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Systemrelevante Eltern: "Die Notbetreuung ist bisher ein schlechter Witz"

Die Notbetreuung ist ein schlechter Witz
© Getty Images
Eltern, die durch die fehlende Kinderbetreuung in große Probleme geraten sind, erheben heftige Vorwürfe. Eine funktionierende Notbetreuung ist vielerorts nämlich leider nicht mehr als eine peinliche Farce. 

Es waren beruhigende Worte, als die Kita- und Schulschließungen beschlossen wurden: "Eltern in systemrelevanten Berufen haben Anspruch auf Notbetreuung". Uff. Wenigstens das. Doch wer auf diese Notbetreuung angewiesen war, der musste recht schnell bemerken, dass hinter diesem Versprechen vielerorts nicht mehr als heiße Luft steckte. Los ging es schon bei der Frage: Wer ist denn nun systemrelevant? Yvonne (*), Drogeriefilialleiterin und Mutter zweier Kinder, befand man zumindest in der Kita ihres dreijährigen Sohnes für nicht relevant genug, um ihn aufzunehmen. "Es hätte mir sowieso nichts gebracht", sagt sie. "Die Notbetreuung findet nur montags, mittwochs und freitags von 8 - 13 Uhr statt! In einem anderen Kindergarten-Gebäude des Trägers mit völlig fremden Erziehern. Aus unserer Kita war keine einzige Erzieherin im Einsatz." Ihr blieb also nichts anderes übrig, als ihre Kinder mit zur Arbeit zu bringen. 

"Für ein Kind öffnen wir nicht"

Auch Melanie(*) und ihr Mann wissen nicht mehr, wie sie noch so viele Wochen klarkommen sollen. Bei beiden besteht der Arbeitgeber auf Präsenz, Homeoffice ist keine Option. Die 10 Tage Sonderurlaub, die Arbeitnehmern bei Krankheit der Kinder zugestanden werden, wurden ihnen "aus Kulanz" bereits gewährt. Doch dieser Bonus ist aufgebraucht. Obwohl Melanies Arbeit in der aktuellen Situation im Jobcenter gerade dringend gebraucht wird, gilt sie nicht als systemrelevant. Einige Kollegen haben trotzdem einen Notbetreuungsplatz bekommen. Doch in ihrer Kita wäre ihr Sohn das einzige zu betreuende Kind und die Kita-Leitung hat eine klare Meinung dazu: "Für ein Kind öffnen wir nicht!" Melanie hofft, dass sich das mit den neuen Beschlüssen ändert. Bis dahin müssen sie irgendwie zurechtkommen. "Uns bleibt nichts anderes übrig, als Familienmitglieder um Hilfe zu bitten. Selbst wenn das nicht mit der Kontaktsperre vereinbar ist."

Die Polizei stellt Betreuung

Und dann wären da noch Praxis und Theorie, die manchmal nicht so recht zusammen passen wollen, selbst wenn die Theorie toll klingt. Ein Polizist erzählt: "Wir bekommen Notbetreuungsplätze von der Polizei gestellt, weil bei uns im Ort keine Plätze angeboten werden. Aber jeder, der kleine Kinder hat, weiß, dass man die  nicht einfach ohne Eingewöhnung  irgendwo zu fremden Menschen reinschmeißen und erst nach einer ganzen Schicht wieder abholen kann. Das ist eine rein theoretische Lösung, die für die wenigsten Eltern und Kinder in Frage kommt." Aktuell arbeiten er und seine Frau, die auch Polizistin ist, deshalb zeitversetzt. "Was wir hier gerade machen, ist wahnsinnig kräftezehrend. Wir werden das nicht monatelang durchhalten können."

Langsam brauchen Eltern Hilfe

Ob systemrelevant, von Arbeitslosigkeit gefährdet oder einfach am Ende der eigenen Kräfte... es kann nicht sein, dass ganze Kindergärten leerstehen und Erzieher Gruppenräume schrubben oder zuhause bleiben, während Eltern verzweifeln oder Kinder unter Tränen bei völlig fremden Betreuungspersonen abgegeben werden müssen. Wer Glück hat, hat in diesen Zeiten einen kinderfreundlichen Chef, der sich mit in der Verantwortung sieht. Wer Pech hat, dem droht im schlechtesten Fall sogar der Jobverlust wegen der Unvereinbarkeit des Jobs mit der Betreuung der Kinder. 

Dabei sind Räume vorhanden und Arbeitskräfte. Es gibt sogar Erzieher, die Kinder bei sich zuhause mitbetreuen würden. "Aber das dürfen wir ja nicht!", sagt Meike, eine von vielen Erzieherinnen, die aktuell zuhause sitzen und auf neue Beschlüsse warten.

Was Eltern brauchen, sind Ansprechpartner, die nicht nach Katalogen, sondern nach Menschenverstand entscheiden. Und Politiker, die eine verbindliche Rechtslage schaffen für Eltern. Momentan dürfen sich noch nicht einmal zwei Familien zusammentun, um sich die Betreuung zu teilen. Das mag sinnvoll klingen, aber es ist für diesen langen Zeitraum schlicht nicht machbar...Deshalb bitte: Es gibt nicht nur schwarz (Kitas bleiben zu!) und weiß (alles läuft wie früher!). Es gibt eine Menge Grautöne, an die sich nur keiner herantastet. Das Recht, dass sich jeweils zwei Familien gegenseitig helfen dürfen, wäre sicher ein guter Schritt in eine richtige Richtung. 


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