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Interview Der Plausch zwischen Barbara und Thomas Hermanns

Thomas Hermanns: Barbara Schöneberger und Thomas Hermanns
© Paula Winkler
Dass sich mit Thomas Hermanns und Barbara gleich zwei Showgrößen auf unserer Bühne treffen, das verdient einfach mal einen Tusch: Tadaaa!

Barbara: Thomas, wir kennen uns schon viele Jahre. In der Vorbereitung auf dieses Gespräch wurde mir klar, was uns eint. Weißt du’s?

Thomas: Wir haben am 5. März Geburtstag.

Das auch. Was ich aber meine: Wir haben beide zu Hause eine tolle Basis gehabt. Unsere Eltern haben uns nichts als Liebe und bedingungslose Unterstützung mitgegeben.

Stimmt. Und das war als Startrampe total wichtig. Diese Liebe können wir an unser Publikum weitergeben, das ginge bestimmt nicht, wenn wir zu Hause immer nur gegen Wände gelaufen wären mit unserer Art.

Das ist wie eine Teflonbeschichtung, oder? Ich glaube, meine Eltern haben mich komplett resilient gemacht gegen jede Art von Rückschlag und Misserfolg. Der kratzt nicht an mir, weil ich weiß, dass mein Kern von Haus aus ein ganz solider ist.

Meine Eltern waren echt die coolsten. Die kamen auch zu meinen ersten Auftritten in einer Travestieshow, in der ich im Kleid meiner Mutter Liza Minnelli gesungen habe. Und sie saß unten zwischen lauter graubärtigen schwulen Hippies und sagte hinterher: War ganz lustig. Das war genau das, was ich damals brauchte. Denn hätte sie dieselben Zweifel gehabt wie so viele andere um mich herum, dann wär das nix geworden mit mir.

Die vielen anderen, das waren die Feuilleton-Kritiker, hast du mir mal erzählt.

Ja, die nehmen mich bis heute nicht ernst. Was einen Unterhaltungskünstler nicht stören muss. Aber auch meine Kommilitonen im Theaterwissenschaftsstudium hatten für mich das allergrößte Unverständnis. Und bei dir?

Eigentlich immer nur meine jeweiligen Lebenspartner. Aber ich bin dann jeweils zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht meine Art zu arbeiten ändern muss, sondern meinen Beziehungsstatus.

Das kenne ich. Die größte Belastungsprobe für alle meine Beziehungen vor meinem Mann: der Premierenabend. Danach standen die Fettnäpfe zu Dutzenden in der Garderobe herum. Ein typisches Beispiel: Instant-Kritik, drei Minuten nach dem letzten Applaus, und zwar im Detail.

Du meinst: Warum die zweite Strophe im sechsten Lied nicht funktioniert hat.

Genau so. Dabei gilt dort in der Garderobe die Regel: Erst mal Rosen überreichen und drücken, danach kann man über alles reden. Fatal aber auch, wenn man gelobt wird, als hätte man gerade den Bühnen-Oscar gewonnen. Man ist extrem offen und verletzlich an einem solchen Abend, aber auch nicht komplett bescheuert. Na ja, ich habe mich jedenfalls schon öfter an Premierenabenden getrennt.

Der Applaus der anderen ist ja das eine – aber beherrschst du eigentlich auch die Fähigkeit, dich selbst zu loben? Nein, warte, ich möchte es größer formulieren: Thomas, was hast du eigentlich für Deutschland getan?

Meine Güte. Wo soll ich da anfangen?

Vielleicht bei deiner Kernkompetenz.

Na gut. Ich würde sagen, dass ich in meinen 30 bis 40 Jahren im deutschen Showgeschäft die Nation lustiger, fröhlicher, charmanter, musikalischer, showiger und erotischer gemacht habe, an allen Fronten, an denen ich aktiv war.

Und das waren viele.

Allerdings. Das ging von der Inszenierung von Modenschauen bis zur Erotiktravestie, von der Comedy bis zur Jonglage …

Und wenn die Gerüchte stimmen, hast du eines deiner größten Verdienste um die Laune deiner Mitbürger noch gar nicht genannt.

Du meinst …

Man sagt, du persönlich hättest Karaoke nach Deutschland gebracht.

Und das stimmt! Mit Kassetten, die ich Anfang der 1990er aus New York nach Deutschland eingeschleppt habe. Mit kopierten Zetteln, von denen die Menschen die Texte abgesungen haben. Das gab es in diesem Land damals noch nicht, und die Presse war sich zu jener Zeit auch ganz sicher, dass sich hinstellen und schlecht singen hier im Leben nie durchsetzen würde.

Hast du denn daran geglaubt, dass es funktionieren würde?

