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Psychologie Keine Ratschläge bitte! Was wirklich hilft, wenn du helfen willst

zwei Hände
© We Are / Getty Images
Eine Freundin schüttet dir ihr Herz aus, ein Kollege hat Stress mit der Vorgesetzten, ein Freund leidet unter Liebeskummer, und du willst so gern helfen. Doch irgendwie rennst du immer gegen Mauern? Dann liegt das vielleicht, daran, dass du die Wippe zwischen euch nicht ausbalancierst. Häh? Verstehst du nicht? Dann lies selbst.

Es ist uns in der Regel ein Grundbedürfnis, Menschen zu helfen, denen es nicht gut geht. Vertrauen andere sich uns an, wollen wir etwas tun, damit es ihnen schnell wieder besser geht. Da sind gut gemeinte Ratschläge schnell bei der Hand. Leider gehen die oft nach hinten los, weil sie die Wippe zwischen uns in Schieflage bringen. Warum das so ist, was es mit dem Konzept der therapeutischen Wippe auf sich hat und wie wir wirklich gute Helfende werden, erklärt uns Psychologin Sally Schulze.

Barbara.de: Liebe Sally, therapeutische Wippe klingt sehr klinisch, was verbirgt sich dahinter?

Sally Schulze: Sehr viele therapeutische Techniken werden an hochschwierigen Problembildern entwickelt, wie beispielsweise in diesem Fall für Borderline-Patient:innen – was ja auch Sinn macht: Da wo der Pain am größten ist, denkt man sich was aus. Damit einem das hilft, muss man aber überhaupt nicht krank sein. Das Ganze funktioniert von der Grundidee her auch bei Gesunden.

Kannst du uns das an einem Beispiel erklären?

Angenommen meine Freundin ruft mich an und erzählt, was ihr heute alles Ätzendes im Job passiert ist. Und während sie erzählt, denke ich gleich: "Boah, ich habe Ideen, was man da machen kann" und antworte vielleicht: "Ja, dann musst du deinem Chef mal sagen, dass er so nicht mit dir umgehen kann." Dann kann es aber passieren, dass ich damit unsere Wippe ins Ungleichgewicht bringe.

Inwiefern?

Ins Bildliche übertragen, sitzen wir beide wie auf dem Spielplatz außen auf der Wippe. Meine Freundin will erzählen, und der Auftrag an mich lautet: Hör zu! Indem ich ihr jetzt aber sage: Tu das oder das, rutsche ich viel näher in die Mitte oder gehe vielleicht sogar über die Mitte und damit viel zu nah an sie heran. Was passieren wird: Sie geht einen Schritt zurück, und die Wippe kippt, weil sie sagt: Nein, das geht nicht, das kann ich aus den und den Gründen nicht machen. Oder im schlimmsten Fall: Ach, das war eine blöde Idee, dir das zu erzählen. Ich sollte aufhören, so viel zu jammern. Mich versteht sowieso niemand.

Was können wir tun, damit genau das nicht passiert?

Zunächst einfach erst mal erzählen lassen und nur aktiv zuhören. Im Anschluss kann man fragen, ob das vielleicht schon geholfen hat. Dann macht unser Gegenüber selbst vermutlich erst mal einen Schritt nach vorn und sagt vielleicht: Ja, hat schon etwas geholfen, aber können wir vielleicht gemeinsam überlegen, was ich jetzt machen kann? Und dann kann ich auch ein Stück nach vorn kommen.

Woran erkenne ich, dass ich zu weit nach vorne gegangen bin?

Ein guter Indikator dafür ist, dass unser:e Gesprächspartner:in entweder das Thema wechselt, das Gespräch beendet oder Gegenargumente sucht (oft mit "Ja, aber…" eingeleitet). Dann sollte man selbst einen Schritt zurück gehen und erst mal fragen: Habe ich dich überhaupt richtig verstanden? Hat es dir geholfen, mir davon zu erzählen? Sollen wir zusammen überlegen, was du machen kannst? Manchmal will der:diejenige das auch einfach nur erzählen.

Warum bewirken Ratschläge bei unserem Gegenüber genau das Gegenteil?

Menschen haben das Bedürfnis, sich selbstbestimmt zu fühlen. Jemandem helfen bedeutet auch immer, dass man dem anderen einen Teil seiner Autonomie wegnimmt. Bei der therapeutischen Wippe versuchen wir, nur so viel vom Handlungsspielraum des anderen zu nehmen, wie wirklich sinnvoll ist. Der Spruch "Ratschläge sind auch Schläge" passt hier ziemlich gut in den Kontext. Denn wenn wir Handlunsganweisungen rausgeben, ohne das Einverständnis des anderen, machen wir das Gleichgewicht kaputt. Auch wenn es manchmal schwer ist, am Ende der Wippe zu bleiben. Das muss man dann aber aushalten.

Das ist aber gar nicht so einfach, die eigenen Muster zu durchbrechen und Geduld zu haben…

Nein, aber man kann das üben und immer wieder trainieren. Dafür muss man kein Therapie-Handbuch lesen, sondern kann einfach mal ins Impro-Theater gehen. Wenn ich dort Ja/Nein-Fragen stelle, macht das den ganzen Plot kaputt, weil sich nichts mehr entwickeln kann. Wenn meine Antwort mit "Ja, und…" beginnt, lässt das dem anderen Raum und Autonomie. Dann kommen da ziemlich viele gute Sachen bei rum. Und so ist das in Gesprächen auch.

Wichtig ist: Du sollst nicht zur Therapeutin werden. Hierbei geht es vielmehr darum, feinfühliger zu werden. Ähnlich wie beim aktiven Zuhören, das ja auch aus dem therapeutischen Kontext kommt, aber mittlerweile auch sehr viele Menschen kennen.

Sally Schulze
© PR

Sally ist Diplompsychologin, approbierte Psychotherapeutin und Expertin für Frauenheilkunde. Sie hat vier Jahre lang Frauen mit drohender Frühgeburt und Eltern auf der Babyintensivstation der Uniklinik Frankfurt betreut. Sie ist daher Expertin im Umgang mit Krisensituationen. An der Uniklinik hat sie außerdem Paare mit unerfülltem Kinderwunsch ehrenamtlich beraten. Bald schon konnte sie die vielen Anfragen von emotional belasteten Paaren nicht mehr abdecken. Aus diesem Bedarf heraus entstand die Idee für die Onlineplattform MentalStark.

Barbara

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