffron lacht:

Die habe ich aber nicht bestellt!

Vielleicht reden wir lieber über Staus auf Autobahnen. Wie kommen die zustande?

Da haben wir das gleiche Problem mit der Menge, dazu kommen andere Faktoren. Bei Abfahrten oder einfädelnden Fahrzeugen oder Spurwechseln bremst man ab – und dann gibt es manchmal Phantomstaus.

Was ist das denn?

Die entstehen ohne ersichtliche Ursache, also ohne Baustelle oder Unfall. Grund ist das Fahrverhalten. Ein Beispiel: Ich überhole mit 120, jemand kommt hinter mir mit 130 und muss abbremsen. Der bremst aber nicht auf 120 ab, sondern vielleicht auf 110, die dahinter auf 105 … Und dann entsteht eine Welle, die sich nach hinten fortsetzt. Irgendwann kommt es zum Stau oder gar Stillstand. Diejenigen, die dafür verantwortlich sind, merken nichts, weil es hinter ihnen passiert.

Ist der Mensch etwa zu doof zum Autofahren?

Na ja, wir Menschen sind nicht in der Lage, immer im gleichen Tempo und mit dem gleichen Abstand zu fahren. Das würde wahnsinnig viel Konzentration kosten und wäre extrem anstrengend.

Wir sprechen kurz über das heiß diskutierte Thema Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen, Frau Gaffron erklärt, dass Staus umso schneller zustande kommen, desto größer die Geschwindigkeitsunterschiede sind. Überholen sich Laster und kommt jemand von hinten mit 200 angebraust, bremst der stärker – zack, hat man stockenden Verkehr.

Also kann man sich die Frage sparen, ob Sie für ein Tempolimit sind?

130 wäre ein Anfang, ich könnte mir auch 120 vorstellen. Ich kenne natürlich die Gegenargumente, nach dem Motto, das ist ja unsinnig und das Klima retten wir damit nicht ... Aber ganz ehrlich? Mir fällt kein einziges rational nachvollziehbares Argument ein, es nicht zu machen.

Denken Sie manchmal, dass wir in den 1950ern stehen geblieben sind, was das Thema Autofahren angeht?

Ich sag’s mal so: Wenn man sich mit Vertretern der Automobilindustrie unterhält, herrscht unter den Herren noch immer meist die Haltung: "Wir sind eine Säule der Gesellschaft" und keineswegs "Wir müssen etwas fundamental anders machen".

Ist es denn überhaupt gewünscht, dass sich groß etwas ändert?

Wir sehen in den Umfragen, dass es bei den Menschen ein Bewusstsein für die Probleme gibt – aber es passiert zu wenig. Wir brauchen mehr Geschwindigkeit bei der Veränderung. Veränderungen machen aber Angst. Und die muss man auch ernst nehmen – bis zu einem gewissen Grad. Klar, es wird immer Menschen geben, die man nie überzeugen wird. Aber das ist die Minderheit.

Raus aus der Stadt, rauf auf die Autobahn, wir fädeln uns zwischen schleichenden Lastern ein, die auf den Elbtunnel zusteuern. Frau Gaffron ist fast begeistert, dass der Verkehr endlich stockt:

Oh, schauen Sie! Ein Stau! Na ja, zumindest fahren alle ein bisschen langsamer. Wenn wir einen hätten, müssten wir ja sagen: "Wir sind der Stau." Weil wir ein Teil davon sind.

Womit Frau Gaffron den Finger auf den wunden Punkt legt: Ich bin diejenige, die gern mal samstags mit dem Auto in die Innenstadt fährt, um Socken zu kaufen. Ich beschließe, in die Offensive zu gehen.

Wollen Sie mir das Autofahren denn verbieten? Ich will auf meine Freiheit jedenfalls nicht verzichten!

Aber von welcher Freiheit reden wir denn?

Oh, jetzt wird es unangenehm. Zum Glück fahren wir in diesem Moment in den Tunnel. Es wird sehr laut. Will ich tatsächlich jemandem erklären, dass ich es für mein persönliches Privileg halte, in einer Blechkiste zu sitzen? Will ich nicht. Endlich erscheint Tageslicht am Ende. Wir beschließen, noch einen Umweg zu machen und auf die Köhlbrandbrücke zu fahren. Auch hier staut sich gerade nichts, warum, weiß kein Mensch, dafür ist der Blick herrlich: In der Ferne liegt die Stadt unter den Wolken, der Wind pfeift – ein guter Zeitpunkt, um nach der Zukunft zu fragen.

Frau Gaffron, stellen Sie sich vor, eine gute Fee fragt Sie nach Ihren drei Wünschen, was die Verkehrswende betrifft. Also?

Ich wünsche mir als Erstes, dass wir über die Hälfte weniger Autos haben. Dann, dass die mit grünem Strom fahren und viele davon Sharing-Fahrzeuge sind. Und als Drittes wünsche ich mir, dass Städte kinderfreundlich werden – dann wären sie nämlich für alle gut: sicher, sauber, relativ leise und klimafreundlich.

Und werden Ihre Wünsche in zehn Jahren erfüllt sein?

Warten Sie, ich hole mal eben meine Kristallkugel aus der Tasche, die habe ich zum Glück immer dabei.

Zum Abschluss wollen wir irgendwo in der Stadt einen Kaffee trinken. Den Vorschlag, einfach direkt vor dem Café in zweiter Reihe zu parken, findet Frau Gaffron natürlich völlig abwegig. Deshalb machen wir auch noch einen kleinen Spaziergang.

Das erste Auto von Dr. Philine Gaffron war eine Ente, an die sie sich gern erinnert. Es war trotzdem ihr letztes.

BARBARA 52/2020

Mehr zum Thema