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Telefonphobie Ruf mich nicht an!

Telefonphobie: Eine Frauenhand hält ein Handy, auf dem jemand anruft
© ronstik / Shutterstock
Über den Daueraustausch in ihrem Leben hat unsere Autorin ein eigenwilliges Leiden entwickelt: Sie erträgt keine privaten Telefonate mehr. Und fühlt sich geradezu bedroht, wenn’s nach Feierabend klingelt.

Was tun, wenn's klingelt?

Den Soundtrack des Horrorfilms "The Legend of Hell House" hätte ich gern als Klingelton. Unheilvoll und Furcht ein-flößend, passend zu der paranoiden Stimmung, in die mich Anrufe seit einiger Zeit versetzen. Vibriert es in meiner Nähe, erstarre ich, fixiere das Handy, ringe mit mir: Soll ich oder nicht? Doch ich bleibe regungslos. Ich will nicht, ich kann nicht! Es ist ein quälendes Gefühl, es bereitet mir körperliches Unbehagen wie ein Synthetikrolli auf nackter Haut. Ich winde mich, fange an, nervös an den Haarspitzen zu zwirbeln – bis es aufhört. Endlich Frieden! Dabei habe ich eigentlich nichts zu befürchten. Vermutlich wird mich niemand hinterrücks erdrosseln wollen, wenn ich rangehe, wie Grace Kelly in Hitchcocks "Bei Anruf Mord". Auch erwarte ich keine Heimsuchung von meinem Ex-Freund, der sich mal in der Dominikanischen Republik in meinem Beisein zum "Mister Playa Dorada" wählen ließ, wofür ich mich bis heute schäme. Wovor ich Angst habe, fühlt sich schlimmer an als das: eine belanglose Unterhaltung über irgendwas. Ein Abarbeiten der Standards Gesundheit, Beziehung, Job, Kinder, Wetter. Bitte nicht!

Dass ich mich durch private Anrufe angegriffen fühlen könnte, ahnt sicher niemand. Denn ich bin der Typ Mensch, der gern schnackt. Der Fremden beim Warten an der Ampel Gespräche aufdrängt, weil sie die gleichen Schuhe tragen. Der mit der Nachbarin aus dem 3. Stock endlos über den Zustand der Balkone lamentiert. Ich unterhalte mich gern im echten Leben, ich interessiere mich für alles, suche aktiv den Kontakt. Nur Nacherzählungen von Buchinhalten oder minutiöse Filmzusammenfassungen ertrage ich nicht. Und eben: penetrant ansteigendes Gebimmel. Denn es ereilt mich meist im letzten Tagesdrittel, wenn meine Kapazitäten erschöpft sind, ich satt bin an Kommunikation. Dass ich für diese Art von Gespräch ein technisches Hilfsmittel benötige, fühlt sich außerdem nach Arbeit und Erledigung an. "Nein", sage ich leise zu mir, wenn es klingelt, und schließe die Augen, um in mein Inneres zu flüchten.

Das Übermaß an Austausch das mit dem Job, dem Leben in der Stadt, den Kindern, den Gemeinschaften aus Kita, Schule, Sportverein und Weiß-der-Himmel-was in meinen Alltag eingezogen ist, hat bei mir zu einer ausgeprägten Telefonphobie geführt. Heute finde ich es unvorstellbar, dass meine Mutter früher das Kabel aus der Wand ziehen musste, damit ich endlich aufhöre, mit meinen Freundinnen am anderen Ende der Leitung über das zu sprechen, was ich in der halben Stunde seit unserem Abschied in der Schule erlebt habe. Heute ist genau das Einfach-nur-mal-so-Hören das Allerschlimmste für mich. Zeitverschwendung in höchster Vollendung.

Wenn ein Anruf Stress bedeutet

Das ist dann auch der Moment, in dem die geschilderten Symptome am stärksten zutage treten. Wenn jemand "kurz durchkommt", wie es in meinem Heimatort im ländlichen Niedersachsen heißt, bedeutet das für mich: purer Stress. Passiert es womöglich noch zur Netflix-Zeit nach 20 Uhr, empfinde ich es als Grenzüberschreitung, ja fast als Akt der Aggression. Denn am Ende eines gesprächsreichen Tages habe ich im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr zu sagen.

Ein Entrinnen gibt es jedoch nicht. Wenn das Klingeln verstummt, kommen die Zweifel: War es wichtig? Lasse ich jemanden in einer Notlage im Stich? Werde ich mich je zu einem Rückruf durchringen können? Und was, wenn der- oder diejenige dann auch noch rangeht? Ganz schlimm auch der Verfolgungswahn, wenn es draußen passiert: Wurde ich dabei beobachtet, wie ich voller Entsetzen auf mein Display starre, um das Telefon dann tief in der Tasche zu vergraben – womöglich vom Anrufer selbst?

Vielleicht bin ich der einzige Mensch, der Sprachnachrichten mag. Mitteilungen, die länger als zwei Minuten dauern, gelten allgemein ja als Zumutung. Aber warum? Am besten gefällt mir daran, dass ich sie abhören kann, wann ich will. Mir den Moment der Beschallung selbst aussuchen kann. Und zwar dann, wenn ich gerade wirklich nichts Besseres zu tun habe.

Lena Schindler geht öfter nicht ran, wenn unsere Redaktion anruft. Aber: Kurz darauf ruft sie zurück.

Barbara

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