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Süchtige Kinder: „Einmal habe ich sogar die Schulden bei ihrem Dealer bezahlt“

Süchtige Kinder: „Einmal habe ich sogar die Schulden bei ihrem Dealer bezahlt“
© Getty Images
Die Tochter von Ingrid Zeddies war süchtig. Als Teenager begann sie, Drogen zu nehmen, zu trinken und sich selbst zu verletzen. Ihre Mutter erzählte uns, wie sehr sie darum gekämpft hat, ihr Kind nicht zu verlieren – und warum ihre Tochter überhaupt süchtig wurde
von Tina Epking (Protokoll)

Katrin war immer besonders. Bis sie neun wurde, habe ich gedacht, dass sie sich durchsetzen kann und ihr Ding macht, aber dann ist uns aufgefallen, dass sie sehr traurig ist. Viel trauriger als andere Kinder. Bei ihr weinten sogar die Barbie-Puppen im Spiel ständig. Als sie dann in die Pubertät kam, hat sie selbst irgendwann zu mir gesagt, dass sie glaubt, dass irgendwas mit ihr nicht stimmt.

Katrin ist nicht nur süchtig nach Drogen. Sie hat in ihrem Leben immer alles exzessiv gemacht. Egal, ob es ums Lernen, Essen oder eben Kiffen ging. Eine Zeit lang hat sie bis zu 17 Joints am Tag geraucht, sie hat so viel Alkohol getrunken, dass sie nicht mehr stehen konnte, sie hatte Ess-Brech-Attacken, hat sich selbst so stark verletzt, dass sie ins Krankenhaus musste und Tabletten genommen bis sie ohnmächtig wurde. Manchmal hat sie nur eins von allem immer wieder gemacht, phasenweise auch alles auf einmal. Ich habe mich in den Jahren, in denen Katrin ihren Süchten so ausgeliefert war, beschissen gefühlt. Ich fühlte mich schuldig, ich habe nächtelang darüber gegrübelt, was ich falsch gemacht habe. Ich habe das alles natürlich persönlich genommen, war hilflos und völlig verzweifelt. Ich bin selbst Familienhelferin, aber bei meinem eigenen Kind half mir das nicht. Ich war viel zu nah dran. 

"Das Wichtigste war, mein Kind nicht zu verlieren"

Ich habe jahrelang alles getan, damit Katrin immer wusste, sie kann zu mir kommen. Ganz egal, was geschieht. Das Wichtigste war für mich immer, mein Kind nicht zu verlieren. Dafür habe ich sogar einmal ihre Schulden bei ihrem Dealer bezahlt. Eine Zeit lang hatte ich einen Zettel in meinem Portemonnaie, auf dem stand, dass das mein letztes Geld ist und sie es bitte drin lassen soll. Sie hat es trotzdem genommen. Da wusste ich, das ist nicht mehr meine Tochter, so brutal ist sie nicht, dahinter steht ihre Sucht. Dann habe ich sie gefragt, wo sie Schulden hat.

Es dauerte eine Weile, aber dann gab sie zu, dass ihr Dealer noch Geld von ihr bekommt. Ich habe gesagt: "Wir fahren da jetzt hin". Wir sind dann zum Ostkreuz in eine ganz düsteren Gegend und ich hatte so viel Wut im Bauch. Ich habe diesem jungen Mann das Geld vor die Füße geworfen und gesagt: "Wenn du noch einmal meiner Tochter auch nur einen Joint verkaufst, dann zeige ich dich an. Ich weiß jetzt, wo du wohnst". Ich war völlig aufgelöst, aber es hat mir auch gut getan, etwas zu tun. Katrin hat danach gelächelt, sie fühlte sich von mir beschützt und bestärkt, glaube ich.

Trotzdem blieb es natürlich auch danach schwierig. Sie fing dann aber langsam an, ihre Süchte zu kontrollieren. Sie wollte so nicht sein, sie wollte sich verändern. Sie hat sehr gekämpft. Gegen ihre Süchte, gegen ihre Störung, die wir erst später entdeckt haben. Sie fiel immer wieder zurück, aber sie hat weitergemacht. Bis heute.

Ich habe in diesen Jahren mit unzähligen Ärzten gesprochen, aber das hat vor allem zu Beginn nicht sehr geholfen. Letztlich dachten die meisten, Katrin sei ein Grenzfall zwischen Psychose und Neurose, aber ich hatte immer das Gefühl, dass ich alles falsch mache. Als Mutter ist man ja so emotional involviert, dass man viele Dinge nicht sieht. Oft bin ich auch so behandelt worden, als wäre ich verantwortlich für alles. "Was sind Sie denn für eine Mutter?", bin ich gefragt worden. Das war schrecklich.