Eigentlich schon. Wir haben nämlich allen vor ihren Auftritten gesagt: Macht es so schlecht wie möglich, dann wird es lustiger. Und das war es dann auch: sehr, sehr lustig. Und ganz ehrlich: Wenn sich so etwas in New York durchsetzt …

Verstehe. Du hattest davor eine Zeit lang da drüben gelebt.

Ja, in meinen frühen Zwanzigern, für eineinhalb Jahre. Das war so toll. Und Karaoke eben auch. Sind wir eigentlich noch beim Eigenlob?

Aber hallo. Wieso?

Weil ich tatsächlich ein bisschen prominent geworden bin in New York – ich habe "Like a Virgin" auf Deutsch gesungen und es damit in die "New York Times" geschafft.

Nein!

Doch. Ich habe nämlich im East Village bei einer Performance-Aktion mitgemacht, Songs von Laura Branigan und Madonna geträllert und mich dabei in einem Tigertanga an einer Leine über die Bühne ziehen lassen.

Ah ja.

Das war also schon ein bisschen mehr als Karaoke und auch nicht nur Unterhaltung, sondern ganz schön arty. Und es war eben ein Kritiker der "Times" da, der schrieb hinterher: "Thomas Hermanns singt Popsongs auf Deutsch und schwingt die Hüften." Nicht mehr. Aber immerhin.

Wie toll. Ich bin beeindruckt. Übrigens auch davon, dass du das tatsächlich kannst: dein Licht nicht unter den Scheffel stellen.

Ich glaube, auch das habe ich in Amerika gelernt. Die Leute da drüben haben überhaupt kein Problem mit Erfolg, weder mit dem anderer noch mit ihrem eigenen. Die zeigen auch ihre Häuser, Autos und sonstige Errungenschaften her, wenn sie stolz darauf sind. Hier neigen wir zu oft zum Abwinken, wenn wir für etwas gelobt werden, und sagen: Ach, war doch nix. Meine Karriere? Alles nur Glück! Das unterscheidet uns von den Amis.

Wie erklärst du dir das?

Wir haben hier so einen protestantischen, fast schon calvinistischen Blick auf die Dinge … Warum guckst du jetzt so betroffen?

Na ja. Ich kenne das von mir ziemlich gut, dieses Calvinistische, Relativierende. Ich erkläre mir sehr viel in meinem Leben mit Glück, und ich weiß wirklich nicht, ob ich da sooo viel geleistet habe …

Jetzt hör aber auf. Ich weiß beispielsweise genau: Du warst immer wahnsinnig fleißig und stressresistent. Du warst immer pünktlich und hast deinen Job gemacht, zu unmöglichen Zeiten an unmöglichen Orten.

Na, wenn das schon reicht.

Glaub doch bitte bloß nicht, das bisschen laut herumalbern wäre keine Leistung, dafür hätten wir doch gar nichts verdient – und schon gar nicht das, was wir tatsächlich damit verdienen.

Aber das denkst du doch auch manchmal.

Schon. Aber wenn ich in diesem Jahr etwas gelernt habe: Wie sehr die Leute inzwischen leichtes Entertainment schätzen. Die haben am Ende eines Tages voller schlechter Nachrichten die Schnauze voll von ntv. Die wollen, dass da jemand die Showtreppe runterkommt und strahlt. Und dafür gibt es dich und mich. Und deine große Professionalität ist etwas, für das du dir selbst auf die Schulter klopfen darfst. Es gibt nicht viele Kollegen, die so sind.

Okay.

Ich kenne dieses Abwinken, dieses Sich-Kleinmachen doch auch von mir. Aber das ist in Wirklichkeit doof. Weißt du, ich renne allmählich auf die 60 zu. Und wenn ich zurückblicke, kann ich durchaus mal selbstzufrieden grinsen und mich wie Joan Collins in ihren besten Zeiten fühlen.

Oh, ich hab auch letztens gerade zurückgeblickt, für eine Fernsehdokumentation über mich. Und da habe ich festgestellt: Mir ist auf meinem Weg bis zu dieser Stelle nie wirklich bewusst gewesen, was ich alles gemacht habe in den vergangenen 20 Jahren. Da musste erst einer kommen und sagen: Bleib mal stehen. Dreh dich mal um. Ich war danach tatsächlich ein bisschen verblüfft, was für eine Menge Zeugs da zusammengekommen ist.

Und vieles davon war krude, oder? Bei mir jedenfalls, da gab es jedes Jahr eine neue Show, ein anderes Projekt, und das ein oder andere war nicht so doll. Das ist das Makramee des Lebens. Aber ich erkenne im Rückblick zumindest einen roten Faden.

Und der wäre?

Ich war immer im Dienste der guten Unterhaltung unterwegs. Aber jetzt will ich auch mal Eigenlob aus deinem Munde hören. Also, Barbara: Was kannst du richtig gut?

