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Thomas Hoppe Gehörlos bei der Feuerwehr – Wie geht das denn?

Thomas Hoppe: unscharfes Foto von Feuerwehrmännern, die neben einem Feuerwehrauto stehen
© LightField Studios / Shutterstock
Sirenenalarm und schnelle Kommandos? Bekommt Thomas Hoppe nicht unbedingt mit. Er ist gehörlos – und macht gerade eine Ausbildung bei der freiwilligen Feuerwehr.

"Der Feuerwehrbereich passt zu uns Gehörlosen"

Thomas Hoppe, 52, lebt mit Frau Kirsten, die auch gehörlos ist, und den zwei Kindern im Kreis Pinneberg, Schleswig-Holstein.

Mein Bruder ist bei der freiwilligen Feuerwehr in Göttingen – den habe ich immer beneidet. Bei einem Fest in unserem Ort fragte mich dann ein Freund, ob ich nicht mal bei unserer freiwilligen Feuerwehr vorbeikommen möchte.

Die Gerätewartung interessierte mich, aber so einfach war das nicht. Um dabei sein zu können, muss man aktives Mitglied der Feuerwehr sein und dafür auch die Ausbildung absolvieren. Ich dachte, so etwas sei für mich verboten. Es gibt keine gehörlosen Feuerwehrleute. Aber das Team von der freiwilligen Feuerwehr hier im Ort hat sich sehr für mich eingesetzt, mit Behörden und Ausbildern gesprochen, viel telefoniert. Es sind wirklich eine Menge Leute involviert, auch Freunde, die organisiert haben, dass die Gelder für die Gebärdendolmetscherinnen bewilligt werden. Der ganze Prozess hat neun Monate gedauert. Es gab aber auch Freunde, die skeptisch waren und sagten: Das klappt nie, du kannst nicht zur Feuerwehr gehen, du hörst doch nichts! Aber ich habe von Anfang an gesagt: Ich schaffe das. Ich finde, der Feuerwehrbereich passt zu uns Gehörlosen. Wir sind visuelle Menschen. Ich sehe sofort, wo etwas kaputt ist, und kann Situationen schnell und gut einschätzen. Klar, ohne Dolmetscherinnen und die Kameraden wäre das alles nicht möglich. Vieles verstehe ich zwar durch Mimik und Körperhaltung, aber eben nicht alles. Meine Kameradinnen und Kameraden lernen daher gerade Gebärdensprache. Diese Unterstützung bedeutet mir sehr viel.

Hauptberuflich bin ich Feinmechaniker im Metallbereich. Seit Juni dieses Jahres mache ich nun die Ausbildung zum "Truppmann", das ist die erste Stufe, die man durchlaufen muss. Wir lernen, wie man Löschwasser einsetzt, Knoten macht, sich von einem Balkon abseilt und wie man Menschen aus einem Fahrzeug herausschneidet. Der Lehrgang findet abends und am Wochenende statt, im Wechsel unterstützen mich vier Dolmetscherinnen. Ich lese aber auch viel im Internet, lerne mit Feuerwehr-Apps. Doch die praktischen Übungen, bei denen man alles anfassen kann, machen mir am meisten Spaß. Mittlerweile war ich bei zwei Einsätzen dabei, bei einem Verkehrsunfall und bei einem kleinen Brand. Allerdings bleibe ich in der zweiten Reihe. Aus Sicherheitsgründen. Das verstehe ich – und damit kann ich gut leben.

"Für mich war das ein total neuer Bereich"

Birte Lessing, 42, ist seit 15 Jahren Gebärdensprachdolmetscherin und nun auch Expertin in Sachen Feuerwehr.

Die Hoppes kenne ich seit etwa sieben Jahren, ich komme aus dem Nachbarort, dolmetsche für Thomas und seine Frau manchmal bei Elternabenden ihrer Kinder. Seit diesem Jahr übersetze ich für Thomas auch bei seiner Feuerwehrausbildung. Das ist schon eine Herausforderung und für mich ein total neuer Bereich, sehr technisch, viele der Geräte kannte ich gar nicht. Vor den Lehrgängen schickt mir Maike oft Youtube-Videos, damit ich mich in die Themen einarbeiten kann. Wenn dann doch bei einem Vortrag ein Begriff fällt, den ich nicht kenne, müssen mir die Kameraden das Teil zeigen. Manchmal entwickeln Thomas und ich ganz neue feuerwehrspezifische Gebärden, zum Beispiel für das "Ding", auf dem man die Schläuche aufrollt. Damit alle auf demselben Stand sind, nehme ich für meine Kolleginnen neue Gebärden in einem Video auf und teile das in unserer Gruppe. Vier Dolmetscherinnen unterstützen Thomas, ich übernehme die terminliche Koordination. Ehrlich gesagt habe ich den Umfang der Ausbildung am Anfang etwas unterschätzt. Ich habe den größten Respekt vor allen Feuerwehrleuten dieser Welt bekommen.

"Jeder hat ein Talent, jeder kann bei uns mithelfen"

Maike Bahlke, 53, ist stellvertretende Wehrführerin bei der freiwilligen Feuerwehr Klein Offenseth-Sparrieshoop, die 60 aktive Mitglieder hat.

Als ich hörte, dass Thomas bei uns mitmachen will, wollte ich ihn unterstützen. Jeder kann in der Feuerwehr helfen, jeder hat ein Talent. Man muss nicht alles können. Wir haben deshalb die Regel aufgestellt, dass Thomas bei Einsätzen nicht im absoluten Gefahrenbereich, sondern in der zweiten Reihe steht und sich immer einen "siamesischen Zwilling" unter den Kameraden sucht, einen, der dann sein "Gehör" ist. Thomas soll ja nicht in Gefahr geraten wegen etwas, das er nicht gehört hat.

Unsere Feuerwehr existiert seit 1924. Als ich vor 18 Jahren dazustieß, war ich die erste Frau, bin über die Jahre aufgestiegen und habe mich dafür eingesetzt, dass wir eine Jugendfeuerwehr bekommen. Hauptberuflich bin ich Großhandelskauffrau, aber ich mag es eben auch, Leute für die Feuerwehr zu begeistern. Viele Menschen wissen gar nicht, was wir hier machen. Es gibt über eine Million Feuerwehrleute in Deutschland, 93 Prozent davon sind Ehrenamtliche. Wir löschen Feuer, befreien Menschen aus verunfallten Fahrzeugen, retten Leben und holen auch mal eine Katze vom Baum.

Thomas kenne ich schon lange über gemeinsame Bekannte. Am Anfang musste ich mich schon an viele Situationen gewöhnen, wenn er zum Beispiel mit dem Rücken zu einem steht, kann man nicht einfach etwas zu ihm sagen. Man muss ihn zuerst antippen, damit man von Auge zu Auge mit ihm kommunizieren kann. Damit wir uns alle besser mit Thomas verständigen können, hat unser Team einen Anfängerkurs in Gebärdensprache belegt. Nächstes Jahr machen wir dann auch den Aufbaukurs. Klar, das bedeutet für alle viel Extraarbeit, ich habe ihm zum Beispiel schon vor der Ausbildung Dinge gezeigt, Lernkärtchen mit Geräten und Begriffen gebastelt. Aber ich bin froh, dass er dabei ist, und hoffe, dass Thomas irgendwann die Ausbildung zum Gerätewart bei der Feuerwehr machen kann.

Barbara

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