"Sie wusste, dass sie immer zu uns kommen kann"

Mit 17 ist Katrin schließlich ausgezogen. Nach ihrem dritten Psychiatrieaufenthalt war klar, dass sie zuhause nicht gesund werden konnte. Wir haben ihr dann die Wohnung bezahlt. Psychologen raten einem oft, das Kind fallen zulassen oder rauszuwerfen, aber das habe ich nie gemacht. Wer kann das schon als Mutter?! Sie ist zwar ausgezogen, sie hat auch kein Geld mehr bekommen, aber sie wusste, das sie immer zu uns kommen kann, wenn sie Hunger hat oder Hilfe braucht. Irgendwann zu einem späteren Zeitpunkt hat sie mir auch gesagt, dass sie sehr dankbar dafür ist, dass ich immer für sie da war.

Das habe ich wirklich versucht. Sie rief nach ihrem Auszug oft nachts verstört und weinend an. Wochenlang sogar täglich. Es klingelte, und ich war sofort hellwach. Nach einer Zeit habe ich körperlich derartig auf diese Notanrufe reagiert, dass meine linke Seite, auf der ich das Telefon hielt, ganz steif wurde. Ich musste danach immer eine Woche lang zur Physiotherapie. Mit der Zeit habe ich gelernt, ihr Hilfe auch von anderer Seite anzubieten. Die Seelsorge, den Krisendienst – oder ich sagte ihr am Schluss doch, sie solle die S-Bahn nehmen und zu uns kommen. Wenn ich gar nicht mehr konnte, habe ich den Hörer meinem Mann gegeben.

Meine Tochter hat schließlich selbst herausgefunden, warum sie süchtig ist, warum sie sich so verhält, wie sie sich verhält. Sie hat ein Buch von einer Psychologin bekommen, in dem sie sich wiedergefunden hat: Darin ging es um Borderline. Endlich hatten wir einen Namen und konnten damit arbeiten. Das war für mich eine große Erlösung. Ich wusste jetzt, dass es auch an ihrer Persönlichkeitsstörung lag, dass sie sich systematisch selbst zerstörte und verletzte – und nicht nur an mir als Mutter, die versagt hatte. Dass all ihre Süchte vor allem aus ihrer Erkrankung resultierten.

"Nach all den Jahren konnte ich nicht mehr"

Ich habe es erst durch eine eigene Therapie geschafft, besser damit umzugehen, dass meine Tochter anders und oft so tieftraurig ist, dass sie nicht mehr leben will. Damals war Katrin schon Anfang 20, und ich brach zusammen. Nach all den Jahren konnte ich auf einmal nicht mehr. Wenn mein Kind sich umbringen wollte, würde es sich umbringen. Ich konnte nichts mehr tun. Das sagte ich auch so zu meiner Kollegin. Die war sofort alarmiert und schickte mich zum Chef, dem ich offen gestand, wie schlecht es mir ging. Ich hatte jahrelang durchgehalten – auf einmal war alles zu viel. Ich kapitulierte, ging zum Arzt, der mir eine Nummer von einer Psychologin gab, die mir schließlich ein Burn-out bestätigte. Diese Diagnose hat mich gerettet.

Ich weiß, ich bin nicht perfekt, ich habe aber immer versucht, Katrin alles zu geben. Mehr konnte ich einfach nicht. Ich bin heute 64, Katrin 36. Ihr geht es seit etwa 15 Jahren besser. Sie hat es geschafft, ihre Krankheit und damit auch ihre Süchte in den Griff zu kriegen. Wir leiten sogar mittlerweile zusammen eine Selbsthilfegruppe beim Verein www.bonetz.de. Im Moment führen wir wöchentlich für Borderline-Betroffene und ihre Angehörige einen Kurs zur Verbesserung von Beziehungsstrukturen durch. Dieses Programm heißt HAPPYSAD und ist von uns entwickelt worden.

Katrin hat heute einen Mann und zwei kleine Kinder, sie ist eine tolle Mutter. Das sagt mir, dass bei uns nicht nur viel falsch, sondern auch ganz viel richtig gelaufen ist. Das macht mich – nach all den schweren Zeiten – sehr glücklich.

Süchtige Kinder: „Einmal habe ich sogar die Schulden bei ihrem Dealer bezahlt“
© Katrin und ihre Mutter Ingrid Zeddies / Privat

Katrin und ihre Mutter Ingrid Zeddies leiten heute gemeinsam eine Selbsthilfegruppe für Betroffene und ihre Angehörigen.

Süchtige Kinder: „Einmal habe ich sogar die Schulden bei ihrem Dealer bezahlt“
© Sonja Vukovic / Privat

Die Geschichte von Ingrid Zeddies und ihrer Tochter ist eine von 13 Geschichten aus dem Buch „Außer Kontrolle. Unsere Kinder, ihre Süchte – und was wir dagegen tun können“ von Bestseller-Autorin Sonja Vukovic.

Es ist im Dezember 2017 im Lübbe Verlag erschienen und kostet 18 Euro.


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