Hm … okay, pass auf: Ich kann meinen Job fast immer richtig gut einschätzen. Egal, wo ich bin, was ich auch moderiere, ich beantworte für mich drei essenzielle Fragen: Wo bin ich hier, was ist das hier, und was vertragen die Leute? Also: Worüber können die lachen und worüber nicht? Und ich habe ganz gut drauf, Grenzen auszutesten, und am Ende haben sich alle amüsiert. Ich kann mich also super anpassen, und trotzdem habe ich am Ende des Abends eine Sache rausgehauen, die sich andere vielleicht nicht getraut hätten. Das habe ich übrigens von dir gelernt.

Gern geschehen. Und ich füge hinzu: Du kannst in angespannten Situationen den Dampf vom Kessel nehmen. Du schaffst es, dass alle im Publikum locker und relaxed werden. Und warum?

Na?

Weil du die Leute nicht für blöd hältst. Du sagst, du holst sie da ab, wo sie stehen. Ich sage: Du unterschätzt sie nicht. Du forderst dein Publikum an bestimmten Stellen, aber du nimmst es nicht mit, sondern bringst es dazu, dir zu folgen. Und diese Mischung aus Anspannung auflösen und das Publikum oder deine Talkgäste ernst nehmen – das ist deine Meisterleistung, und deshalb kannst du von der Autohauseröffnung bis zum tiefsinnigsten Interview alles moderieren.

Das ist sehr süß von dir, das nehme ich jetzt mal ganz unprotestantisch an. Aber mir fällt gerade auf: Wir haben vorhin zwar geklärt, was du für dieses Land geleistet hast. Aber nicht, wie. Also: Was kannst du richtig gut, Thomas?

Meine besondere Stärke ist ein bisschen schizophren: Ich kann fast immer die verschiedenen Positionen aller Beteiligten verstehen, und dir muss ich nicht erzählen, dass es bei einer Show, die man produziert, sehr viel mehr als nur eine Meinung gibt. Kaum einer, der es nicht gemacht hat, kann sich in einen Künstler hineinversetzen oder in einen Regisseur, Autor, Moderator … Ich schon, und ich glaube, das ist etwas Besonderes.

Darf ich dich auch noch ein bisschen loben?

Ich bestehe darauf.

Es ist so: Wenn wir ein neues Sofa brauchen, gehe ich mit meinem Mann los, er bleibt bei der ersten Couch stehen und sagt: Die ist doch schön, die nehmen wir. Aber wenn man schon Unmengen von Sofas gesehen hat, dann weiß man, welche wirklich schön sind.

Äh … wo immer das jetzt auch hinführt.

Okay, blödes Beispiel. Was ich damit sagen will: Du hast einfach schon alles gesehen, und aus diesem unendlichen Repertoire kannst du dich bedienen. Du hast ein profundes Wissen über alle Facetten des Showgeschäfts, du hast Humor, und du hast irre viel Empathie und Liebe für alle, die mit dir arbeiten. Deshalb wird alles, was du anfasst, immer ein bisschen größer und glamouröser als bei anderen.

Das hast du jetzt sehr schön gesagt.

Lass uns noch schnell über zukünftiges Lob sprechen.

Wie meinst du das denn?

Na ja: Hast du Träume, die du dir verwirklichen möchtest?

Ah, du meinst: ein Projekt, für das ich irgendwann mal gefeiert werden möchte? Das habe ich. Und das hat viel mit meiner Lieblingsstadt zu tun.

New York City.

Eben die. Also: Ich möchte unbedingt einmal eine meiner Shows im Ausland inszenieren, und am liebsten auf einer Bühne in New York. Die da drüben denken ja immer noch, wir Deutschen können gute Unterhaltung einfach nicht. Da habe ich den sehr starken Ehrgeiz, das Gegenteil zu beweisen.

Und wenn die "New York Times" ihren Kritiker schickt …

… wird der natürlich voll des Lobes sein. Was denn sonst.

STEPHAN BARTELS plant und begleitet unsere Herrenbesuche und Mädelsabende, weil er das kann wie kein Zweiter. Wirklich: Kompliment!

THOMAS HERMANNS studierte Theaterwissenschaften in München und brachte von einem längeren New-York-Aufenthalt tatsächlich Karaoke und Standup-Comedy mit nach Deutschland. 1992 gründete er den "Quatsch Comedy Club" mit mittlerweile vier Live-Clubs (neue TV-Folgen ab April auf Sky Comedy). Er moderiert TV-Shows, ist Autor und Regisseur diverser Musicals, schreibt Bücher, zuletzt "Netter is better" (Gräfe und Unzer). Der 57-Jährige lebt mit seinem Mann in Berlin.

BARBARA 53/2021

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