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Therapie für alle! Warum wir mehr über uns reden sollten.

Frau schlägt Hände vor das Gesicht
© Getty Images
Kein Leben läuft immer schnurgeradeaus, Krisen und Kurven gehören dazu, sagen sie. In der Theorie weiß unsere Autorin das, doch als sie sich plötzlich inmitten einer ausgewachsenen Katastrophe wiederfindet, plädiert sie für: mehr Therapie, Coaching und überhaupt Hilfe für alle. 
von Lara Mayer

Therapie: ein Begriff aus der Hölle. Er klingt krank, gestört, so als ob man kurz vor dem Wahnsinn stünde und komplett verrückt würde. In meinem Fall fühlt sich das tageweise auch so an, trotzdem will ich nicht, dass man so über mich denkt. Jedesmal wenn ich das Wort "Therapie" benutze, werde ich unweigerlich leiser, nuschel das so vor mich hin und will nicht, dass es jeder hört.

Darüber zu sprechen, ist eigentlich nicht mein Problem...

...das Denken darüber anderer Leute schon. Ich trage mein Herz auf der Zunge, ich habe kein Problem damit, andere an meinen Problemen teilhaben zu lassen – ganz im Gegenteil: Etwas mehr Zurückhaltung wäre in einigen Situationen nicht verkehrt. Aus mir poltern meine Gefühle oft einfach raus. Ich bin nicht gut darin, auszuhalten. Stattdessen entladen sich die Emotionen, die sich in mir drin so schlecht anfühlen. Manchmal zu oft und vielleicht deshalb, weil es leichter für mich ist, mich jemandem zuzumuten als mich selbst zu schützen. Aber wie das so ist mit den Tabu-Themen: Jemand muss den Anfang machen. Plötzlich erzählt dann die Kollegin, ein Freund oder eine Bekannte, dass er oder sie auch schon einmal eine Therapie gemacht hat, oder dass es gerade an diversen Stellen hakt und eine Therapie sicherlich sinnvoll wäre.

Und dann fühlt man sich plötzlich wieder total normal

Das ist irgendwie erschreckend und beruhigend gleichermaßen. Denn einerseits fühlt man sich weniger wie eine merkwürdige Laune der Natur mit Seltenheitswert, andererseits ist es natürlich traurig zu hören, wie vielen Menschen es gerade nicht so gut geht. Dann fragt man sich, ob das jetzt das Leben ist und all das negative rückt viel größer in den Fokus, als es eigentlich ist. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir erwarten, grundsätzlich glücklich und zufrieden zu sein. Das soll schließlich der Normalzustand sein, der als gegeben hingenommen wird. Aber von anderen zu hören, "Hey mir ging es auch mal richtig scheiße, aber gerade geht es mir gut", würde vielleicht helfen und Zuversicht wecken, dass auch nach einem ganz tiefen Tal, wieder ein Hoch kommen kann, man nicht ewig in seiner Grauzone gefangen und zu Leid verdammt sein wird. 

Aufräumen. Bei sich selbst.

...und das erfordert Mut. Je nachdem wie groß oder klein das Problem ist, gräbt eine Therapie Dinge aus, die man vor sich selbst versteckt hat. Gefühle, Erinnerungen, Erkenntnisse, die man lange ignoriert und unterdrückt hat, bahnen sich dann ihren Weg an die Oberfläche und man muss sich trauen, hinzusehen und etwas zu tun. Jede von uns hat sie: Prägungen, Verletzungen und Ängsten, die hemmen, die anstrengend sind, die aus der Kindheit mitgeschliffen wurden und auf irgendeine Art beeinträchtigen. Jede trägt etwas in sich, das angesehen werden möchte. Und wenn man dazu den Mut hat, zu reflektieren, zu therapieren, zu coachen, kann man sich ein ganz großes Stück näher kommen und viel über sich selbst lernen. Aber man muss sich bewegen und sich selbst zutrauen, durch den Schmerze gehen zu können. Das wiederum würde unsere Beziehungen besser machen und uns wieder mehr miteinander verbinden, weil wir all unsere kleinen und großen Unzulänglichkeiten, Träume und Verletzungen nicht mehr auf unseren Partner projizieren, sondern sie bei uns anschauen würden. Ich möchte in Zukunft lauter sagen, dass ich zur Therapie gehe. Wenn das nur einem einzigen Menschen Mut macht, sich Hilfe zu holen, hat es sich gelohnt.


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