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Terminkalender Den spare ich mir!

Terminkalender: Frau lachend auf Fensterbank
© TheGlowingCarrot / Shutterstock
Alle Jahreswechsel wieder verkaufen uns Kalender die Illusion von Machbarkeit. Unsere Autorin will in diesen Zeiten weniger Zeit für Terminplanung vergeuden. 
Karina Lübke

Nach langem Zögern habe ich es jahresroutinegemäß doch getan: für meinen Filofax neue Kalendereinlagen gekauft – in der gleichen Trotzhaltung, mit der Luther einst empfahl, heute noch ein Apfelbäumchen zu pflanzen, wenn morgen die Welt unterginge. Ich will mir doch den Weltuntergang eintragen können, sobald es dafür einen konkreten Termin gibt. Der, den die alten Maya für den 21.12.12 angesagt hatten, war ja ohne Angabe von Gründen oder Nennung eines Ersatztermins geplatzt. Man kennt es.

Gucken, was kommt 

Im Papierwarengeschäft fiel mir auf, dass es kaum noch Planer oder Kalender gibt, die zwischen den Tagen einfach Freiraum für eigene Gedanken und Notizen lassen. Dafür stapelweise Hybriden aus Erbauungsliteratur und Motivationstrainer, in die man zwischendrin auch mal einen Termin und viele Gefühle reinschreiben soll. "Ein guter Plan" etwa, der "ganzheitliche Terminkalender für mehr Achtsamkeit und Selbstliebe", verkaufte in den fünf Jahren seines Bestehens mehr als 250 000 Exemplare, die aktuellen laufen nun unter dem Motto "Zweitausendmeinundzwanzig – Zeit für Heilung". Hm, mal sehen, ob 2021 auf Mottopartys steht. Ich checke bei dieser Wortschöpfung jedenfalls sofort aus. Alternativ käuflich ist "Ein gutes Ziel – von unmöglich zu bewältigt in drei Monaten". Gerade nach 2020, das einem das Planen gründlich abgewöhnt hat, finde ich diesen Druck, dass man 2021 extra abliefern muss, überwältigend.

Hinter jedem "Organizer" steckt ja die Fiktion ultimativer Selbstwirksamkeit. Das hilft gegen Zukunftsangst: I have a plan! Auch ich bin gern vorbereitet und schätze Pläne als Stoßdämpfer auf dem oft buckligen, uneinsehbaren Lebensweg. Doch gerade wünschte ich mir eine verlässliche Vorschau, ob sich der emotionale Frühbucherrabatt für die bisherigen Träume und Vorhaben überhaupt lohnt. Gegen die Sorge, auch nächstes Jahr nix gebacken zu bekommen, kann man sich immerhin den "Brotbackplaner – Organizer für den perfekten Backtag" zulegen. Aber wo gibt es Kalender mit Titeln wie "2021 – Jetzt erst recht", "Das große Planlos" oder "Nur zu, bring Gott zum Lachen"? Denn wenn mich 2020 eines gelehrt hat, ist es das Gefühl von Demut und Akzeptanz. Energiesparend mitmachen, statt immer Macherin sein zu wollen oder zu müssen. Gucken, was kommt – vielleicht sogar nur auf Netflix.

Stresst euch nicht mit dem großen Plan. Ich schreibe in meinen Filofax jetzt Mikro-Termine wie "15–16 Uhr: Spaziergang" und trage mir als Jahresziel erst mal ein: "Nicht durchdrehen und nicht sterben". Stattdessen alltäglich noch viel lieber leben – ohne darauf zu warten, dass die Zeiten besser werden. Macht es euch in 2021 vorsätzlich gemütlich, nehmt euch Zeit für Menschen, mit denen ihr notfalls auch eine neue Pandemie, diverse Pressekonferenzen der Bundesregierung oder die Zombie-Apokalypse durchstehen wolltet. Gut möglich, dass man dabei ganz ungeplant glücklich wird.

KARINA LÜBKE schreibt und chillt in Hamburg. Diese Kolumne plant sie allerdings auch für 2021 fest ein. 

BARBARA 52/2020

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