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Streitende Paare Kann das Liebe sein?

Streitendes Paar
© Anna Tigra / Shutterstock
In jedem Freundeskreis gibt es dieses eine nervige Paar, das sich ständig fetzt. Kann das Liebe sein? Ja, weiß unsere Autorin – und zofft sich leidenschaftlich weiter.

Die haben uns wahrscheinlich schon einmal im Restaurant gesehen. Nein, nicht das Paar, das so schön miteinander lacht, auch nicht das, das gerade die Speisekarte studiert. Wir sind das Paar, das sich seit einer halben Stunde darüber streitet, welches die ideale Trinktemperatur für einen Barolo ist. Anstrengend, ich weiß. Und nein, ich würde auch nicht mit uns in den Urlaub fahren.

Denn mein Mann und ich sind die Masters of Zoff. Wir streiten zwar nicht rund um die Uhr, aber regelmäßig. Nicht mit rotem Gesicht, Türenknallen oder mit Dinge-an-die-Wand-Werfen, doch mit dem Ehrgeiz, alles, aber auch wirklich alles ausdiskutieren zu müssen. Hin und wieder steuern wir auf eine Einigung zu, meist aber endet die Konfrontation in einer Spirale aus immer schneller abgefeuerten "Aber ich finde …"-Argumenten. Bis einer abhaut und eine Runde um den Block geht. Oder unser Teenager die Musik aufdreht. Oder beides.

Wir streiten darüber, wie man die Geschirrspülmaschine richtig einräumt oder ab wann zu viel Pfeffer im Essen tödlich wirkt. Wessen Playlist in der Küche laufen darf und welcher TV-Star überbewertet ist. Wir streiten über die Wohnungseinrichtung. Machen doch viele Paare, werden Sie jetzt sagen. Ja, aber stehen die auch vor einer fremden Villa und zanken sich darüber, ob man im Falle eines Millionen-Lottogewinns den Wintergarten nun abreißen sollte oder nicht? Eben.

Die Mischung macht's

Dramatisch wird es, wenn sich Alkohol und Emotionen mischen. Wie beispielsweise bei Familienfeiern. Da haben mein Mann und ich mit unseren Wortgefechten bereits ganze Partys gesprengt: Erst waren die anderen Gäste irritiert, dann stritten sie ebenfalls, am Ende bil-deten sich verfeindete Lager.

Besonders häufig kracht es an Silvester. Einmal teilten wir unseren Freunden gegen zwei Uhr früh mit, dass wir uns jetzt scheiden lassen werden, um ganz sicherzugehen, dass die Stimmung auch wirklich im Keller ist – und zwar für alle.

Dabei wären wir um ein Haar gar nicht verheiratet worden. Es war ein heißer Sommerabend Ende der Neunziger, die Fensterläden standen weit auf, und in unserer Wohnung flogen Anschuldigungen wie Pingpongbälle hin und her. Davor stand der Pastor, der mit uns die geplante Hochzeit besprechen wollte. Er lauschte eine Weile, dann klingelte er: "Sind Sie wirklich sicher?" Ja, waren wir. Als wir zwei Wochen später vor dem Traualtar standen, formulierte es der kompromissbereite Kirchenmann in seiner Predigt so: "Eine gesunde Streitkultur ist wichtig für eine Ehe." Bingo, dachte ich und strahlte meinen Mann an. Hinter uns leises Gekicher.

Wie streitet man sich richtig?

Was ist überhaupt eine gute Streitkultur? In der Generation unserer Eltern wurden Konflikte ja gerne unter den Teppich gekehrt. Da braucht man kein Psychologiestudium, um zu ahnen, dass dieser Weg auch nicht der richtige ist. Um konstruktiv streiten zu lernen, machten mein Mann und ich vor einigen Jahren eine Paartherapie. Erste Lektion: Man solle Du-Botschaften ("Du räumst nie die Wäsche weg") durch Ich-Botschaften ("Ich würde mich freuen, wenn du die Wäsche wegräumst") ersetzen. Aber ist "Ich finde, du bist ein Idiot" jetzt eine Ich-Botschaft oder nicht? Darüber kann man streiten. Und das haben wir dann auch getan.

Natürlich kennen wir diese Bilderbuch-Pärchen, die nichts als pure Harmonie verströmen. Die einem das Gefühl geben, dass eine Partnerschaft ein Kinderspiel ist, dessen Regeln nur wir nicht kapiert haben. Aber mit den Jahren habe ich einige dieser Beziehungen in Schönheit sterben sehen. Inzwischen bin ich mir sicher, dass Streit der Kitt unserer Liebe ist. Auch wenn es wie ein Klischee klingt: Ohne Tiefen keine Höhen. Und wären wir uns egal, könnten wir ja jeden Abend nebeneinander auf dem Sofa sitzen und uns nett anlächeln. Ich hätte sicher nicht so viele graue Haare. Aber weniger Spaß.

Iris Soltau zeigte ihrem Mann diesen Text. Seine Reaktion: "Also, das stimmt doch so gar nicht …"

Barbara

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